Grundlage der burgundischen Machtentfaltung war die Wirtschaftskraft der am stärksten urbanisierten Region Europas – Flandern. In Städten wie Brügge und Gent wurden frühkapitalistische Arbeitsweisen erprobt und die Grundlagen für den modernen Aktienhandel gelegt.
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Eines der berühmtesten Bilder der Welt ist die „Arnolfini-Hochzeit“ von Jan van Eyck. Es heißt so, obwohl sich die Fachwelt weder darüber einig ist, dass eine Hochzeit dargestellt ist, noch, dass ein Arnolfini abgebildet ist. Die Annahme, dass es sich bei dem dargestellten Mann um einen solchen handeln könnte, leitet sich davon ab, dass er eine verblüffende Ähnlichkeit zu einem anderen Porträtbild von van Eyck aufweist, das möglicherweise den in Brügge ansässigen italienischen Kaufmann Giovanni Arnolfini zeigt.
Wie kam ein italienischer Kaufmann nach Brügge? Brügge war die nördlichste Stadt in Europa, in der große italienische Bankhäuser wie die Medici Niederlassungen unterhielten. Die Stadt war auch ein Schnittpunkt nördlicher und südlicher Handelsströme. Einmal im Jahr kam zum Beispiel eine große Galeerenflotte aus Norditalien in der Stadt an.
Doch zurück zu dem Gemälde. Gesichert ist: Es ist ein Werk von Jan van Eyck aus dem Jahr 1434, denn das hat er selbst hineingeschrieben – über dem Spiegel auf der hinteren Zimmerwand. Heute hängt das Doppelporträt in der National Gallery in London.
Manche berühmten Bilder wie die „Mona Lisa“ sind im Original kleiner, als man sie sich vorstellt, und mitunter desillusionierend. Ganz anders die „Arnolfini-Hochzeit“. Das Bild ist ziemlich groß, etwa 80 mal 60 Zentimeter, also fast einen Meter hoch. Was als Erstes auffällt, ist die feierliche Ruhe und Würde, die es ausstrahlt. Alles, was dargestellt ist, wirkt zudem verblüffend natürlich. Man glaubt, den weichen Pelzmantel des Mannes fühlen zu können und den schweren Stoff des Frauenkleides über den Fußboden gleiten zu hören.
Der neue Malstil versetzt die Menschen in Staunen
Dabei muss man sich klarmachen: Wenn dieses Kunstwerk selbst einen modernen Betrachter noch gefangen nehmen kann, wie muss es dann erst auf Menschen gewirkt haben, die vor 600 Jahren gelebt haben? Eine solche „fotografische“ Malerei, die alles ganz realistisch wiedergab, war damals völlig neu und versetzte alle Betrachter in größtes Erstaunen. Van Eyck wurde deshalb auch umgehend zum Hofmaler von Philipp dem Guten berufen. Seine Innovationskraft ist charakterisierend für Burgund.
Wenn man sich das dargestellte Paar genauer anschaut, fallen viele Details auf. Auf der Fensterbank und auf einem Tisch liegen erlesene Zitrusfrüchte aus Südeuropa. Das war damals absoluter Luxus. Der Teppich, der hinter der Frau auf dem Boden liegt, ist aus dem Orient importiert. Dazu gibt es Fenster aus Glas, noch dazu aus farbigem Glas wie in Kirchen – ebenfalls extrem teuer.
Direkt vor dem Paar steht ein kuscheliger kleiner Hund, so wie heute auf zahllosen Familienfotos. Man hat den Eindruck, dass van Eyck jedes Hundehaar einzeln gemalt hat. Doch wenn man ganz nah an das Gemälde herangeht, sieht man, dass dieser Eindruck sehr geschickt durch vielgestaltige, buschige Pinselstriche erzeugt worden ist. Mit einfachen weißen Farbtupfern wiederum hat van Eyck den Effekt der glänzenden Augen und der feuchten Hundenase erzielt. Bei dem Hund handelt es sich um einen Brüsseler Griffon – diese Hunde wurden damals zum Rattenfangen gehalten.
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All dies demonstriert den Reichtum des porträtierten Ehepaars. Es lässt sich aus dem Bild aber auch ablesen, dass man hier kein königliches oder auch nur adliges Paar vor sich hat. Ein Hinweis darauf ist der Boden: Der besteht aus Holzdielen. Und die Pantinen, die darauf herumliegen, hat der Mann offenbar gerade abgestreift – ein Hinweis, dass er sich draußen zu Fuß bewegt, nicht auf einem Pferd, in einer Kutsche oder gar in einer Sänfte. Die Pantinen trägt er, damit seine weichen Lederschuhe im Straßendreck nicht schmutzig werden.
