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Kinder gegen die Apartheid
Geschichte & Archäologie

Kinder gegen die Apartheid

In Soweto, einer Township südwestlich von Johannesburg, versammelten sich am 16. Juni 1976 Tausende Schüler, um gegen die staatlich verordnete Durchsetzung des burischen Afrikaans als Unterrichtssprache zu demonstrieren. Die Polizei schoss – und löste damit einen Aufstand aus, der den Widerstand gegen das…
Autor
Redaktion
15. Mai 2026
Lesezeit
7 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie
In Soweto, einer Township südwestlich von Johannesburg, versammelten sich am 16. Juni 1976 Tausende Schüler, um gegen die staatlich verordnete Durchsetzung des burischen Afrikaans als Unterrichtssprache zu demonstrieren. Die Polizei schoss – und löste damit einen Aufstand aus, der den Widerstand gegen das südafrikanische Apartheid-Regime neu entfachte.

Die Polizei warf Tränengaskanister in die Menge der demonstrierenden Schüler. Einige Kinder flohen, andere suchten Deckung, wieder andere versuchten, die Kanister zurückzuwerfen. Eine der Schülerinnen, die 17-jährige Antoinette Sithole, dachte gerade fieberhaft darüber nach, wie sie es anstellen könnte, diesen Ort unbeschadet zu verlassen, und sah sich nach ihrem Bruder um. Hector war klein, vielleicht versteckte er sich irgendwo, überlegte sie.

Dann sah sie eine Gruppe von Jungen, die um etwas herumstanden. Ein älterer Junge, Mbuyisa Makhubo, hob einen leblosen Körper in die Höhe, und Antoinette erkannte Hectors Schuhe. Kurz darauf lief sie klagend neben Mbuyisa her. Er trug ihren toten Bruder. Hector war zwölf Jahre alt geworden. Der Fotojournalist Sam Nzima machte ein Foto von der Szene, und am nächsten Tag erschien sein Bild in der Zeitung – es zeigte jenen Augenblick, an dem sich ein zunächst bildungspolitisch motivierter Schülerprotest in ein Aufbegehren gegen das Apartheid-Regime verwandelte.

Seit Beginn der 1960er Jahre hatte sich die südafrikanische Regierung keiner breiten Protestbewegung der schwarzen Bevölkerung mehr erwehren müssen. In dieser Phase galt der Widerstand als gebrochen, während die Wirtschaft florierte – manche sprachen sogar vom „goldenen Zeitalter der Apartheid“. Die Regierung sah sich befähigt, die Herrschaft der weißen Minderheit weiter zu festigen – unter anderem durch die Einrichtung sogenannter Townships, Wohnsiedlungen, in denen das Leben der schwarzen Bevölkerung jenseits der weißen Stadtzentren leichter kontrollierbar sein sollte.

Eine dieser Townships war Soweto im Südwesten von Johannesburg. Die Siedlung war vollkommen überbevölkert. Nur 14 Prozent der Wohnungen verfügten über Stromanschlüsse und nur drei Prozent über heißes Wasser. Die Schulen boten ein ähnliches Bild: Viel zu wenige Lehrer, von denen kaum einer ausreichend qualifiziert war, unterrichteten viel zu viele Schüler, die dennoch ambitioniert waren und von einer besseren Zukunft träumten.

Eine Reform des Bildungswesens verunsicherte 1975 sowohl Lehrer als auch Schüler: Die Regierung entschied, Afrikaans, die Sprache der weißen, burischen Minderheit, zur Unterrichtssprache zu machen. Ähnliche Regelungen hatte es bereits zuvor gegeben; es war jedoch gängige Praxis, Ausnahmeregelungen standardmäßig zu erlauben. Damit sollte nun Schluss sein: Geschichte und Mathematik würden von nun an in einer Sprache unterrichtet werden, die viele der Lehrer schlecht und die meisten schwarzen Schüler gar nicht beherrschten. Sofort gab es Protest. Eltern- und Lehrervereinigungen nutzten alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, die Regierung umzustimmen – so auch in Soweto. Ihre Versuche waren jedoch vergebens.

Nun traten Schülervereinigungen auf den Plan, die wenige Jahre zuvor gegründet worden waren: das South African Students Movement (SASM), die National Youth Organisation (NAYO) und in Soweto das African Students’ Movement (ASM). Die Protagonisten dieser Organisationen waren von einer politischen schwarzen Studentenschaft beeinflusst, die zum einen im Zuge der globalen 68er-Bewegung mit Mao-Bibel und Karl Marx in Berührung gekommen war und die zum anderen wieder den Befreiungskampf der unterdrückten schwarzen Mehrheit gegen die weiße Minderheit ins Auge fasste.

