Die neu erschienene Biographie “Kronprinz Rudolf” von Jean-Paul Bled, Professor für Neuere österreichische und deutsche Geschichte an der Universität Paris-Sorbonne, versucht zu rekonstruieren, wie es zu der “Tragödie von Mayerling” kommen konnte. Der Autor sieht die Ursachen schon in der Kindheit und Erziehung des Kronprinzen begründet, die entgegen seinem Naturell zunächst sehr streng und militärisch war. Erst das Eingreifen der Mutter Elisabeth sorgte dafür, daß die große Begeisterung Rudolfs für die Naturwissenschaften und vor allem die Zoologie gefördert wurde. So zählte der bekannte Tierforscher Alfred Brehm zu seinen Lehrern. Später ging Kronprinz Rudolf seinem wissenschaftlichen Interesse auf zahlreichen Reisen nach und trat auch durch Publikationen wie der Enzyklopädie “Die österreichische Monarchie in Wort und Bild” hervor.
Durch seine antiklerikale und liberale Haltung geriet der Thronfolger in Konflikt mit seinem Vater. Nach Meinung des Autors ist neben anderen Vorkommnissen auch in dieser Gesinnung Rudolfs ein Grund für die Entfremdung zu sehen, die sich zwischen ihm und seiner Frau, Prinzessin Stephanie von Belgien, einstellte. Sehr ausführlich schildert der Autor in der zweiten Hälfte des Werkes die Entwicklungen, die zur “Tragödie von Mayerling” führten. Ein ganzes Kapitel ist dem Leben der Prinzengeliebten Mary Vetsera gewidmet, die Rudolf vermutlich tötete, bevor er sich selbst umbrachte. Wie die österreichische Monarchie die schwere Krise überstand, die der mysteriöse Selbstmord des Thronfolgers hervorrief, erfährt der Leser hingegen nicht.
Die gewagten Thesen zur Persönlichkeitsentwicklung des Kronprinzen lassen sich heute nicht mehr nachprüfen. Daher hätte man sich von Jean-Paul Bled eine Biographie gewünscht, die eher eine historische Perspektive einnimmt und die Person des Kronprinzen Rudolf unter Berücksichtigung des politischen Geschehens im Habsburgerreich bewertet. Der Autor geht zwar auf politische Ereignisse ein, aber die Verbindung zum Leben Rudolfs bleibt dabei verborgen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den zahlreichen Legenden über den Kronprinzen wird nur am Schluß vorgenommen statt – wie man es erwarten dürfte – im gesamten Werk.
Rezension: Hauff, Andrea





