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„Land mit mehr als 1000 Städten“
Erst in den 1920er Jahren erkannten Archäologen, dass bestimmte Ruinen im Industal sehr viel älter waren, als man bis dahin angenommen hatte. Bei Ausgrabungen kam nun die sogenannte Harappa- Zivilisation zum Vorschein, die in der Bronzezeit zu den Hochkulturen der Welt gezählt hatte.
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Der griechische Militärtechniker Aristobulos von Kassandreia (erste Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. – nach 301 v. Chr.) begleitete Alexander den Großen (356 –323 v. Chr.) auf seinem Feldzug gen Osten, bei dem das gesamte Perserreich unterworfen wurde, bis nach Südasien. Jenseits der Grenzen der den Griechen und Makedonen bekannten Welt vermuteten die Gefolgsleute Alexanders die Heimat ihrer Sagen und Legenden, und es lohnte sich aus ihrer Sicht, die neue Umgebung sehr genau zu untersuchen.
Aristobulos verfasste viele Jahre später eine Alexandergeschichte, die allerdings nur noch in Fragmenten erhalten ist. Darin beschreibt er auch eine Beobachtung, die er bei einer Mission im Industal anstellte. Der Geschichtsschreiber und Geograph Strabo (um 63 v. Chr. – nach 23 n. Chr.) paraphrasiert sie so: „Als er mit irgendeinem Auftrag ausgeschickt worden war, habe er gesehen, wie ein Land mit mehr als 1000 Städten einschließlich der Dörfer verödet war, weil der Indus sein eigentliches Bett verlassen hatte und in ein anderes, viel tieferes zur Linken abgelenkt und gleichsam herabgestürzt war, so dass das von ihm verlassene Land zur Rechten nicht mehr von dem übertretenden Wasser getränkt wurde, da es nicht nur höher lag als das neue Bett, sondern auch höher als das übertretende Wasser.“
Aristobulos war offenbar auf die Überreste einer Zivilisation gestoßen, die zwei Jahrtausende zuvor ihren Höhepunkt erreicht hatte und deren Städte schon 1000 Jahre vor der Ankunft Alexanders vollständig verlassen gewesen waren. Es sollte weitere 2000 Jahre dauern, bis den Archäologen des 20. Jahrhunderts klarwurde, dass im Industal der Bronzezeit eine beeindruckende Zivilisation existiert hatte, die mit ihren Städten, Dörfern, Feldern und Kanälen ein Areal von mehr als einer Million Quadratkilometern (im heutigen Indien, Pakistan und Afghanistan) umfasste und sich sogar über das Industal hinaus erstreckte – an die Küste, in das Stromgebiet des Yamuna (eines Nebenflusses des Ganges) und tief hinein in die Wüste Thar.
Lange Zeit wurde den Überresten der uralten Siedlungsorte keine Bedeutung beigemessen. Im 19. Jahrhundert nutzten britische Eisenbahningenieure die bronzezeitlichen Ziegel für den Bau von Bahndämmen. Siegel, die dabei zum Vorschein kamen, erregten zwar einige Aufmerksamkeit, wurden jedoch keiner bis zu diesem Zeitpunkt unentdeckten Zivilisation zugeschrieben. Noch 1912 schreibt Devadatta Ramakrishna Bhandarkar, der Superintendent des „Archeological Survey of India“, nach seinem Besuch der Ruinen Mohenjo-Daros, man könne nicht davon ausgehen, dort alte Monumente zu finden. Der örtlichen Bevölkerung zufolge seien die Schutthaufen nicht älter als 200 Jahre.
Vermeintliche „Schutthaufen“ sind bis zu 7500 Jahre alt
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Wie falsch er damit lag, erkannten seine Nachfolger Rakhal Das Banerji und John Marshall. Bei ihren Ausgrabungen in den späten 1920er Jahren wurde schnell klar, dass die urbanen Überreste sehr viel älter waren als einige hundert Jahre. Marshall war es schließlich, der anhand ähnlicher Funde eine Verbindung zwischen den weit voneinander entfernten Städten Harappa und Mohenjo-Daro zog – zwei Knotenpunkten einer bronzezeitlichen Zivilisation von gewaltigen Ausmaßen.
