Der Zerfall beginnt mit der Ausgrabung
Das römische Herculaneum war einst ein mondäner antiker Badeort an der italienischen Küste. Viele wohlhabende Römer bauten dort prächtige Villen und verbrachten dort ihre Sommerfrische. Doch im Jahr 79 endete dieses Idyll abrupt: der nahe Vulkan Vesuv brach aus und verschüttete Herculaneum und die Nachbarstadt Pompeji unter einer meterhohen Schicht aus Asche und Lava. Jahrhundertelang konservierte diese vulkanische Decke nicht nur Alltagsobjekte, Gebäude und Skulpturen, sondern schützte sogar Wandmalereien vor dem Zerfall.
Als Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch die Ausgrabungen in Herculaneum begannen, führte ironischerweise genau dies zur allmählichen Zerstörung vieler Kunstschätze. Die Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen, Sonnenlicht, Salz und andere Umwelteinflüsse schädigten im Laufe der Zeit viele Fresken und Gemälde. So auch das Wandgemälde einer jungen Frau in der “Villa mit dem Mosaik-Atrium”, das vor rund 70 Jahren ausgegraben wurde: Anfangs wahrscheinlich noch nahezu unberührt, ist es heute so stark zersetzt, dass das Kunstwerk kaum mehr zu erkennen ist.
Elementverteilung verrät ursprüngliche Farbgebung
Doch ein neues Verfahren kann nun dabei helfen, die antiken Wandgemälde Herculaneums wieder in voller Schönheit sichtbar zu machen. Wissenschaftler haben dafür ein portables Röntgenfluoreszenz-Gerät entwickelt. Dieses bestrahlt die Fresken und Wandgemälde mit stark fokussierten Röntgenstrahlen und ermittelt aus der zurückgeworfenen Strahlung, welche Elemente in den Pigmenten und Wandschichten enthalten sind.
Aufgrund der hohen Auflösung des Geräts können die Forscher die genaue Verteilung beispielsweise von Blei, Eisen oder Kupfer in einem Gemälde kartieren. Weil bestimmte Farbpigmente verschiedenen Anteile von Metallen oder Mineralien enthalten, lässt sich anhand der Verteilung der Elemente ermitteln, welche Farben die verschiedenen Bereiche im Bild einst hatten. Dadurch können Archäologen die antiken Wandgemälde in ihrer ganzen Farbenpracht rekonstruieren.
In mehreren Schritten vollendet
Im Falle des Frauenportraits aus der römischen Villa enthüllte die Röntgenanalyse, überraschend kunstvolle Details, wie die Archäologen berichten. Als der Künstler vor fast 2000 Jahren mit dem Wandgemälde begann, skizzierte er zunächst die Umrisse und Gesichtszüge der jungen Frau mit einem eisenbasierten Pigment. Dann betonte er ihre Augen mit einem weiteren, bleihaltigen Farbstoff. Erhöhte Kalium-Gehalte im Bereich ihrer Wangen deuten darauf hin, dass der Maler ein grünliches Pigment unter das Rosa mischte, um die Hautfarbe realistischer zu gestalten.





