Die Gefangennahme Adolf Eichmanns am 11. Mai 1960 in Buenos Aires begründete den legendären Ruf des israelischen Auslandsnachrichtendienstes Mossad. Dabei besaß die Jagd nach deutschen Kriegsverbrechern lange keine hohe Priorität. Im Gegenteil war Mossad-Chef Isser Harel lange der Ansicht, dass seine Agenten mit der Aufklärung und Analyse der Fähigkeiten und Pläne der arabischen Nachbarländer mehr als ausgelastet seien.
Als 15 Jahre zuvor der Zweite Weltkrieg endete, stand Eichmann auf den Verhaftungslisten der Alliierten zunächst ebenfalls nicht besonders weit oben. Als Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war er nur einer beschränkten Öffentlichkeit bekannt. Zwar war Eichmann innerhalb des bürokratischen Apparates eine feste Größe, und auch in den Reihen seiner Opfer hatten viele schon einmal von ihm gehört, doch er war keiner jener ranghohen Nazis, deren Bilder auf den Titelseiten der Zeitungen zu finden waren. Noch Monate nach Kriegsende hatten die Fahnder des amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) nicht einmal eine Fotografie von ihm, sondern waren auf eine Personenbeschreibung angewiesen, die sie von seinem ehemaligen Mitarbeiter Dieter Wisliceny erhalten hatten. Der war bei den Nürnberger Prozessen ein wichtiger Zeuge der Anklage gewesen. Überhaupt war dort immer wieder dieser eine Name gefallen: Eichmann.
Im Rheinland geboren, aber in Linz aufgewachsen, war Eichmann durch seinen Bekannten Ernst Kaltenbrunner, den späteren Chef des RSHA, zu den Nationalsozialisten gelangt. Als die NSDAP dann im Juni 1933 in Österreich verboten wurde, kehrte Eichmann, der gerade seinen Job als Reisebeamter bei der Vacuum Oil Company verloren hatte, ins Land seiner Geburt zurück. Im Folgejahr trat er dem Sicherheitsdienst (SD) bei. In Berlin betreute er zunächst dessen „Freimaurerkartei“, ehe er ein Jahr darauf in die Abteilung II 112 versetzt wurde, die für die Überwachung zionistischer Organisationen zuständig war.
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 machte er sich dann als Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ in Wien einen Namen. Trotz beschränkter Ressourcen zeigte er sich äußerst effektiv darin, die jüdische Bevölkerung der Stadt zur Ausreise zu drängen. Nicht nur gelang es ihm, die führenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde zur Kooperation zu zwingen, sondern sie auch dazu zu bewegen, die Kosten für die Ausreise ärmerer Gemeindemitglieder zu übernehmen. Seine Leistungen beeindruckten seinen Chef Reinhard Heydrich derart, dass er ihn 1939 nach Prag versetzte, um sein „Wiener Modell“ auch hier zu implementieren.
Gleichwohl blieb Prag ein Zwischenstopp. Als im Herbst 1939 die Sicherheitspolizei und der SD unter der Führung Heydrichs im RSHA zusammengelegt wurden, wurde Eichmann Leiter der Abteilung IV B4, zuständig für „Juden- und Räumungsangelegenheiten“ und bald bekannt als „Judenreferat“ oder „Eichmannreferat“. Als Leiter dieser Abteilung hatte Eichmann die nationalsozialistische Judenpolitik in die Tat umzusetzen.





