Der Wahrheitsgehalt dieser Legende ist strittig. Aber es gibt Indizien, die dafürsprechen. Denn für den Frankenherrscher lag es nahe, seine Expansion Richtung Italien durch die Gründung eines strategisch platzierten Klosters abzusichern – dieses spiegelte seine religiösen Überzeugungen wider, förderte Bildung und Zusammenhalt in der Region und diente der Verwaltung des Reichs. Auch der kurz vor 800 entstandene prachtvolle Freskenzyklus in der Klosterkirche gibt einen Fingerzeig, dass Müstair für den König einen hohen Stellenwert besaß: Offenbar sollten dort Kunst und Wissenschaft systematisch gefördert werden.
Das ursprüngliche Männerkloster ging im 12. Jahrhundert an eine Frauengemeinschaft über, die 1163 erstmals erwähnt wurde und ebenfalls den Regeln Benedikts von Nursia folgte. Bis heute leben und arbeiten acht Benediktinerinnen in Müstair (Stand: 2024).
Das Dorf im Münstertal (Val Müstair, Kanton Graubünden) erreicht man nach wenigen Kilometern, wenn man zwischen Reschenpass und Meran bei Mals Richtung Westen abbiegt. Der Klosterkomplex auf der rechten Seite, um den sich schon im frühen Mittelalter ein kleiner Flecken bildete, prägt das Dorfbild noch immer. Ins Auge fallen, neben dem Klosterbau selbst, besonders die Kirche, die Heiligkreuzkapelle am Eingang des Friedhofs und der prägnante dreistöckige Wohnturm.
Natürlich ist das, was Besucherinnen und Besucher erblicken, nicht die ursprüngliche Anlage. Die Ausstellung im Klostermuseum fasst die bewegte Historie der monastischen Gemeinschaft von St. Johann so auch treffend als „1250-jährige Baugeschichte“ zusammen. Einige Stichpunkte: Um 960 ließ Bischof Hartpert von Chur den sogenannten Plantaturm als Wohn- und Wehrturm errichten; um 1035 ersetzte eine frühromanische Bischofsresidenz den karolingischen Nordtrakt, im bisherigen Atrium entstand der zentrale Kreuzgang; im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Kloster mit Mauern geschützt; nach den Verheerungen des Schwabenkriegs von 1499 mussten Teile der Anlage wieder aufgebaut werden.
Kurz vor 800 hatten führende karolingische Künstler die Altarnischen (Apsiden) der Klosterkirche mit Fresken ausgemalt, die von der Heilsgeschichte künden. Diese Arbeiten gelten als außergewöhnliche Hinterlassenschaft des europäischen Frühmittelalters, weshalb die UNESCO sie 1983 in den Welterbestatus erhob. Ende des 12. Jahrhunderts wurden die Apsiden und die Ostwand mit romanischen Fresken übermalt, Ende des 15. Jahrhunderts verschwanden die Bildprogramme für lange Zeit unter einer Schicht Tünche – erst im späten 19. Jahrhundert wurde der kunsthistorische Schatz wiederentdeckt.
Zwischen Mittel- und Südapsis ist eine Statue des Stifters Karls des Großen aufgestellt. Nur Teile der Figur, die in der ursprünglichen Version wohl das Kirchenmodell im Arm getragen hat, sind noch original.





