Zu brutal, zu militant und zu erfolglos erschienen die Rebellen, die sich vor allem aus der Volksgruppe der Kikuyu rekrutierten, im Spätsommer 1954. Vor allem aber war es den Aufständischen nicht gelungen, ein politisches Programm zu formulieren, das über die Schlagworte „ithaka na wiathi“ („Land und Freiheit“) hinausging. Denn eine eindeutig nationalistische oder antikolonialistische Agenda verfolgte die Bewegung nicht. Vielmehr war ihre Entstehung eine Reaktion auf das Versagen der schwarzen Eliten.
Der „Mau-Mau-Krieg“ war somit weniger ein Aufstand freiheitsliebender Unabhängigkeitskämpfer gegen die Kolonialmacht Großbritannien als vielmehr ein Konflikt zwischen Besitzlosen und Besitzenden, wobei mit Letzteren einerseits die privilegierten europäischen Siedler in den „White Highlands“, andererseits vor allem auch die Führungsschicht der Schwarzen selbst, die Chiefs, die Dorfvorsteher und die wohlhabenden Bauern aus den Reihen der Kikuyu, gemeint waren.
Traditionell stützten in Kenia die Chiefs ihre Autorität auf ein System von Klientel und Patronage. Ihr Führungsanspruch wurde anerkannt, solange es ihnen gelang, ihre Klanmitglieder zu versorgen. Doch in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg war das System ins Wanken geraten. Ein starkes Bevölkerungswachstum, die Verknappung von Land in der dichtbevölkerten Zentralprovinz, die Mechanisierung der Landwirtschaft und das eigene Streben nach Profit führten zu einem Autoritätsverlust der Führungsschicht.
Politische Opposition sammelte sich zunächst in der East African Association, später in der Kikuyu Central Association (KCA), 1947 in Kenya African Union (KAU) umbenannt. Doch keiner dieser Vereinigungen gelang es, die Chiefs als Ansprechpartner der britischen Kolonialbehörden abzulösen. Ihre Forderungen nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen wurden ignoriert.
Das Ergebnis war die Entstehung der neuen, militanten Bewegung der sogenannten Mau-Mau, die seit 1952 zunehmend zur Gewalt griffen. Die Mau-Mau besaßen keine einheitliche Struktur mit zentraler Führung, sie waren vielmehr ein Sammelbecken verschiedener Gruppen jener, die wirtschaftlich abgehängt und vom mangelnden politischen Fortschritt enttäuscht waren. Ihr Vertrauen in die KAU hatten sie verloren.
Die Mau-Mau versprachen ihren Anhängern ein selbstbestimmtes Leben durch eigenen Landbesitz. Ihr Feind war das Establishment, die europäischen Farmer ebenso wie die Führungsschichten der Kikuyu – welche die Rebellen ihrerseits als „Faulpelze“ diffamierten, die sich Besitz einfach nehmen wollten, statt dafür zu arbeiten. Aus Sicht der Mau-Mau wiederum galten diejenigen, die den bewaffneten Kampf ablehnten, als „Loyalisten“. Dabei war „Loyalismus“ nicht mit politischer Loyalität gegenüber dem rassistischen kolonialen System zu verwechseln – die so Bezeichneten wiesen schlicht die gewalttätigen Methoden der Mau-Mau zurück.





