Im saarländischen Oberlöstern, einem Ortsteil der Stadt Wadern zwischen Saarbrücken und Trier, wurden schon Anfang des 20. Jahrhunderts mehrere keltische Grabhügel aus dem 4. und 5. Jahrhundert vor Christus entdeckt – per se nichts Ungewöhnliches. Anders ist dies jedoch bei zwei weiteren, in den 1960er Jahren gefundenen Grabhügeln in diesem Gebiet. Die beiden monumentalen Erdhügel mit je einem markanten steinernen Pinienzapfen obenauf sind auf den ersten Blick ebenfalls typisch keltische Grabmäler. Doch Ausgrabungen in den 1990er Jahren enthüllten, dass diese beiden Grabhügel inmitten eines typisch römischen Friedhofs standen und erst im zweiten nachchristlichen Jahrhundert errichtet worden waren.
Von der Keltensiedlung zur Römervilla
Damit stammen die Grabhügel von Oberlöstern aus einer Umbruchszeit von der keltischen in die römische Ära. „Es geht hier um eine Zeit, in der die souveränen keltischen Stämme in das Römische Reich integriert wurden und auf diese Weise eine politische Einheit entstand – und damit um nicht weniger als um die historischen Wurzeln dessen, was wir heute Europa nennen“, erklärt Sabine Hornung von der Universität des Saarlandes. Zusammen mit ihrem Team erforscht sie seit 2006 die antiken Relikte dieser Gegend – und wurde reichlich fündig. So hat das Team dort eine keltische Siedlung aus der vorrömischen Zeit entdeckt. „Im ersten Jahrhundert vor Christus lebten die Menschen unweit des Rotbaches in hölzernen Pfostenbauten“, berichtet die Archäologin. Dunkle Verfärbungen im Boden verrieten, wo einst die Holzpfähle in der Erde steckten. Der keltische Weiler umfasste demnach fünf bis sechs Häuser samt Wirtschaftsgebäuden.
Die Ausgrabungen zeigen aber auch einen deutlichen Wandel am Ende des ersten Jahrhunderts. Mit der Ankunft der Römer und ihrem Einfluss änderten sich Bräuche und Architektur, aber auch die Struktur der Gesellschaft: „Eine grundbesitzende Oberschicht begann nun, ihren gehobenen Status auch architektonisch hervorzuheben“, berichtet Hornung. Davon zeugen die Überreste einer römischen Villa, die die Archäologen ausgegraben und rekonstruiert haben. Es handelt sich dabei um
den bislang größten römischen Gutshof im Hochwald. „Der Hausherr lebte im prunkvollen Hauptgebäude, nachgeordnete Familien in den kleineren Nebengebäuden des angrenzenden Wirtschaftshofes”, sagt Hornung. “Gesellschaftliche Unterschiede zu Familien in umliegenden Nebengebäuden zeigen sich hier nun deutlich.”
Hügelgräber als kultureller Hybrid
Das römische Gräberfeld in Oberlöstern mit seinen beiden Hügelgräbern wurde wahrscheinlich von den Bewohnern der Römervilla, aber auch den Menschen einer rund einen halben Kilometer entfernt liegenden Siedlung aus jener Zeit genutzt. „Es handelt sich um eine ländliche Siedlungslandschaft mitsamt dem Gräberfeld, einem Tempelbezirk auf einer Anhöhe, der kultisch-religiöser Mittelpunkt der Gemeinschaft war, einem Gehöft der Großgrundbesitzer und weiteren Höfen abhängiger Kleinbauern“, erklärt Hornung. „Das Ensemble aus Grabfunden und verschiedenen archäologischen Denkmälern ist einzigartig im gesamten Westhunsrück.”
Die Kombination keltischer und römischer Elemente im Gräberfeld zeugt von den Einstellungen der Menschen in dieser Übergangszeit: Sie lebten bereits nach römischen Sitten, betonten aber gleichzeitig ihre keltische Herkunft. „Die monumentalen Hügelgräber sind ein kultureller Hybrid. Als Erdhügel zeigen sie weithin sichtbar eine typisch keltische Grabarchitektur. Allerdings sind sie nach römischer Sitte mit massiven Quadermauern umfriedet. Auch die steinernen Pinienzapfen, mit denen sie bekrönt sind, sind typisch römische Symbole des ewigen Lebens“, erklärt Hornung. “Ihre Erbauer betonen mit diesen Hügeln ihre keltischen Wurzeln, greifen zugleich aber auch auf repräsentative römische Architekturelemente zurück.” Diese Mischung aus römischen und keltischen Elementen illustriert auch ein zwischen den beiden Hügelgräbern entdecktes römisches Grabdenkmal aus dem zweiten Jahrhundert. Auf diesem eigentlich typisch römischen Monument sind in einem Bildfeld der Verstorbene und seine Frau in keltischer Tracht dargestellt.
Nach Ansicht der Archäologin illustrieren diese Funde, wie die Menschen damals mit dem kulturellen und politischen Wandel umgingen, womit sie sich identifizierten und welche Glaubensvorstellungen und Werte ihr Leben in dieser Übergangszeit prägten.
Quelle: Universität des Saarlandes





