Die Polizei warf Tränengaskanister in die Menge der demonstrierenden Schüler. Einige Kinder flohen, andere suchten Deckung, wieder andere versuchten, die Kanister zurückzuwerfen. Eine der Schülerinnen, die 17-jährige Antoinette Sithole, dachte gerade fieberhaft darüber nach, wie sie es anstellen könnte, diesen Ort unbeschadet zu verlassen, und sah sich nach ihrem Bruder um. Hector war klein, vielleicht versteckte er sich irgendwo, überlegte sie.
Dann sah sie eine Gruppe von Jungen, die um etwas herumstanden. Ein älterer Junge, Mbuyisa Makhubo, hob einen leblosen Körper in die Höhe, und Antoinette erkannte Hectors Schuhe. Kurz darauf lief sie klagend neben Mbuyisa her. Er trug ihren toten Bruder. Hector war zwölf Jahre alt geworden. Der Fotojournalist Sam Nzima machte ein Foto von der Szene, und am nächsten Tag erschien sein Bild in der Zeitung – es zeigte jenen Augenblick, an dem sich ein zunächst bildungspolitisch motivierter Schülerprotest in ein Aufbegehren gegen das Apartheid-Regime verwandelte.
Seit Beginn der 1960er Jahre hatte sich die südafrikanische Regierung keiner breiten Protestbewegung der schwarzen Bevölkerung mehr erwehren müssen. In dieser Phase galt der Widerstand als gebrochen, während die Wirtschaft florierte – manche sprachen sogar vom „goldenen Zeitalter der Apartheid“. Die Regierung sah sich befähigt, die Herrschaft der weißen Minderheit weiter zu festigen – unter anderem durch die Einrichtung sogenannter Townships, Wohnsiedlungen, in denen das Leben der schwarzen Bevölkerung jenseits der weißen Stadtzentren leichter kontrollierbar sein sollte.
Eine dieser Townships war Soweto im Südwesten von Johannesburg. Die Siedlung war vollkommen überbevölkert. Nur 14 Prozent der Wohnungen verfügten über Stromanschlüsse und nur drei Prozent über heißes Wasser. Die Schulen boten ein ähnliches Bild: Viel zu wenige Lehrer, von denen kaum einer ausreichend qualifiziert war, unterrichteten viel zu viele Schüler, die dennoch ambitioniert waren und von einer besseren Zukunft träumten.
Eine Reform des Bildungswesens verunsicherte 1975 sowohl Lehrer als auch Schüler: Die Regierung entschied, Afrikaans, die Sprache der weißen, burischen Minderheit, zur Unterrichtssprache zu machen. Ähnliche Regelungen hatte es bereits zuvor gegeben; es war jedoch gängige Praxis, Ausnahmeregelungen standardmäßig zu erlauben. Damit sollte nun Schluss sein: Geschichte und Mathematik würden von nun an in einer Sprache unterrichtet werden, die viele der Lehrer schlecht und die meisten schwarzen Schüler gar nicht beherrschten. Sofort gab es Protest. Eltern- und Lehrervereinigungen nutzten alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, die Regierung umzustimmen – so auch in Soweto. Ihre Versuche waren jedoch vergebens.