Weitere Grabungen und Untersuchungen der folgenden Jahrzehnte enthüllten jene versunkene Welt, die schon Aristobulos verlassen vorgefunden hatte: 1500 Siedlungen, davon fünf besonders große Städte mit jeweils Zehntausenden Einwohnern, namentlich Harappa, Mohenjo-Daro, Ganweriwala, Dholavira und Rakhigarhi.
Die Indus- oder Harappa-Zivilisation nahm, wie man inzwischen weiß, vor ungefähr 7500 Jahren ihren Anfang. Die Frühphase, in der bereits die ersten Stadtmauern errichtet wurden, dauerte bis etwa 2600 v. Chr. und die folgende Hochphase bis 1900 v. Chr. Anfangs waren die Funde für die Archäologen sehr überraschend, denn es fehlten große Monumente, Paläste oder Tempel. Stattdessen zeigte sich im Aufbau der Städte eine eigenartige Uniformität: in einem Schachbrettmuster angeordnete Häuser, die keine ausgeprägte soziale Hierarchie erkennen ließen, abgesehen von der Unterteilung in Ober- und Unterstadt; keinen exorbitanten Prunk, dafür ein ausgeklügeltes Bewässerungs- und Abwassersystem, wie es erst im Römischen Reich wieder zum Einsatz kommen sollte.
Es gab öffentliche Bäder, unter denen das Große Bad von Mohenjo-Daro einen der wichtigsten Funde der Ausgrabungen darstellt; es gab sogar öffentliche Mülleimer und Straßenbeleuchtung – Zeichen eines hochentwickelten Gemeinwesens. Die Menschen, die in diesen Städten lebten, verfügten über eine ausgewogene Ernährung und hatten eine hohe Lebenserwartung. In ihren Häusern fand man Spielzeug, Keramik und immer wieder illustrierte Siegel, mit denen Waren und Besitz markiert werden konnten.
Auch fand man Schwerter und Pfeilspitzen, aber keinerlei archäologische Hinweise oder bildliche Darstellungen, die auf Krieg und Zerstörung hinweisen würden – oder auf Sklaverei. Gesellschaftliche Aspekte, die für die Geschicke der weiter westlich gelegenen Zivilisationen von Mesopotamien bis Ägypten so wichtig gewesen waren, schienen gänzlich zu fehlen.
Das führte (und führt bis heute) immer wieder zu der Interpretation, dass die Harappa-Zivilisation friedfertig und annähernd egalitär gewesen sei. Und tatsächlich lassen die Funde diese Interpretation bis zu einem gewissen Grad zu. Sie schließen aber auch das Gegenteil nicht aus: Ummauerte Bereiche innerhalb der Städte könnten genauso auf Eliten hindeuten, die sich vom Rest der Bevölkerung abschotteten.
Und auch Könige könnten in Harappa und Mohenjo-Daro residiert haben, denn das Fehlen eines Palastes an und für sich ist noch kein Beweis; auch die Könige Spartas lassen sich archäologisch nicht nachweisen. Es lässt sich nicht einmal sagen, ob (und wenn ja, wie) die Regionen der Harappa-Zivilisation administrative Einheiten bildeten oder nicht – geschweige denn, wer ihnen vorstand.
Die großen Städte trieben Handel bis ins ferne Mesopotamien
Hinweise auf die religiöse Praxis sind trotz der Abwesenheit monumentaler Tempelbauten indes zahlreich: In den Städten der Harappa-Zivilisation finden sich frühe Darstellungen der Göttin Kali. Eine andere Figur, die in sitzender Yoga-Pose auf Siegeln zu sehen ist, lässt sich vermutlich mit dem Gott Shiva (bzw. als „Proto-Shiva“) identifizieren. Der berühmteste Fund, den die Ausgrabungen zutage gefördert haben, ist die von ihren Entdeckern „Priesterkönig“ genannte Statue aus Mohenjo-Daro, die in Pakistan heute als Nationalsymbol gilt. Ob es sich bei der Statue mit dem Bart und dem verzierten Gewand allerdings tatsächlich um die Darstellung eines Priesters handelt, ist unklar.
