Die Hanse ist eines der faszinierendsten Phänomene der mittelalterlichen, wenn nicht gar der gesamten Wirtschaftsgeschichte. Nie zuvor und auch niemals danach konnte ein derart lockerer Zusammenschluß von Handelsstädten eine vergleichbare wirtschaftliche und politische Macht auf sich vereinigen. Diese Macht wußte die Hanse auch militärisch zu verteidigen – zu Lande wie zur See.
Der Ursprung der Hanse lag im hohen Mittelalter, in den Zusammenschlüssen deutscher Fernkaufleute, die sich seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts zu Schwurgemeinschaften, den „Kaufmannshansen“ (mittelniederdeutsch Hansa = „Schar“) zusammenschlossen, um gemeinsam den Gefahren der Handelsreisen in fremden Ländern zu begegnen und dort Handelsprivilegien zu erwerben. Diese Kaufmannshansen legten den Grundstein für das spätere hansische Handelsgefüge.
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die frühe Form der Kaufmannshanse jedoch von einer neuen Form der Hanse, der „Städtehanse“, abgelöst. 1358 ist zum erstenmal von den „Steden van der Dudeschen Hense“ die Rede. Mit dem Übergang von der Kaufmanns- zur Städtehanse verlagerte sich die Beschlußfassung innerhalb der Hanse von den Auslandsniederlassungen auf die Heimatstädte.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts bestand die Hanse aus etwa 70 Städten mit ähnlichen, wenn auch nicht identischen Handelsinteressen. Als zentrales Beratungs- und Entscheidungsgremium fungierte der zu besonderen Anlässen einberufene Hansetag, auf dem die Abgesandten der aktiven Hansestädte über die anstehenden Fragen und Probleme verhandelten. Äußere Organisationsmerkmale der Hanse waren – zumindest in ihrer Blütezeit – dagegen kaum ausgeprägt: Es gab keine gemeinsame Kasse, kein gesamthansisches Personal, und die einzelnen Mitgliedsstädte waren unterschiedlichen Territorien unter verschiedenen Stadt- und Landesherren zugehörig oder gar, wie Lübeck, reichsunmittelbar.
Als Höhepunkt der Hanse gilt der Friede von Stralsund von 1370. Im Kampf gegen den dänischen König Waldemar IV. Atterdag (1340–1375), dessen Machtpolitik die wirtschaftlichen Interessen der Hanse im Ostseeraum bedrohte, hatten sich 1367 zahlreiche Hansestädte unter der Führung Lübecks in der sogenannten „Kölner Konföderation“ zu einer militärischen Allianz zusammengeschlossen, der auch viele nordeuropäische Fürsten beitraten. Der Krieg endete für die Dänen mit einer vernichtenden Niederlage; im Jahr 1369 mußten sie die Hanse um Frieden bitten. Mit ihrem Sieg über Waldemar IV. Atterdag war es den hansischen Städten gelungen, ihr wirtschaftliches Gewicht in politische und militärische Geltung zu verwandeln. Die Hanse war damit zu einer nordeuropäischen Großmacht geworden. Neben den Kaufleuten hatten vor allem die Seeleute zum Aufstieg der Hanse beigetragen. Schiffer und Matrosen hatten für die hansische Wirtschaft eine herausragende Bedeutung, denn sie sicherten nicht nur den Warenaustausch innerhalb des hansischen Handelsgefüges, sondern auch die dominierende Stellung der hansischen Schiffahrt in Nord- und Ostsee. Daher waren die Schiffer, die Kapitäne der Hanseschiffe, in ihren Heimatstädten eine der angesehensten Berufsgruppen. Sie zählten wie die Kaufleute in den Hansestädten zum Mittelstand und hatten sogar die Chance, in die städtischen Oberschichten aufzusteigen, denn sie waren am Schiffseigentum und an den Handelsgeschäften beteiligt.





