Das Physikalische Institut wurde 1879 eröffnet. Exakt 16 Jahre später sollte Wilhelm Conrad Röntgen dort die Entdeckungen machen, die noch heute mit seinem Namen verbunden sind. Heute beherbergt das Gebäude deshalb die Röntgen-Gedächtnisstätte. Auf die dortigen Boden-Fliesen hatte offenbar schon lange niemand mehr einen fragenden Blick geworfen. Ein „besonderer” Tourist hat es nun allerdings getan: der emeritierte Professor für Mathematik der University of Queensland, Tony Bracken.
„Mir fielen zwei seltsame trigonometrische Formeln auf, die am westlichen Eingang des Gebäudes in den Boden eingraviert waren”, so Bracken. sin (y)sin (y/2)=1.3685 sin (x)sin (x/3) und sin (x)sin (x/3)+sin (y)sin (y/3)+0.4375=0: So lauten die beiden Formeln in den Bodenkacheln. Ihre Bedeutung konnte sich der Mathematiker selbst nicht erklären. „Für mich sahen sie nach Unsinn aus. Aber ich dachte, vielleicht haben sie ja eine Bedeutung im Zusammenhang mit der Forschung, die damals in dem Gebäude betrieben wurde”, sagt Bracken.
Erstaunlicherweise stieß er mit seinem Interesse zunächst auf Ratlosigkeit: Niemand schien mehr zu wissen, was die seltsamen Gravouren bedeuten. Doch Bracken ließ nicht locker. Licht ins Dunkel brachte schließlich ein Brief, den er in Physics World, der Zeitschrift des British Institute of Physics, veröffentlichte, in dem er die Formeln präsentierte. „Mich hat daraufhin ein englischer Physiker im Ruhestand kontaktiert, der seinerseits Kollegen in Deutschland befragt hatte”, berichtet Bracken. Einer hatte herausgefunden, dass 1971 in der Zeitung “Main-Post” ein Artikel erschienen war, der sich mit den seltsamen Formeln beschäftigt hat.
Formeln bilden das Fliesenmuster
In dem Artikel „sin x und sin y unter den Füßen” schrieb der Autor Ernst Nöth damals: Die mathematischen Formeln bildeten die Grundlage für das Muster der Bodenfliesen, die in dem Gebäude zu sehen sind. Aus einer handschriftlichen Chronik von Friedrich Wilhelm Georg Kohlrausch (1840-1910), der von 1875 bis 1888 Ordinarius für Physik an der Universität Würzburg gewesen war, geht demnach hervor: „Die Fußbodenplattung am Eingang wurde nach Zeichnungen des Assistenten Dr. Strouhal aus Gefälligkeit von Villeroy und Boch in Mettlach unter Leitung des Ingenieurs Hrn. Urbach hergestellt. Die Curven fanden sich in einer amerikanischen Abhandlung von Newton und Philipps”, heißt es in der Chronik.
Demnach geht die Zeichnung der Bodenplatten auf Vinzenz Strouhal zurück. Er stammte aus Prag und war von 1875 bis 1879 wissenschaftlicher Assistent bei Kohlrausch.1882 ging er nach Prag und wurde dort zu einem der Gründer des Bereichs Physik an der Karls-Universität. Damit ist also klar, dass die Formeln nichts mit Röntgens Forschung zu tun haben. Anja Schlömerkemper, Leiterin des Fachbereichs Mathematik an der Uni Würzburg, bestätige zudem, dass die Formeln tatsächlich für das Fliesenmuster im Eingangsbereich des einstigen Physikalischen Instituts stehen. Mit Hilfe eines mathematischen Programms konnte sie die Kurven anhand der Formeln graphisch darstellen: „Die Formel, in der 0.4375 vorkommt, entspricht dem Ornament auf den äußeren Fliesen; die andere Formel, also die mit 1.3685, entspricht dem Muster auf den inneren Fliesen”, erklärt Schlömerkemper. Ein geheimnisvoller Aspekt bleibt nun allerdings noch zu klären: Die Suche nach der „amerikanischen Abhandlung von Newton und Philipps”, aus der die Formeln stammen sollen, wurde bisher noch nicht gestartet, berichtet die Universität Würzburg.





