Zu diesem Zeitpunkt schien die Interpretation der Gesamtanlage noch vergleichsweise einfach. Trotz der beeindruckenden Größe der Gebäude und des durch die Umfassungsmauer definierten Gesamt‧geländes schien es sich um den sonst vor allem in der Nordschweiz vorkommenden Typus einer längsachsialen Guts‧anlage zu handeln. Dabei steht das Hauptgebäude in der Mitte des ummauerten Geländes. Weitere Bauwerke wie Stallungen und Speicher schließen sich an die Hofmauer an. Man glaubte damals, dass die Ansiedlung von einem Veteranen gegründet worden sei, dessen Familie im Lauf der Zeit zu Wohlstand gekommen war und ihren Besitz nach und nach vergrößert und bebaut hatte.
1991 wurden nach zehnjähriger Unterbrechung die Ausgrabungen wiederaufgenommen. Diese waren notwendig geworden, da die Mauer, die 20 Jahre zuvor zu der Entdeckung der Anlage geführt hatte, durch einen abrutschenden Hang akut gefährdet war und vor der endgültigen Zerstörung noch archäologisch dokumentiert werden sollte. Schon nach wenigen Tagen fanden sich bei dieser Arbeit die ersten Teile von antik zerschlagenen Statuen. Die weiteren Untersuchungen brachten die Grundrisse einfacher quadratischer Bauten zutage. In Kombination mit den Statuenfragmenten lag es nun nahe, den Platz als sakralen Ort zu deuten. Nach Abschluss der Untersuchungen in diesem Bereich zeigte sich, dass der heilige Bezirk der Gutsanlage ausgegraben worden war. Er war quadratisch angelegt, mit einer eigenen Umfassungsmauer umgeben und rund 30 mal 30 Meter groß.
Zu diesem Zeitpunkt kamen erste Zweifel an der bisherigen Interpretation der Anlage als landwirtschaftliches Gut auf. Sakrale Anlagen wie einzelne Tempel, die in der Regel einer Gottheit geweiht sind, finden sich zwar häufig in römischen Landgütern. Eine absolute Ausnahme stellt aber ein außerhalb der Umfassungsmauer separat angelegter heiliger Bezirk mit zehn einzeln stehenden Kapellen und einer Vielzahl verschiedener Gottheiten dar. Zusätzlich sprachen die schlechte Qualität und die geringe Größe der nutzbaren Anbauflächen im Talgrund dagegen, den offensichtlich vorhandenen Wohlstand der Bewohner nur auf landwirtschaftliche Tätigkeit zurückzuführen.
War die Anlage vielleicht eine Straßenstation gewesen? Dann hätten die Einwohner eine Erwerbsquelle gehabt, wenn sie den heiligen Bezirk den vorbeiziehenden Reisenden – gegen entsprechendes Entgelt – zur Verfügung gestellt hätten. Eine weitere Einkommensquelle vermutete man in den vor Ort vorhandenen Stubensandsteinvorkommen. Der Stubensandstein ist ein hervorragender Mauerstein und auch zur Herstellung von Statuen und Reliefs bestens geeignet. So findet er sich sehr häufig in der nahe gelegenen stadtartigen römischen Ansiedlung von Sumelocenna/Rottenburg am Neckar.
Bei den weiteren Ausgrabungen entlang der westlichen Hofmauer kamen zusätzliche Gebäude zutage: ein großes Mühlengebäude, ein Speicherbau, ein großangelegtes Torhaus, das den Zugang zur Anlage bildete, eine Schmiede und ein weiteres Wohngebäude. Entgegen der bisherigen Annahme, dass sich die einzelnen Gebäude an die Hofmauer anschmiegten, zeigte sich das genaue Gegenteil: Die Hofmauer richtete sich an schon bestehenden Gebäuden aus. Dabei fiel auf, dass beim Bau der Gebäude die Hofmauer offensichtlich noch nicht geplant gewesen war. Als diese wohl erst zu Beginn des 3. Jahrhunderts gebaut wurde, unternahm man den Versuch, die vorhandenen Gebäude mit einzubeziehen, was zu teilweise merkwürdigen Winkeln und unbefriedigenden Lösungen führte. In einem Fall zieht die Mauer sogar in nur etwas über einem Meter Abstand an einem älteren Gebäude vorbei.





