Die Zeit des geschichtlichen Artus ist einedunkle Zeit. In einer schlimmen Krise seines Landes erschien ein Retter, ein Heerführer aus der britischen Adelsschicht: Arthur/Artus. Sein Name ist vermutlich lateinisch, kommt von Artorius; entsprechende Benennungen waren in der römisch-britischen Führungsschicht nicht unüblich. Wir wissen von ihm nur, dass er als Heerführer außer‧gewöhnlich erfolgreich war und seine Truppen gegen einen Feind führte, der als primitiv und barbarisch galt und zudem heidnisch war. Er besiegte die Feinde. Die Angeln und die Sachsen zogen sich zurück und wagten lange nicht mehr, die Briten anzugreifen. So erlebte das Land durch ihn eine goldene Zeit des Friedens. Ihr Glanz ließ die Gestalt dessen, der ihn erkämpft hatte, in hellem Licht leuchten. Daher bewahrten die Briten, als sie von den wieder angreifenden Sachsen in Randgebiete wie Wales abgedrängt oder zur Emigration in die Bretagne gezwungen wurden, die Erinnerung an Artus als den großen Helden, der ihnen einst Sieg und Frieden beschert hatte. Bei ihnen entstanden die Sagen, aus denen später der literarische König hervorging.
Die Sagen der Bretonen und Waliser sind nicht schriftlich festgehalten worden, weil derartige „Literatur“ nicht als aufschreibenswert galt. Anders ist das bei Heiligenlegenden, die in der kirchlichen Praxis einen Platz hatten. Hier taucht Artus als Randfigur auf, als ein Herrscher, mit dem es Konflikte um das Kircheneigentum oder die Autorität kirchlicher Institutionen gab. Er erscheint jedoch auch als Beschützer der Bedrängten und Verfolgten und nimmt damit die klassische Rolle des guten Königs ein, die er später so erfolgreich darstellen wird. In der lateinischen Legende vom heiligen Gildas des Caradoc von Llancarfan (um 1130) treffen wir auf ein Motiv, das in den Artusromanen eine wichtige Rolle spielt: die Entführung der Königin. König Melas hat sie geraubt und nach Glastonbury gebracht, Artus sucht sie ein Jahr lang, bis er sie schließlich findet. Den drohenden Kampf verhindert der Abt von Glastonbury, indem er Melas überredet, die Königin herauszugeben. Eine ähnliche Geschichte findet sich in einer bildlichen Darstellung: Lombardische Künstler schufen um 1130 den Bogenfries am Nordportal des Doms von Modena. Dargestellt sind „Artus de Bretania“, „Winloggee“ (Königin Gwenhwyfar/Guenièvre) und die prominenten Artusritter Gauvain und Keu.
Erzählungen von Artus in kymrischer (walisischer) Sprache sind erst spät, aus dem 14. Jahrhundert überliefert, sie gehen jedoch in frühere Zeiten (11. Jahrhundert?) zurück. Die wichtigste von ihnen ist die von Culhwch und Olwen, die im „Roten Buch von Hergest“ und im „Weißen Buch von Rhydderch“ aufgezeichnet wurde. Sie gehört zu den Erzählungen, die man seit ihrer Übersetzung ins Englische im 19. Jahrhundert „Mabinogion“ („Jugendgeschichten“) nennt. Culhwch ist durch einen Zauberspruch gebunden, Olwen, die Tochter des Riesen Ysbaddaden, zu heiraten. Er sucht Artus auf, um Hilfe von ihm zu erbitten, und verlangt 200 Krieger, deren Namen aufgezählt werden; Cei (Keu), Bedwyr (Bedevere) und Gwalchmai (Gauvain) werden als die tüchtigsten Kämpfer genannt.





