Das Leid der geknechteten Massen Die Holzschnittkünstler der 30er und frühen 40er Jahre wurden nur minimal von den traditionellen Holzschnitten inspiriert, die seit dem 8. Jahrhundert für religiöse Zwecke und als Buchillustrationen verwendet wurden. Ihre Vorbilder waren vielmehr westliche Werke, besonders die sozialkritischen Holzschnitte der deutschen Graphikerin Käthe Kollwitz (1867–1945) und des belgischen Künstlers Frans Masereel (1889–1972). Die ausdrucksstarken und aufrüttelnden Darstellungen des Elends der armen Bevölkerung in Europa erinnerten die chinesischen Künstler an das Schicksal ihres eigenen Landes. Gesellschaftlich engagierte, meist politisch linksgerichtete Intellektuelle schlossen sich im Zuge der „Bewegung zur Erneuerung der chinesischen Kultur“ seit 1919 in Gruppen zusammen. Ihr Ziel war es, die Künste einzusetzen, um eine Veränderung der sozialen und politischen Verhältnisse herbeizuführen. 1929 veröffentlichte der berühmte Schriftsteller Lu Xun, der als der „Vater der modernen Literatur“ in China gilt, erstmals einen Bildband mit europäischen Holzschnitten und propagierte diese Technik als Mittel, auch das ungebildete, des Lesens unkundige Volk zu erreichen und ihm ein neues Bewußtsein zu vermitteln.
Die Holzschnitte dieser Zeit haben das Leid der unterdrückten Bevölkerung zum Thema, zeigen aber auch Widerstand, der sich in spontanen, unkontrollierten Ausbrüchen manifestiert…
In den Gebieten Nordchinas, die von der kommunistischen Volksbefreiungsarmee beherrscht wurden, gingen die Holzschnittkünstler einen anderen Weg. In seiner „Rede auf der Yan’aner Konferenz über Literatur und Kunst“ vom 1. Oktober 1942 stellte Mao Zedong Forderungen auf, an denen bis Ende der 70er Jahre festgehalten wurde. Alle Kunst, so Mao, müsse im Dienst der Massen, das heißt der Bauern, Arbeiter und Soldaten stehen. Das Leben der Massen galt als einzig zulässiges Thema und Inspirationsquelle. Dabei sollte ihr Leben durch die Kunst typisiert und idealisiert werden. Die Darstellung von Leid und Schwächen der Bevölkerung war nicht mehr erwünscht.
Vielmehr sollte das neue Leben in der kommunistischen Gesellschaft gepriesen werden. Nicht nur der Inhalt der Kunstwerke sollte von den Massen nachvollzogen werden können, auch stilistisch mußten sie klar und verständlich sein.
Gerade die bäuerliche Bevölkerung störte sich an den starken Schwarz-Weiß-Kontrasten der Holzdrucke nach europäischem Vorbild. Die Schatten in den Gesichtern der Figuren erschienen ihnen geisterhaft und unglückbringend. Als neues Modell für den modernen Holzschnitt wurden deshalb die traditionellen, besonders in der bäuerlichen Gesellschaft beliebten Neujahrsbilder propagiert. Diese wurden am chinesischen Neujahr an die Haustür und an spezielle Orte im Haus gehängt, um böse Geister abzuschreckenund gute anzulocken. Zunächst wurden die Darstellungen von Schutzgottheiten und glückbringenden Symbolen einfach durch Elemente der „Neuen Gesellschaft“ ergänzt oder ersetzt: Der Türgott wurde zu einem Soldaten der Volksbefreiungsarmee (wie auf dem Bild links), der Glücksgott zu einem Modellarbeiter, und glückbringende Sprüche wurden zu kommunistischen Parolen. Später wurden hauptsächlich stilistische Elemente übernommen. Die flächigen Figuren sind durch kräftige Umrißlinien definiert und mit leuchtenden Farben koloriert…





