Der Nil durchfließt Ägypten von Süden nach Norden. In der Antike teilte sich der Fluss auf der Höhe des modernen Kairo in sieben ins Mittelmeer führende Mündungsarme. Diese waren durch ein Netz von Nebenarmen und Kanälen miteinander verbunden und bildeten ein 250 Kilometer breites, sumpfiges Flussdelta. Heute existieren nur noch zwei Mündungsarme: der Rosette- und der Damiette-Arm. An den Ufern des Nils erstreckt sich ein grüner Fruchtlandstreifen, der sich nach Norden hin verbreitert (von 100 Metern bei Assuan ganz im Süden bis auf einige Kilometer bei Kairo). Der einzige Seitenarm des Nils, der Bahr Yussuf (Josephsfluss), speist den Karun-See, der das Zentrum der Feuchtgebiete des Faijums bildet. Jenseits des grünen Flusstals beginnen die ariden Gebiete der Arabischen Wüste im Osten und der Libyschen Wüste im Westen mit ihren Höhenzügen und Gebirgsketten, in denen Gold, Halbedelsteine, Farbpigmente und Hartgesteine abgebaut werden konnten. In der Westwüste existieren außerdem mehrere Oasen in natür‧lichen Senken, in denen Grundwasser in Form von Brunnen und Seen an die Oberfläche tritt und so menschliche Besiedlung möglich macht: Baharija, Farafra, Dachla, Charga und ganz im Westen Siwa.
Dass das Niltal bereits seit dem 5. Jahrtausend v. Chr., als die ersten sesshaften Kulturen in Ägypten nachweisbar sind, ein attraktiver Lebensraum für Mensch und Tier war, lag an einem im Mittelmeerraum einzigartigen Phänomen: Jedes Jahr zur gleichen Zeit, im Juli, trat der Fluss über die Ufer und hinterließ, wenn er Ende September wieder in sein Bett zurückgekehrt war, eine Schicht fruchtbaren schwarzen Schlamms. Dieser Schlamm bestand aus vulkanischen Ablagerungen, die durch monsunartige Regenfälle im abessinischen Hochland Äthiopiens zu feinen Körnchen zermahlen und in den Blauen Nil gespült wurden. Nach dessen Vereinigung mit dem zweiten Quellfluss des Nils, dem in Uganda entspringenden Weißen Nil, auf der Höhe von Khartum (Sudan) wurden die Schwebstoffe mit der Strömung nach Ägypten transportiert. Aufgrund seiner Zusammensetzung wirkte der Schlamm als natürlicher mineralischer Dünger und steigerte die Fruchtbarkeit des an den Fluss angrenzenden Ackerlands. Nach dem Abfließen des Überschwemmungswassers konnten die ägyptischen Bauern im Oktober und November auf den durchfeuchteten Feldern, die trotz des regenarmen Klimas nicht weiter bewässert werden mussten, mit der Aussaat beginnen und von April an die Früchte ihrer Arbeit ernten. Seit dem Bau des Assuan-Staudamms in den 1960er Jahren sammelt sich das Überschwemmungswasser im Nasser-See, und die jährliche Düngung des Ackerlandes mit dem fruchtbaren Nilschlamm bleibt aus.
Angebaut wurden in der Antike Emmer (eine Weizenart), Gerste (aus der auch Bier gebraut wurde) und Flachs. Letzterer bildete den Rohstoff für die eleganten weißen Leinengewänder, mit denen die Verstorbenen auf den Wandmalereien in den Gräbern dargestellt sind. Darüber hinaus bereicherten Obst, Gemüse und Wein, die in umfriedeten Nutzgärten angepflanzt wurden, den Speiseplan der Ägypter. In den Sumpfgebieten des Deltas und des Faijums, die zudem als Weideland für die Rinderzucht dienten, entwickelte sich eine artenreiche Fauna und Flora, die vom Menschen durch die Jagd auf Vögel und Fische sowie das Sammeln von Lotos- und Papyruspflanzen genutzt wurde. Bereits zur Zeit der 5. Dynastie ließ Pharao Niuserre (um 2465– 2434 v. Chr.) in der Welten- oder Jahreszeitenkammer seines Sonnenheiligtums in Abu Gurob Szenen anbringen, die Menschen und ihre landwirtschaftlichen Tätigkeiten an den Ufern des Nils im Wechsel der Jahreszeiten zeigen. Die Ägypter teilten das Jahr nur in drei Jahreszeiten ein, die nach dem Rhythmus des Nils ausgerichtet waren. Das Jahr begann mit der Achet- bzw. Überschwemmungs-Jahreszeit; darauf folgten die Peret- bzw. Aussaat- sowie die Schemu- bzw. Ernte-Jahreszeit mit einer Dauer von jeweils vier Monaten. Auch an den Wänden zahlreicher Gräber hoher ägyptischer Beamter finden sich ähnliche Bilder, denen ein tieferer Sinn innewohnt: Die Darstellung der überreichen Vegetation am Nilufer und die erfolgreiche Jagd auf gefährliche Wildtiere wie Nilpferde symbolisieren die Hoffnung des Verstorbenen auf die eigene Regenera‧tion, den Triumph über das Chaos und die Überwindung des Todes…