Erstmals lassen auch Bürger Porträts von sich erstellen
Es waren also keine Aristokraten, die sich hier verewigen ließen, sondern Bürger. Und das war eine welthistorische Premiere: Die „Arnolfini-Hochzeit“ gilt als das erste Bürgerporträt überhaupt. Dass es ausgerechnet in Brügge entstanden sein dürfte, der Wahlheimat von Jan van Eyck, ist kein Zufall. Brügge war jahrhundertelang die reichste Stadt der Grafschaft Flandern. Und Flandern wiederum war die am stärksten urbanisierte Landschaft des Mittelalters – mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebte dort in Städten. Damit übertraf es sogar Oberitalien, wo die Städte weiter auseinanderlagen.
Die flandrischen Städte erreichten für die damalige Zeit riesige Ausmaße. Die gewaltigste von allen war Gent, die größte Stadt nördlich der Alpen nach Paris, dessen Einwohnerzahl sich um die 90 000 bewegte. Gent war größer als London, größer als Köln, die größte Stadt des Heiligen Römischen Reichs. Köln kam auf etwa 40 000 Einwohner, Gent hatte mindestens 64 000.
Östlich des Rheins gab es überhaupt nichts mehr, was sich in irgendeiner Weise mit diesen Metropolen hätte messen können. Noch der in Gent geborene Kaiser Karl V. soll im 16. Jahrhundert gesagt haben: „Je mettrai Paris dans mon Gand“ – „Ich könnte ganz Paris in mein Gent stecken“. Der Satz spielt mit dem gleichlautenden Wort gand – Handschuh –, sodass er auch heißen könnte: „Ich könnte ganz Paris in meinen Handschuh stecken.“
Brügge zählte um 1300 mindestens 46 000 Einwohner, Saint-Omer 35 000. Atrecht (Arras), Douai und Lille – alles Städte, die damals nicht zu Frankreich, sondern zu Flandern gehörten – kamen jeweils auf etwa 30 000. Das Domkapitel von Ypern schätzte die Einwohnerzahl dieser Stadt im Jahr 1258 auf 40 000. Flandern umfasste darüber hinaus noch mehrere Dutzend kleinere Städte, von denen einige wie Kortrijk, Sluis, Béthune und Hesdin zwischen 5000 und 10 000 Einwohnern stark waren.
Diese verstädterte Region war das wirtschaftliche Kernland von Burgund. Wenn die burgundischen Herzöge machtpolitisch in einer Liga mit den Königen von Frankreich und England spielten, dann lag das in erster Linie an ihrer Herrschaft über das bevölkerungsstarke und in Teilen geradezu sagenhaft reiche Flandern.
Die Wirtschaftskraft der flandrischen Städte beruhte überwiegend auf der Tuchindustrie. Die Grundlage dafür war das Vorhandensein großer Mengen von Schafswolle. Das Lamm, das Jan van Eyck in den Mittelpunkt seines Hauptwerks, des Genter Altars (siehe Abbildung Seite 14/15), stellte, symbolisiert deshalb nicht nur das Gotteslamm Jesus Christus, sondern ebenso den Rohstoff, von dem die flandrische Industrie abhing: Wolle. Schon Cäsar erwähnte, dass die meisten hier lebenden Stämme Schafherden besäßen, und bereits zu römischer Zeit wurde das aus ihrer Wolle hergestellte Tuch in weit entfernte Teile des Imperiums geliefert.
Die in Flandern erzeugte Wolle reichte allerdings bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu befriedigen, sodass in großem Stil aus England importiert werden musste. Die englische Wollzufuhr war so wichtig, dass England die flandrische Wirtschaft durch einen Exportstopp auf einen Schlag lahmlegen konnte. Von Frankreich wiederum war das dicht besiedelte Flandern für seine Lebensmittelversorgung abhängig.
Die Verarbeitung der Wolle erfolgte in den Städten im Rahmen einer geradezu frühkapitalistischen Arbeitsteilung. Die Webermeister beherrschten das Produktionsmittel, den Webstuhl, und die Arbeiter verkauften ihre Arbeitskraft gegen Stücklohn. In den meisten Städten waren bis zu zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung in der Textilindustrie beschäftigt.
Ihren Höhepunkt erlebte die Tuchindustrie im 13. Jahrhundert, danach setzte ein langsamer Rückgang ein – die burgundische Epoche war also schon nicht mehr die Zeit der höchsten Blüte. In Ypern, das fast vollständig auf die Tuchindustrie ausgerichtet war, zog der Einbruch einen massiven Einwohnerschwund von 40 000 auf weniger als 10 000 um die Mitte des 15. Jahrhunderts nach sich. Gent konnte den Verlust durch ein Monopol für den Getreidehandel teilweise auffangen.
