Das Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit liegen nun schon fast 80 Jahre zurück. Entsprechend wenige Menschen leben noch, die aus eigener Anschauung und eigenem Erleben aus dieser Zeit erzählen können. Zwar laufen weltweit mehrere Projekte, bei denen Zeitzeugen und Zeitzeuginnen per Video aufgezeichnet werden, während sie von ihren Erfahrungen als Verfolgte und Gefangene berichten. Doch während Schülerinnen und Schüler, aber auch interessierte Erwachsene den Zeitzeugen bei Live-Begegnungen ihre Fragen stellen können und es zum Austausch kommt, bleiben solche Video-Aufzeichnungen zwangsläufig einseitig und wenig interaktiv.
Zeitzeugen-Aufnahmen in 3D
Abhilfe schaffen soll nun ein interaktives Online-Format, bei dem KI-gestützte Technik den virtuellen Dialog mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ermöglicht. Entwickelt wurden diese innovativen Online-Zeugnisse im Rahmen des Projekts LediZ (Lernen mit Digitalen Zeugnissen) unter Leitung von Anja Ballis von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dafür werden an der LMU München seit 2008 digitale 2D/3D-Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust aufgezeichnet. Dabei berichten die als Jüdin/Jude oder als Sinti und Roma Verfolgten zunächst ihre Geschichte, dann beantworten sie bis zu 1000 Fragen zu ihrem Leben, ihren Erfahrungen und ihrer Zeit.
Aufgezeichnet wird dies mit stereoskopischen Kameras, die eine 3D-Aufnahme ermöglichen. Diese Videozeugnisse können dann, beispielsweise im Schulunterricht, abgerufen werden. “In Studien haben wir mit Hilfe eines Fragebogens und mit Hilfe qualitativer Interviews Jugendliche der Sekundarstufen zum Zeugnis von Abba Naor befragt. Ein zentrales Ergebnis dabei ist, dass die Lernenden im Sinne der narrativen Immersion von der Erzählung angerührt werden, obwohl ihnen der mediale Charakter der Präsentation bewusst ist”, berichten Ballis und ihre Kollegen.
…ergänzt durch interaktive Fragemöglichkeiten
Das Besondere jedoch: Fast wie bei einer Videokonferenz kann man den Zeitzeugen über Mikrofon oder Texteingabe eigenen Fragen stellen. Das Online-Tool schlägt auch mögliche Fragen vor – etwa zur Familie des jüdischen Holocaust-Überlebenden Abba Naor oder seinen Erfahrungen im Konzentrationslager. “Die mündlich gestellte Frage wird in Text umgewandelt und an ein System der Sprachverarbeitung – Google Dialogflow – übermittelt”, heißt es in der Handreichung zum Projekt. Das auf künstlicher Intelligenz basierende System sucht dann in den voraufgezeichneten Videosequenzen nach einer passenden Antwort auf die Frage. Findet diese sich, antwortet der Zeitzeuge oder die Zeitzeugin in Form dieser Videosequenz.
Nach Angaben der Forschenden können solche interaktiven Formate dazu beitragen, die Folgen und Hintergründe des Holocausts vor allem der jungen Generation zu vermitteln. „Indem wir Schülerinnen und Schüler im individuellen Dialog an Abba Naors Geschichte heranführen, möchten wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Gräueltaten des Holocausts nicht vergessen werden“, sagt Christina Sanchez-Stockhammer von der Technischen Universität Chemnitz. Durch die dreidimensionale Aufzeichnung und die Interaktivität bleibt ihnen auch nach dem Tod der Zeitzeugen die Möglichkeit erhalten, unmittelbar an deren Erfahrungen teilzuhaben.





