Mit Nero endete die von Augustus gegründete iulisch-claudische Dynastie, zu der auch die Caesaren Tiberius, Caligula und Claudius gehörten. Der sich anschließende Krieg der Prätendenten Galba, Otho und Vitellius um die vakante Spitzenposition im Reich mündete in die neue Herrscherdynastie der Flavier, die wieder für stabile Regierungsverhältnisse sorgten. Mit den aus Spanien stammenden Imperatoren Trajan und Hadrian begann eine Epoche, die schon von den Zeitgenossen als Glanzzeit charakterisiert wurde und die von weitgehend friedlichen Verhältnissen innerhalb der Grenzen des riesigen Reiches geprägt war. Nach den Eroberungen Trajans im heutigen Rumänien und im Orient war das Imperium territorial so groß wie nie zuvor.
Doch „Pax“ ist kein Buch, das nur vom kaiserlichen Spitzenpersonal handelt, auch wenn die höchst einprägsamen, pointierten Charakterisierungen der Herrscher zu den absoluten Höhepunkten der Lektüre zählen. So erscheint Nero im Verzeichnis der handelnden Personen als „Kaiser und Showman“. Und kann man den Umstand, dass sich Domitian in seiner Villa in den Albaner Bergen häufig langweilte, schöner beschreiben als mit den Worten: „Hier hatte er Domitia verführt, Gedichte geschrieben und sich im Bogenschießen geübt“? Neben solchen Perlen bietet das Buch aber auch ein komplexes und anschauliches Bild von den politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Verhältnissen in den „Goldenen Zeiten“ Roms.
Die erzählerische Brillanz lässt darüber hinwegsehen, dass inhaltlich wenig Neues geboten wird, bei manchen Aussagen die analytische Tiefenschärfe fehlt (so bei der Darstellung der Außen- und Militärpolitik) und der Autor auch nicht frei ist von Klischees wie der anscheinend in Stein gemeißelten, jedoch als historische Kategorie wenig zielführenden Vorstellung von der „römischen Dekadenz“. Doch sogleich ist man versöhnt, wenn man zum Beispiel liest, was Holland aus einer einzigen Notiz bei dem antiken Biographen Sueton macht, wonach bei einem 90-jährigen Juden öffentlich nachgeprüft wurde, ob er beschnitten sei und daher eine Judensteuer zahlen müsse. Erstaunlich ist, dass sich der Autor an die Spuren von klugen Zeitzeugen wie Plinius oder Dion von Prusa heftet, einen mitteilsamen Repräsentanten des Gedankens der kulturellen Reichseinheit wie den griechischen Publizisten Plutarch aber nicht einmal erwähnt.
„Pax“ – das ist eine fesselnde Lektüre mit einem prall gefüllten, großartigen Panorama römischer Geschichte der Kaiserzeit, zugleich ein historisches Lehrstück von einer aus Machtkämpfen und Kriegen hervorgegangenen Friedenszeit.
Rezension: Prof. Dr. Holger Sonnabend
Tom Holland
Pax
Krieg und Frieden im Goldenen Zeitalter Roms
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2024, 448 Seiten, € 32,–





