von KATHARINA KUCHER
„Kinder sind unsere Zukunft“. Diesen Satz verwenden Politikerinnen und Politiker gerne, wenn sie auf die Bedeutung der von ihnen vertretenen Inhalte verweisen möchten. Ebenso spielen Kinder immer eine besondere Rolle, wenn über Ereignisse wie Kriege oder soziale Notlagen in den Medien berichtet wird – sind Kinder, die als besonders schutzbedürftig gelten, involviert, erhöht dies die Dramatik einer Situation. Diesen Stellenwert hatten Kinder nicht immer.
Die Entdeckung der Kindheit war ein langer Prozess. Der Mediävist Philippe Ariès formulierte 1960, dass es das, was wir Kindheit nennen, nicht immer gegeben hat, dass das Mittelalter eine Abgrenzung zwischen Kindern und Erwachsenen nicht kannte. Diese Annahme löste heftige Diskussionen aus und ebnete damit der historischen Kindheitsforschung den Weg.
„Große Fragen durch kleine Leute verfolgen“
Kindheit ist nicht nur eine individuelle Lebensphase, die jeden Menschen betrifft, sie hat auch eine übergeordnete Bedeutung. Sie ist Projektionsfläche für die sich wandelnden Gesellschaftsvorstellungen und aufgrund des starken Bezugs zum jeweiligen historischen Kontext kein statisches Gebilde, sondern ein sich „wandelndes Ideensystem“ (so bezeichnete es der Historiker Hugh Cunningham). Daher ermöglicht es die Erforschung der Kindheit, die Entwicklungen einer Epoche aus einer spezifischen Perspektive zu betrachten, oder, wie es die Historikerin Sarah Maza formuliert hat, „große Fragen durch kleine Leute zu verfolgen“.
Dies gilt für alle Gesellschaften. Allerdings ist die Kindheitsforschung für die westlichen Gesellschaften im Vergleich zum östlichen Europa und Russland umfassender und weiter vorangeschritten. In allgemeinen Überblicksdarstellungen oder Nachschlagewerken zur Kindheitsgeschichte spielten Russland beziehungsweise die Sowjetunion immer noch eine untergeordnete Rolle. Dabei eröffnet der Blick ins Russische Kaiserreich nicht nur wertvolle Einsichten in die Geschichte der Kindheit, sondern belegt auch den intensiven Transfer westeuropäischen Gedankenguts, der sich insbesondere seit Katharina der Großen in Erziehungs- und Bildungskonzepten niederschlug.
Die Kaiserin gründete 1764 nach französischem Vorbild die Kaiserliche Erziehungsgesellschaft adliger Mädchen, das sogenannte Smolny-Institut. 1784 verfasste sie eine 50-seitige Anweisung für die Erziehung ihrer Enkel Alexander – der spätere Zar Alexander I. – und Konstantin. Dieses Dokument belegt, dass sich Katharina II., die in regem Austausch mit westeuropäischen Aufklärern wie Voltaire und Diderot stand, innerhalb des europäischen Diskurses auf Augenhöhe befand.
Auch führende russische Intellektuelle publizierten zu dieser Zeit Traktate über die Erziehung und die Unterweisung von Kindern. Zum Wohl der Familie und des Staates sollten Eltern für eine angemessene physische, sittliche und intellektuelle Erziehung sorgen. Angesprochen wurde in erster Linie der Adel als Funktionselite des Landes. Dies bedeutet keinesfalls, dass die Kindheiten anderer gesellschaftlichen Schichten nicht existierten oder keine Rolle spielten. Die Kindheitsvorstellungen des russischen Adels waren aber im 18. und frühen 19. Jahrhundert richtungweisend und sind gut dokumentiert.