Brügge bewältigte den Strukturwandel am besten, da es einen unschätzbaren Vorteil hatte: den Zugang zur See über den Meeresarm Zwin. Zwar hatte zur burgundischen Zeit bereits dessen Versandung eingesetzt, sodass Brügge für die großen Hansekoggen nicht mehr erreichbar war. Anders als in der Fachliteratur oft zu lesen ist, blieb seine Position davon aber lange unangetastet, denn der Güterverkehr wurde nun über die Vorhäfen Damme und Sluis abgewickelt, wobei die eigentlichen Geschäfte aber weiterhin in Brügge getätigt wurden.
Zugang zum Meer und Textilhandel lockt ausländische Kaufleute
Erst Ende des 15. Jahrhunderts, als die ausländischen Kaufleute zunehmend nach Antwerpen in Brabant abwanderten, neigte sich Brügges große Zeit langsam dem Ende zu, doch blieb die Stadt auch im 16. Jahrhundert noch ein wichtiger und wohlhabender Handelsplatz.
Brügge verdankte seine Stellung als Weltmarkt des Mittelalters der Kombination aus seinem Zugang zum Meer und der Verfügbarkeit des gefragten Exportartikels Tuch. Dies lockte ausländische Kaufleute an. So richtete die Hanse in Brügge eines ihrer Hauptkontore ein. Ebenso waren die oberitalienischen Handelsmetropolen Venedig, Genua, Florenz, Mailand und Lucca mit Kaufmannskolonien vertreten. Dazu kamen Engländer, Spanier und Portugiesen. Diese Nationen tauschten in Brügge ihre Waren: aus dem Norden Massengüter wie Holz, Teer und Getreide, aber auch Luxusartikel wie Pelze, und aus dem Süden Salz, Wein, Früchte, später auch Madeirazucker und afrikanisches Elfenbein.
Für ihre teils riskanten Unternehmungen benötigten die Kaufleute mehr Geld, als sie selbst hatten. So entwickelte sich in der Stadt ein blühendes Bankwesen nach italienischem Vorbild. Während Brügge im Bankwesen übernahm, was Italien vorgegeben hatte, leistete es auf einem anderen Gebiet Pionierarbeit: Es ist die Geburtsstätte der Börse. Sowohl die Institution als auch das Wort „Börse“ haben sich von Brügge aus verbreitet.
Aus informellen Treffen wird eine neue Institution
Alles begann mit einem gewissen Robrecht van der Buerse I. (um 1256– 1320), der ein Gästehaus betrieb, in dem vor allem Kaufleute abstiegen. Sie konnten bei ihm übernachten, essen und trinken und im Keller ihre Waren deponieren. Doch was noch wichtiger war: Sie hatten auch die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Wie standen die Preise, welches Geschäft konnte lohnend sein, welcher Händler war vertrauenswürdig? So entstand ein Umschlagplatz für Wirtschaftsnachrichten.
Zudem genoss van der Buerse bald so viel Vertrauen, dass er zwischen den Kaufleuten vermittelte oder sie gegenüber Dritten vertrat. Es ist absolut legitim, in seinem Gasthaus die Keimzelle der heutigen Börsen zu sehen.
Durch seinen Erfolg geriet van der Buerse in Konflikt mit den eingesessenen Maklern, gewerbsmäßigen Vermittlern von Handelsabschlüssen. Auswärtige Händler konnten ihre Waren auf den niederländischen Stapelmärkten meist nur mithilfe einheimischer Makler anbieten. Auch dieser Begriff – niederländisch makelaar – ging später auf das Börsenwesen über und wurde ins Deutsche übernommen.
Van der Buerses Nachfahren führten seine Arbeit so konsequent fort, dass sich der kleine Platz vor seiner Herberge im 14. Jahrhundert zum kommerziellen und finanziellen Zentrum Brügges entwickelte. Täglich zu festgesetzten Stunden kamen dort die Kaufleute zusammen. Diese Handelszeiten wurden bereits durch Glocken eingeläutet und beendet. Das Börsengeschehen spielte sich nun nicht mehr im Haus der van der Buerses ab, sondern auf dem Platz davor.
Bald ging man auch dazu über, dort die Wechselkurse für die Vielzahl von unterschiedlichen lokalen Münzen und Währungen zu notieren. Die van der Buerses wurden durch all das immer reicher und mächtiger, sodass ihr Name schließlich auf den Platz überging, der Beursplein genannt wurde.