Sicher ist, dass die großen Städte der Harappa-Zivilisation wohlhabend waren – pulsierende Zentren des Handels, der nicht nur in der Region und entlang den Flussläufen florierte, sondern der die Waren vom Indus bis ins ferne Mesopotamien brachte. Dort wurden sie auf sumerischen und elamischen Märkten verkauft. Siegel der Harappa-Zivilisation wurden beispielsweise in Ur gefunden. Über Land führte eine wichtige Handelsroute durch das iranische Hochland bis nach Elam, und von der Mündung des Indus und der Hafenstadt Lothal aus fuhren Handelsschiffe an der Küste entlang und durch den Persischen Golf. An Bord hatten sie Keramik, Stoffe, Perlen und Goldschmuck.
Auch nach Norden zog es die Händler, wo die Eliten in den Oasenstädten der Wüste Karakum (im heutigen Turkmenistan und Afghanistan) Verwendung für die Luxusgüter vom Indus hatten. Bei Ausgrabungen fand man dort beispielsweise Spielfiguren aus Elfenbein. Schon früh verwendeten die Händler für ihre Geschäfte genormte Maße und Gewichte, und im Lauf der Zeit standardisierten sie auch ihre Waren, die sie mit teilweise kunstvoll gestalteten Siegeln und möglicherweise auch mit Stempeln markierten.
Man kann vermuten, dass die Mesopotamier ein Wort für das Land der Händler hatten: Meluhha – wo man die Schreie der Pfauen vernehmen konnte und wo begehrenswerte Schätze aus Gold, Zinn und Karneol gefertigt wurden. Sargon von Akkad, jener König, der seine Stadt zum Mittelpunkt eines großen Reiches machte, brüstete sich damit, dass Schiffe aus dem fernen Meluhha nach Akkad kämen. Man kann überdies davon ausgehen, dass Händler und Übersetzer aus den Städten der Harappa-Zivilisation Mesopotamien nicht nur besuchten, sondern dort auch lebten, ebenso, wie es Mesopotamier nach Osten zog.
Die in großer Zahl gefundenen Siegel sind es auch, auf denen die meisten Inschriften der Harappa-Zivilisation zu sehen sind. Über 3000 Inschriften wurden gefunden – die längste von ihnen 26 Zeichen lang. Allerdings ist es bislang nicht gelungen, die Schrift zu entschlüsseln. Sie kam seit 3500 v. Chr. in Verwendung und war seit 2600 v. Chr. allgemein gebräuchlich; über Jahrtausende wurde sie benutzt. Forscher sind allerdings lediglich zu dem Schluss gekommen, dass einige der Zeichen für Wörter, andere für Silben stehen. Die schriftlichen Quellen der Region können deshalb bislang keine tieferen Einblicke in die Beschaffenheit ihrer Gesellschaft liefern.
Der Niedergang, dessen Resultat Aristobulos sehr viel später besichtigen konnte, begann schließlich um 1900 v. Chr. In dieser Spätphase kam es zu einer Deurbanisierung – die Bevölkerung zahlreicher Städte und Siedlungen schrumpfte, und um 1300 v. Chr. waren die Zentren einer einstmals blühenden Zivilisation verlassen, ihre Kanäle vertrocknet, ihre Häuser und Straßen überwuchert oder vom Sand begraben.
Mögliche Gründe, die von der Forschung in den vergangenen Jahrzehnten für den vermeintlichen Kollaps der Harappa-Zivilisation angeführt wurden, sind zahlreich: Die in den hinduistischen Texten des „Rigveda“ beschriebenen Schlachten und Eroberungen haben die These hervorgebracht, eine Invasion der Arier habe den Zusammenbruch der Harappa-Zivilisation herbeigeführt. Allerdings liefern archäologische Funde keinerlei Hinweise auf Zerstörungen oder Schlachten, die mit einer solchen Invasion einhergegangen wären. Die These gilt deshalb als widerlegt.
Verschiedenste Theorien über das Ende der Zivilisation
Eine neuere Theorie besagt, dass klimatische Veränderungen den Zusammenbruch herbeigeführt haben könnten. Schon die Urbanisierung selbst war vermutlich eine Reaktion auf zunehmende Trockenheit, die eine Systematisierung der Bewässerung erforderte und über die Jahrhunderte eine stetige Erweiterung und Verästelung der Kanäle nach sich zog. Dennoch war das Fortschreiten dieses Klimawandels wohl nicht ausschlaggebend für die Deurbanisierung, auch wenn er im Zuge der sich verändernden Landwirtschaft soziale Veränderungen herbeigeführt haben könnte. Die Städte überdauerten den Einbruch der Trockenheit und stellten ihre Wasserversorgung möglicherweise von Regenwasser auf Gletscherwasser um.
