Amsterdam ist die Stadt, in der Anne Frank von 1942 bis 1944 ihr Tagebuch geschrieben hat – das heute bekannteste Dokument des Holocaust. Von daher erstaunt es geradezu, dass bisher noch keine deutschsprachige Darstellung der Geschichte Amsterdams im Zweiten Weltkrieg vorlag. Die Journalistin Barbara Beuys, die zuletzt mit einer umfassenden Biographie Sophie Scholls hervorgetreten ist, hat diese Lücke nun geschlossen. „Leben mit dem Feind. Amsterdam unter deutscher Besatzung 1940 –1945“ heißt ihr soeben erschienenes Buch. Sie schildert darin die fünf Besatzungsjahre aus der Perspektive der Amsterdamer selbst. Es gibt eben nicht nur die Aufzeichnungen Anne Franks; Beuys hat zahlreiche andere Tagebücher, Briefe und Erinnerungen ausfindig gemacht und großenteils erstmals ins Deutsche übersetzt. Dank dieser Methode ist das damalige Amsterdam dem Leser ganz nahe, er empfindet die Verzweiflung jüdischer Niederländer und deutscher Exilanten nach, hofft mit ihnen wider besseres Wissen, dass vielleicht alles doch nicht so schlimm werden wird.
Doch in kaum einer anderen Stadt kam es so schlimm wie in Amsterdam: Etwa 80 000 der 140 000 jüdischen Niederländer lebten zum Zeitpunkt der Invasion in der Hauptstadt, und von den 140 000 wurden 102 000 ermordet. Das ist der höchste Anteil aller von den deutschen besetzten westeuropäischen Länder, und die Frage, warum gerade in den Niederlanden nur so wenige Juden überlebten, treibt seit Jahrzehnten die niederländische Geschichtsschreibung um. Da sich Barbara Beuys in ihrem Buch auf persönliche Schilderungen beschränkt, liefert sie selbst nur indirekte Antworten auf diese Frage. Sie verzichtet auf jeden Vergleich mit anderen Ländern oder Städten, sie tritt überhaupt fast ganz hinter den Quellen zurück. So ergibt sich zwar ein vielstimmiges und atmosphärisch dichtes Bild der Besatzungszeit, aber keine Analyse. Am Ende bleibt der Leser tief bewegt, aber auch ein wenig ratlos zurück.
Rezension: Christoph Driessen