Die meisten Schüler, die sich in Gruppen organisierten, interessierten sich aber kaum für Politik. In den meisten Fällen trafen sie sich einfach mit Freunden, trieben Sport und gestalteten ihre Freizeit. Trotzdem erkannte die Regierung in Teilen der Schülerorganisationen eine Gefahr und reagierte mit Schikanen und Verboten. Politisch aktive Anführer wurden verhaftet.

Die rudimentären Netzwerke der Schülerschaft bildeten nun ab Anfang 1976 die Grundlage für Protest gegen Afrikaans im Unterricht. Zuerst beschränkten sich Aktionen auf einzelne Schulen – und bereits in dieser frühen Phase schritt umgehend die Polizei ein, um Unruhestifter zu verhaften. Ein Unterrichtsboykott auf der Phefeni Junior Secondary School in Soweto am 16. Mai breitete sich schließlich auf andere Schulen aus. Die kompromisslose Haltung der Regierung frustrierte die Schüler und trieb sie zum Handeln.

Die nun folgende zweite Phase war durch eine bessere Vernetzung der Schulen gekennzeichnet. Das sogenannte Action Committee wurde gegründet und koordinierte von nun an Protestaktionen. Am 14. Juni begann es mit der Planung eines Protestmarsches, der zwei Tage später stattfinden sollte. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten machten Abgesandte des Komitees auf die Aktion aufmerksam. Die Schüler sollten zahlreich erscheinen, Plakate vorbereiten und vor allem ihre Eltern im Dunkeln lassen. Als der 16. Juni anbrach, hatten die meisten Eltern tatsächlich keine Ahnung, welches Risiko ihre Söhne und Töchter kurz darauf eingehen sollten. Jene, die doch etwas erfuhren, verboten ihren Kindern, an diesem Tag zur Schule zu gehen.

Die Kinder waren aufgeregt, tatendurstig und zuversichtlich. Trotzdem ahnten auch sie, dass eine Gefahr lauerte. Grundschulen hatte man in die Planung nicht einbezogen. Die Kleinsten sollten in den Klassen bleiben. Mitglieder des Action Committee zogen von Schule zu Schule und riefen zum Protestmarsch auf; begeisterte Schüler strömten auf die Schulhöfe, und es kam auch vor, dass weniger enthusiastische Kinder zum Mitmachen genötigt wurden.

Auf drei separaten Routen zogen die Kinder mit ihren Plakaten, auf denen sie ihre Abneigung gegen Afrikaans zum Ausdruck brachten, singend zum Ort der geplanten Kundgebung. Auf dem Weg schlossen sich weitere Schulen an. Die Polizei erklärte später in ihrem offiziellen Bericht, die Kinder hätten randaliert. Tatsächlich war die Stimmung aber nicht angespannt, sondern ausgelassen. Die wenigsten der Kinder hatten das Gefühl, etwas Politisches zu tun. Als klar wurde, dass Polizisten im Anmarsch waren, riefen die Anführer dazu auf, ruhig zu bleiben.

Die Polizei sah in dem Marsch in erster Linie einen Angriff auf die etablierte Kontrolle, die essentieller Bestandteil der Townships war. Eine kampfbereite Einheit unter der Führung von Colonel J. A. Kleingeld stellte sich den Kindern und Jugendlichen in den Weg. Später gab Kleingeld an, die Schüler mehrfach zum Umkehren aufgefordert zu haben. Sollte er dies getan haben, nutzte er dafür kein Megaphon, mit dem er die Gesänge hätte übertönen können. Als sich Tränengas ausbreitete, wussten die meisten Kinder zuerst gar nicht, was vor sich ging. Es folgten Schüsse. Hector Pieterson und Hastings Ndlovu wurden von Kugeln getroffen und starben. Die Überlebenden flohen in Panik, verfolgt von der Polizei.