Auch andere Umweltfaktoren könnten eine Rolle gespielt haben. Aristobulos sollte später von einem Indus schreiben, der den Flusslauf wechselte und so der Region, aus der er sich zurückzog, die Dürre brachte. Tatsächlich war der Indus vor seiner Begradigung und Bändigung dafür bekannt, seinen Lauf zu ändern. Seit den 1940er Jahren haben Archäologen deshalb vermutet, ein solches Ereignis hätte zur Aufgabe von Mohenjo-Daro führen können. Auch wenn der sich ändernde Flussverlauf die Städte der Harappa-Zivilisation nicht alle im gleichen Maß betroffen hätte, so wäre es doch denkbar, dass er eine Abwanderung Richtung Osten anstieß. Von großer Bedeutung wäre demnach das Austrocknen des wichtigsten Indus-Nebenflusses, des Sarasvati, gewesen.
Im Zusammenhang mit diesen Naturereignissen könnten andere Entwicklungen gestanden haben: eine sich verschlechternde Hygiene in den Städten, die bislang ausgezeichnete Lösungen für den Umgang mit Frisch- und Abwasser gefunden hatten; ein Rückgang des Handels, ausgelöst durch die rückläufige Wirtschaftskraft in Mesopotamien, wo ebenfalls alte Zivilisationen in ihre Spätphasen eintraten, Raubbau und Überweidung sowie schließlich soziale Spannungen, die durch ebendiese Entwicklungen ausgelöst wurden.
Ohne Drama: Die Bewohner wanderten wohl einfach weiter
Keine der plausiblen Erklärungen für Deurbanisierung und Abwanderung gen Osten spricht allerdings für einen plötzlichen oder vollständigen Kollaps der Harappa-Zivilisation. So wie die Unterteilung der einzelnen Phasen nur einer grundsätzlichen Strukturierung der Entwicklung dienen soll, so bezeichnet auch das Ende der letzten Phase um 1300 v. Chr. keinen echten Endpunkt, sondern nur den Abschluss der weitgehenden Deurbanisierung. Die Menschen, deren Vorfahren die großen Städte von Harappa bis Mohenjo-Daro bewohnt hatten, waren keinem Krieg, keiner Seuche und keiner großen Hungersnot zum Opfer gefallen. Sie waren lediglich im Lauf vieler Generationen abgewandert, hatten kleinere Gemeinden gegründet und weiter im Osten ihr Glück gesucht.
Dies geschah über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten, in dem einige der Städte sogar noch über mehrere Generationen hinweg weiter anwuchsen und zu neuer Blüte gelangten, während andere schon lange verlassen waren. Die Stadt Pirak sollte sogar bis in die hellenistische Zeit hinein – also ein Jahrtausend über das Ende der meisten anderen Städte hinaus – ein wichtiger Knotenpunkt bleiben.
Die Nachkommen der Städter ließen die technologischen Errungenschaften ihrer Städte zwar hinter sich; die viel kleineren Ortschaften, die sie nun bewohnten, benötigten allerdings auch keine Abwasserkanäle. Ein schrumpfendes Handelsnetz brauchte auch keine Schrift mehr – und über die Jahrhunderte wurden aus den Schriftzeichen der Harappa-Zivilisation magische Symbole.
Andere Bestandteile der vormals städtischen Gesellschaften setzten sich in die folgenden Jahrhunderte fort: Religion, Kunst und Handwerk der Harappa-Zivilisation blieben fester Bestandteil der Nachfolgekulturen. Traditionen wurden fortgeführt und wandelten sich.
Der Ursprung der alten Mauern geriet mit der Zeit in Vergessenheit. Und 3000 Jahre nachdem die Städte verlassen worden waren, glaubten die Menschen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung lebten, die Ruinen seien wohl Überbleibsel aus der letzten Phase des Mogulreichs. Erst die Ausgrabungen, die bis heute andauern und die wohl nie jede bekannte Siedlung gänzlich zutage fördern werden, haben gezeigt, dass im Industal schon in der Bronzezeit eine von beeindruckenden Städten geprägte Zivilisation existiert hat, die den anderen Hochkulturen der Zeit ebenbürtig war und sich dennoch deutlich von ihnen unterschied.
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