Eine Kapitulation kam für die Vereinigten Staaten jedoch nicht in Frage. Präsident Richard Nixon erklärte 1973, dass Vietnam an sich unbedeutend sei. Aber Amerika müsse der Welt Willensstärke beweisen. Die USA glaubten den Krieg so lange intensivieren zu müssen, bis der Feind um Friedensverhandlungen nachsuchen müsste. Als Teil dieser Eskalationsstrategie warfen die Vereinigten Staaten allein in den Jahren 1966 bis 1968 fast drei Millionen Tonnen Bomben über Vietnam, Laos und Kambodscha ab – weit mehr als während des gesamten Zweiten Weltkriegs über Asien und Europa.
Die lange Dauer des Krieges und frustrierende Rückschläge wie die nordvietnamesische „Tet-Offensive“ Ende Januar 1968 führten unter den amerikanischen Offizieren und Soldaten zu einer eskalierenden Gewaltspirale gegenüber der vietnamesischen Zivilbevölkerung. Das wohl bekannteste (aber beileibe nicht das einzige) Beispiel eines solchen Gewaltexzesses war die Ermordung von mehr als 400 Bewohnern des Dorfes My Lai im März 1968. Das My-Lai-Massaker offenbart für Greiner sowohl strukturelle Schwächen der amerikanischen Kriegführung – so galt die Zahl getöteter Vietcong-Kämpfer als Erfolgsmaßstab – als auch eine Überforderung der jungen unerfahrenen Soldaten.
Das Massaker von My Lai und sein Vermächtnis ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch und erscheinen zum Schluss als grundsätzliche Her-ausforderung für Amerikas Selbstverständnis. Die USA waren stolz darauf, Kriege niemals aus selbstsüchtigen Motiven, sondern stets in der Rolle des Angegriffenen und demokratische Werte Verteidigenden geführt zu haben. Der Vietnam-Krieg und My Lai konterkarieren dies. Greiners Buch ist eine umfassende Analyse auf der Grundlage vieler erst seit kurzem zugänglicher Dokumente, die keine unparteiische Darstellung von Ereignissen anstrebt, sondern konsequent Schwachstellen in der amerikanischen Kriegführung in Vietnam aufzeigt.
Rezension: Schild, Georg





