Ein Massaker folgte dem anderen; indianische Frauen und Kinder wurden ermordet oder mit ihren Männern lebendig in ihren Hütten verbrannt. Um 1680 lebten noch rund 15000 Indianer im zentralen und südlichen Teil der Neuenglandstaaten“, schrieb einst Wolfgang Lindig zum Verlauf des sogenannten King Philip’s War (der Kampf zwischen Siedlern und Ureinwohnern von 1675/76 ist benannt nach deren wichtigstem Anführer Metacom, den die Engländer King Philip nannten). Das Zitat vermittelt den Eindruck, die Kämpfe zwischen Einheimischen und Zuwanderern seien für den Bevölkerungsrückgang der Ureinwohner verantwortlich gewesen. Dies trifft nicht zu. Schon die eingeschleppten Krankheiten reduzierten die einheimische Bevölkerung um etwa 85 bis 90 Prozent. Viele Indianer starben, ohne je einen Europäer gesehen zu haben.
Letztere hatten sich seit 1620 im späteren Neuengland angesiedelt. Die als „Pilgerväter“ in die Geschichte eingegangenen Kolonisatoren waren größtenteils religiöse Flüchtlinge auf der Suche nach ihrem „Kanaan“. Dieses befand sich damals allerdings in der Hand von algonkinsprachigen Stämmen wie etwa den Wampanoag, Massachusett, Narragansett oder Pequot. Archäologische Zeugnisse, mündliche Stammesüberlieferungen und die Berichte der ersten Europäer zeigen, dass deren Alltag alles andere als friedlich war. Abgesehen von internen Spannungen und Fehden standen die Algonkin-Stämme unter massivem Druck der militärisch überlegenen, Irokesisch sprechenden Stämme, die von Westen vordrangen. Letztlich gerieten sie so von beiden Seiten zwischen die Mühlsteine.
Die Geschichte der frühen Besiedlung Neuenglands wäre anders verlaufen, hätten nicht – vermutlich durch den Kontakt mit europäischen Walfängern ausgelöste – Seuchen die einheimische Bevölkerung kurz vor der Ankunft der Pilgerväter stark dezimiert. Denn dann hätte es weit weniger Siedlungsraum gegeben, Konflikte wären folglich viel wahrscheinlicher gewesen. Doch vor allem die Wampanoag und Massachusett waren stark geschwächt und daher an guten Beziehungen zu den Neuan-kömmlingen interessiert. Und diese waren überzeugt, mit Gottes Hilfe alle Herausforderungen der Neuen Welt meistern zu können. In der freundlichen Unterstützung, die ihnen seitens der Wampanoag zuteil wurde, und dem Umstand, dass Krankheiten das Land entleert hatten, sahen sie Gottes Werk; ihrerseits strebten sie ausdrücklich gute Beziehungen zu ihren neuen heidnischen Nachbarn an.
Tatsächlich war die Kriegsbereitschaft der Puritaner im 17. Jahrhundert gering (zwischen 1620 und 1676 fanden nur zwei Kriege statt). Dafür gab es verschiedene Gründe. Zum einen waren die Puritaner eine tiefreligiöse Gemeinschaft und lebten in intakten Familien – im Gegensatz zur Kolonie Virginia, in der der Frauenanteil nur bei etwa 25 Prozent lag und es viel mehr Einzelgänger, Abenteurer und Draufgänger gab. Zum anderen fühlten sie sich nicht nur einem christlich-universalistischen Menschenbild verpflichtet, sondern auch dem Prinzip des „gerechten Krieges“, das der zeitgenössische niederländische Staatsmann Hugo Grotius formuliert hatte, der heute als „Vater des Völkerrechts“ gilt; laut Grotius waren kriegerische Auseinandersetzungen nur unter ganz bestimmten Bedingungen erlaubt. Zudem spielten in der Weltanschauung der Puritaner die Kategorien von Gut und Böse, Satan und Gott eine zentrale Rolle.





