Im Juli 2014 wurden bei Sanierungsarbeiten an den Außenanlagen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin menschliche Gebeine sowie Knochen von Tieren gefunden. Es bestand der Verdacht, dass diese Funde mit dem ehemaligen Kaiser‐Wilhelm‐Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Verbindung stehen könnte, das in unmittelbarer Nähe lag. Dieses 1927 gegründete Institut stellte sich schon früh in den Dienst des NS-Staats. Wissenschaftler dieses Instituts forschten unter anderem zur Rassenhygiene und wirkten an den Verbrechen des Nationalsozialismus mit. Der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele war Gastwissenschaftler am Institut und soll später Skelettteile von Auschwitz zur weiteren Untersuchung nach Berlin geschickt haben, wie historische Untersuchungen nahelegen.
Knochen möglicher Opfer von NS-Zeit und Kolonialismus
Entsprechend brisant waren daher die Knochenfunde. Um ihren Kontext zu klären, wurden die insgesamt etwa 16.000 geborgenen Fragmente menschlicher Knochen einer gründlichen Analyse unterzogen. 2021 veröffentlichte das Team um Susan Pollock vom Institut für Vorderasiatische Archäologie seine Ergebnisse. Demnach stammen die Knochen von mindestens 54 Menschen aller Altersgruppen sowie männlichen und weiblichen Geschlechts. Reste von Klebstoff und Beschriftungen auf manchen Knochen sowie das Fehlen moderner medizinischer Eingriffe deuteten für viele der Knochen auf die Herkunft aus anthropologischen oder archäologischen Sammlungen hin. Es sei aber nicht auszuschließen, dass manche Knochen aus Kontexten stammen, die direkt mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu tun haben, so Pollock und ihre Kollegen.
Ausgehend von diesen Befunden und der Tatsache, dass die Herkunft der menschlichen Überreste nicht eindeutig bestimmt werden konnte, wurde beschlossen, keine weiteren Analysen durchzuführen und die Knochen stattdessen zu bestatten. Dem stimmten auch Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen der möglichen Opfer zu, darunter der Zentralrat der Juden in Deutschland und Verbände der Sinti und Roma, aber auch Organisationen, die die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation in der NS-Zeit vertreten. Weil einige der Knochen auch von getöteten Herero und Nama aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Westafrika, dem heutigen Namibia, stammen könnten, waren auch Vertretungen der Herero und Schwarzer Menschen in Deutschland beteiligt.
Beisetzung im Rahmen öffentlicher Trauerfeier
Gemeinsam kam man zu der Entscheidung, dass der Versuch, die gefundenen Knochen und Knochenfragmente mittels invasiver Methoden spezifischen Opfergruppen zuzuordnen, letztlich die rassistischen Methoden und Klassifikationen der Vergangenheit reproduzieren würde und daher abzulehnen sei. Man einigte sich darauf, die menschlichen Überreste würdevoll, aber ohne religiöse Vereinnahmung oder eurozentrische Symbolik, beizusetzen. Diese Bestattung fand am 23. März 2023 auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem im Rahmen einer öffentlichen Trauerfeier mit rund 230 Gästen statt.





