Bis einschließlich des 8. Jahrtausends bestaunen wir im neolithischen Vorderasien die Kreisanlagen mit monumentalen T-Pfeilern (so vor allem in Göbekli Tepe), Siedlungen mit größeren Gemeinschaftsgebäuden (etwa in Çayönü) und außerordentlich eindrucksvolle große Steinplastiken wie etwa den sogenannten Urfa-Mann. Im 7. Jahrtausend aber ändern sich Architektur und künstlerische Darstellung. In den Siedlungen sind nun keine besonderen Kultbauten mehr nachweisbar, und Großplastiken aus Stein kennen wir erst seit der mesopotamischen Hochkultur in der frühen Bronzezeit wieder. Im keramischen Neolithikum finden wir dagegen in großer Zahl Figurinen aus Ton, die nur zwischen etwa sieben und 24 Zentimetern groß sind. Dies gilt auch für die große Siedlung von Çatal Höyük, dessen tönerne Statuetten laut dem Prähistoriker Svend Hansen „beinahe zum Synonym für die figurale Plastik des Neolithikums“ geworden sind.
Çatal Höyük liegt rund 50 Kilometer südöstlich von Konya auf dem Schwemmfächer des Çaramba-Deltas. Die Größe der Siedlung – der Hügel bedeckt eine Fläche von fast 14 Hektar, und die Zahl der gleichzeitig bewohnten Häuser wird zwischen 400 und 1850 geschätzt – sowie einzigartige Wandmalereien und andere Funde haben diesen inneranatolischen Ort bekannt gemacht. Die Kulturablagerungen stammen aus der Zeit zwischen etwa 7400 und 6200 und bilden einen Hügel von bis zu 20 Metern Höhe.
Ausgrabungen ergaben, daß die Siedlung aus eng aneinandergesetzten rechteckigen Häusern mit Flachdächern bestand. Die Wände waren aus luftgetrockneten Lehmziegeln aufgemauert und mit Lehm verputzt. Durchgänge zwischen den Häusern gab es ebensowenig wie Gassen zwischen ihnen; der Zugang erfolgte durch eine Luke in den Flachdächern und Leitern – ein typisches Bau- und Siedlungsprinzip für das Neolithikum in Zentralanatolien. Im Innern der Häuser führten unterschiedliche Bodenniveaus zu einer treppenartigen Verschachtelung. Die Gebäude unterschieden sich kaum in der Größe, Anzeichen für „öffentliche“ Gebäude fehlen. Vielmehr hat jeder Haushalt wohl autonom gewirtschaftet: also Getreide verarbeitet, Lebensmittel bevorratet, Lehmziegel und Geräte hergestellt usw.
Die Innenwände der Häuser waren geweißelt. Hier fanden sich Reliefs, die zu den spektakulärsten Hinterlassenschaften aus Çatal Höyük gehören: Stierschädel waren mit Ton oder Gips übermodelliert und einzeln oder zu mehreren an den Wänden angebracht worden. Als Wandrelief sind auch einander gegenüberstehende Leoparden belegt. Einige der Reliefs zeigen Bemalungsspuren. Çatal Höyük ist berühmt für seine Wandgemälde, die eine Farbpalette von braunem und gelbem Ocker, Dunkelrot, Schwarz und Blau aufweisen (selten Grün)…
In späteren Siedlungsschichten tauchen dann Jagdszenen auf: Menschen, die ein Wildrind oder Wildschwein, einen Hirsch oder Bären reizen bzw. hetzen. Für die Ernährung spielten diese Wildtiere allerdings eine untergeordnete Rolle. Die Menschen illustrierten offensichtlich nicht ihr Alltagsleben, sondern besondere Ereignisse. Vielleicht wurden die Jagden als Initiationsriten veranstaltet und gefährliche Teile der Tiere wie etwa Stierhörner als Trophäen in die Siedlung mitgebracht und an den Innenwänden befestigt – und dieses Ereignis wurde dann zusätzlich in der Malerei erzählt. Die Darstellungen könnten somit der Erinnerung an ein bestimmtes Geschehen gedient haben. Für die Prähistoriker wird diese Vermutung durch den Tatbestand gestützt, daß die Wandgemälde offenbar immer wieder überweißelt wurden: Zahlreiche übereinanderliegende Grundierungsschichten lassen darauf schließen, daß die Bilder und Motive immer nur für kurze Zeit sichtbar waren…





