Schätzungen zufolge werden jährlich rund 1.500 Gegenstände mit lateinischen Inschriften aus der Römerzeit entdeckt, darunter beispielsweise kaiserliche Erlasse oder Grabinschriften. Diese Dokumente können Einblicke in das kulturelle Leben und die Entwicklungen des Römischen Reiches geben – sofern man sie lesen kann. In Stein gemeißelte, in Metall oder Holz geritzte, auf Leder oder Papier geschriebene Wörter und Sätze können jedoch mit der Zeit und mit der Abnutzung der Artefakte verloren gehen. Erschwerend hinzu kommt, dass die Römer zu Abkürzungen neigten und ihre Dokumente nicht klar datierten. Hinweise geben daher vor allem Personen- und Ortsnamen sowie sprachliche Ausdrucksweisen.
Die Texte wieder vollständig zu restaurieren und sie geografisch wie zeitlich richtig einzuordnen, ist ein aufwendiger Prozess und erfordert hochspezialisierte Historiker mit umfangreichen Kenntnissen der einzelnen Epochen. Die Experten vergleichen die zu entziffernden Texte mit anderen historischen Artefakten und Texten und ziehen daraus sprachliche und historische Parallelen.
Künstliche Intelligenz erkennt antike Texte
Ein Team um Yannis Assael von der Firma Google DeepMind hat nun eine künstliche Intelligenz entwickelt, die den Historikern diese Arbeit erleichtern kann. Das lernfähige KI-Tool namens „Aeneas“ kann antike Texte in ihren Kontext stellen, indem es sie entziffert und fehlende Passagen durch Vergleiche mit anderen historischen Werken vorhersagt. Die KI wurde dafür mit lateinischen Texten aus drei großen wissenschaftlichen Datenbanken trainiert, deren Inhalte zwischen dem siebten Jahrhundert vor Christus und dem achten Jahrhundert nach Christus verfasst wurden.
Zusätzlich standen der KI auch die in den Datenbanken gespeicherten Bilder der Original-Inschriften zur Verfügung. Diese helfen vor allem bei der Zuordnung zur richtigen römischen Provinz, erklären Assael und seine Kollegen. Denn der Trainingsdatensatz umfasste Inschriften aus verschiedenen Teilen des Römischen Reichs, von Britannien und Portugal bis Ägypten und Irak. Wie sein Namensgeber, der Held der griechisch-römischen Mythologie, geht „Aeneas“ in diesem riesigen „Raum“ auf die Suche nach Informationen. Das funktioniert unabhängig davon, wie lang die fehlende Passage und der Ursprungstext sind, und selbst dann, wenn die Länge unbekannt ist, wie das Team berichtet.
Wie gut die KI antike Texte erkennen kann, testeten die Entwickler anschließend zusammen mit 23 Historikern in einem fiktiven und einem realen Forschungsszenario. Die Aufgabe: Verschiedene römische Inschriften aus dem Datensatz bewerten, darunter die berühmte „Res Gestae Divi Augusti“, zu deutsch: „Die Taten des vergöttlichten Augustus“. Verfasst wurde dieser Text ursprünglich vom ersten römischen Kaiser Augustus, daraufhin mehrfach kopiert und schließlich in die Mauern der Augustustempel in Ankara sowie zwei weiteren Orten eingeritzt. Er preist die Lebensgeschichte des Augustus. Die KI verglich diese Inschrift mit ihrem Trainingsdatensatz. Das Ergebnis: „Die Schlussfolgerungen der KI stimmten gut mit den Erkenntnissen eines Weltklasse-Experten für die ‚Res Gestae Divi Augusti“ überein‘, berichtet das Team.