Auf die initiale Panik folgte Wut. Die Kinder gingen nicht nach Hause, sondern sammelten sich in Gruppen, bewaffneten sich mit Steinen. Gerade noch hatte man dafür demonstriert, Afrikaans als Unterrichtssprache wieder abzuschaffen – doch nun begann der Kampf gegen die Polizei, gegen den Staat, gegen die Apartheid. Die Straßen von Soweto wurden zum Schlachtfeld. Die Schüler griffen Büros der Township-Verwaltung (WRAB) an, verübten Brandanschläge und zerstörten Autos, von denen sie – nicht immer zu Recht – annahmen, dass sie Weißen gehörten. Zwei Weiße, einer von ihnen ein Sozialarbeiter, wurden totgeschlagen. Die Polizei forderte Verstärkung an.

In den folgenden Tagen setzten sich die Kämpfe fort. Schüler sammelten sich immer wieder in Gruppen, bewarfen Polizisten mit Steinen, rannten weg, wenn geschossen wurde, verübten Brandanschläge. Außerdem kam es zu Plünderungen, denn die Kriminellen der Vorstadt, die sogenannten tsotsis, machten sich das Chaos zunutze, um sich auf Kosten der geschockten Gemeinden zu bereichern. Polizisten patrouillierten mit gepanzerten Fahrzeugen und schossen auch dann auf Schüler, wenn diese sich ruhig verhielten. Viele Kinder hatten Angst, nach Hause zu gehen, weil Polizisten systematisch Wohnungen durchsuchten und Schüler verhafteten.

Wochenlang ging es so weiter. Am 6. Juli ließ die Regierung schließlich verlauten, dass die Einführung von Afrikaans als obligatorische Unterrichtssprache zurückgenommen würde. In Soweto reichte diese Kurskorrektur aber nicht mehr aus. Die Anführer des Schüleraufstands waren längst dazu übergegangen, den Kampf auf das Apartheid-Regime insgesamt auszurichten. Auch erwachsene Aktivisten und Mitglieder des African National Congress (ANC), die im Untergrund oder im Exil leben mussten, wurden auf die Schülerbewegung aufmerksam, erkannten deren Potential und nahmen Jahre später für sich in Anspruch, die Kinder angeleitet zu haben, obwohl in Wirklichkeit Taktiken und Strategien der Bewegung nicht von außen kamen, sondern von den Jugendlichen selbst entwickelt wurden.

Bald waren es nicht mehr nur die Kinder, die sich erhoben: Am 4. August marschierten 20 000 Schüler samt ihren Eltern und streikenden Arbeitern in Richtung Stadtzentrum von Johannesburg, um für die Freilassung der seit dem 16. Juni verhafteten Kinder zu demonstrieren. Die Polizei rückte an, schoss in die Menge, tötete drei Schüler und zwang die Demonstranten zur Umkehr.

Ein zweiter Streik folgte drei Wochen später – diesmal mit noch höherer Beteiligung. Er brachte jedoch eine neue unheilvolle Entwicklung mit sich. Jugendliche gerieten mit Arbeitsmigranten aneinander, in denen sie Streikbrecher sahen. Eine Unterkunft geriet in Brand, und der Konflikt eskalierte. Die Polizei machte sich das zunutze und hetzte die Migranten auf die Bürger Sowetos. Mit Speeren und Keulen bewaffnet fielen die Männer über die Siedlung her, drangen in Wohnungen ein und mordeten. Familien flohen, Jugendliche sammelten sich auf den Straßen, um zurückzuschlagen. Eine Migrantenunterkunft nach der anderen ging in Flammen auf.

Ein dritter Streik vom 13. bis zum 15. September war noch größer als die beiden vorausgehenden. Trotzdem verlor die Bewegung nun an Kraft. Unaufhaltsam rollte eine gewaltige Prozesswelle an, und bis zum Oktober waren 1200 Menschen in Zusammenhang mit dem Aufstand verurteilt worden. Von den aktivsten Jugendlichen zog es viele ins Exil; einige von ihnen schlossen sich dem bewaffneten Arm des ANC an. In den Schulen ging scheinbar das normale Leben weiter, aber unter der Oberfläche brodelte es. Die Klassen waren überfüllt, ebenso wie die Wohnungen. Mehr und mehr Eltern verloren ihre Arbeit. Und in den 1980er Jahren sollte sich daraus der nächste Versuch entwickeln, das System zu Fall zu bringen.

Geschichte zum Hören

Zum Thema dieses Artikels gibt es auch einen Podcast!
Näheres dazu unter: www.damals.de

Dr. David Neuhäuser

arbeitet als Historiker und freier Journalist. Er ist einer der beiden Moderatoren des DAMALS-Podcasts.

Literatur

Noor Nieftagodien, The Soweto Uprising. Auckland Park (Johannesburg) 2014.

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