Brügge, Gent und – vor seinem Niedergang – Ypern waren aufgrund ihrer Wirtschaftskraft auch politisch mächtige Gemeinwesen, die stets auf ihre Eigenständigkeit pochten. Im Laufe der Zeit dehnten sie ihren Einflussbereich auch auf das direkte Umland aus, sodass sie sich bis zu einem gewissen Grad selbst mit Lebensmitteln versorgen konnten. Allerdings erreichten sie nie den Status unabhängiger Stadtstaaten wie Mailand oder Florenz – dazu war die Macht der flandrischen Grafen und dann der burgundischen Herzöge zu groß.
Außerdem herrschten innerhalb der Stadtmauern oft chaotische Zustände. Immer wieder kam es zu Aufständen und blutigen Fehden unter den führenden Familien, vergleichbar mit heutigen Rachefeldzügen zwischen Mafia-Clans. Unter diesen Umständen gelang es mitunter einzelnen Bürgern, die Regierung einer Stadt zu übernehmen und große Politik zu machen.
Der berühmteste von ihnen war Jacob van Artevelde, der 1337 zum Herrscher von Gent aufstieg und im Bündnis mit Brügge und Ypern kurzzeitig ganz Flandern dominierte und mit dem englischen König Eduard III. verhandelte. Schon seit Beginn des 14. Jahrhunderts besaßen Bürger und sogar Handwerkerzünfte in den Stadtregierungen aller drei großen flandrischen Städte erhebliches Mitspracherecht.
Selbst der mächtige burgundische Herzog Philipp der Gute, der dem Hundertjährigen Krieg die entscheidende Wendung zugunsten von Frankreich gab, herrschte daheim keineswegs unumschränkt: Er war finanziell abhängig von den Ständeversammlungen in den jeweiligen Herzogtümern, Grafschaften und anderen Regionen.
In Anlehnung an die französische Bezeichnung états für „Stände“ bürgerte sich dafür der niederländische Begriff staten – deutsch: Staaten – ein. In diesen Versammlungen kamen Vertreter der drei Stände Geistlichkeit, Adel und städtisches Patriziat zusammen. Den Großteil seiner Einkünfte konnte Philipp nur kassieren, wenn die Staaten dem vorher zugestimmt hatten, wobei die Steuern immer nur für ein Jahr bewilligt wurden.
Oftmals verlangten die Staaten Zugeständnisse des Herzogs in für sie wichtigen Fragen. So war die burgundische Politik das Ergebnis eines hochkomplexen, nie endenden Verhandlungsprozesses, an dem insgesamt viele Hundert Männer beteiligt waren.
Im besten Fall arbeiteten der Herzog und die Institutionen der burgundischen Länder und Städte Hand in Hand. Dies war zur Zeit von Philipp dem Guten insbesondere in der Wirtschaftspolitik der Fall. Dem scharfsinnigen Philipp war sehr wohl bewusst, dass die burgundische Wirtschaft Grundlage seiner politischen und militärischen Macht war. Er betrieb deshalb eine aktive Wirtschaftspolitik zugunsten der großen Städte.
Staatsbesuche als Mittel der Wirtschaftsförderung
So verhandelte er 1425 und 1429 in Brügge persönlich mit Hansevertretern aus Lübeck, Köln, Hamburg, Danzig, Stralsund und Riga. 1440 beehrte er Köln – Burgunds wichtigsten Handelspartner im Reich – mit einem Staatsbesuch und warf damit sein fürstliches Prestige in die Waagschale.
Seinen Beinamen „der Gute“ bekam Philipp nicht etwa deshalb, weil er gutherzig gewesen wäre – das war er sicher nicht –, sondern weil seine lange Regierungszeit im Rückblick als die gute, alte Zeit erschien. Sie fiel zusammen mit einer Phase wirtschaftlichen Aufschwungs: Das Handelsvolumen der burgundischen Niederlande – ungefähr dem Gebiet der heutigen Beneluxstaaten und einem Teil von Nordfrankreich entsprechend – scheint sich zwischen 1400 und etwa 1480 ungefähr verdoppelt zu haben. Die burgundischen Länder wuchsen in dieser Zeit auch mehr und mehr zusammen, was dem Handel ebenfalls zuträglich gewesen sein dürfte.
Infolge dieser Entwicklung trat 1464 in Brügge erstmals eine Generalversammlung aller Ständeversammlungen aus den verschiedenen Landesteilen zusammen. Im Rückblick kann man diese Staten-Generaal – die Generalstaaten, wie sie fortan genannt wurden – als Keimzellen der heutigen Parlamente in Belgien und den Niederlanden betrachten. Das niederländische Parlament in Den Haag führt bis heute die offizielle Bezeichnung Staten-Generaal. So wird an Wörtern wie Börse, Makler und Generalstaaten deutlich, wie das lange untergegangene Reich Burgund bis in unsere Zeit hineinwirkt.
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