Konkurrenz mit Karl V.: Lebenslang Rivalen - wissenschaft.de | DAMALS
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Lebenslang Rivalen
Franz I. verstand sich als Erster unter Europas Monarchen. Bei der Wahl zum römisch-deutschen König unterlag er 1519 allerdings dem Habsburger Kandidaten Karl V. Diese Niederlage und vor allem das Ringen um Italien, auf das Frankreich Ansprüche erhob, befeuerte eine kriegerische Rivalität der beiden Herrscher, die erst mit Franz’ Tod endete.
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von RAINER BABEL
Die deutschen Kurfürsten trafen 1519 eine Entscheidung, die über das Heilige Römische Reich hinaus weitreichende Folgen für ganz Europa hatte: Sie wählten König Karl I. von Aragón und Kastilien, Herrscher über die habsburgischen Erblande, über die Niederlande und die Freigrafschaft Burgund, zum römischen König und Nachfolger seines Großvaters, des Kaisers Maximilian I. Als Enkel Maximilians und aufgrund seiner Ehe mit Maria von Burgund war Karl Erbe nicht nur der habsburgischen Herrschaften und des im späteren Mittelalter entstandenen großen Herzogtums Burgund. Seine Mutter Johanna hatte ihm auch die Ansprüche auf die beiden iberischen Königtümer vermittelt. So war ein Herrschaftskomplex von nicht gekanntem Ausmaß entstanden, dem nun auch noch das Reich hinzugefügt wurde.
Karls Wahl war freilich keine Selbstverständlichkeit gewesen, denn auch ein anderer Kandidat war keinesfalls chancenlos: Franz von Valois, I., seit 1515 als Franz I. König von Frankreich. Sechs Jahre älter als der 1500 geborene Karl, hatte Franz in den ersten Jahren seiner Herrschaft schon Erfolge erzielt, die ihm den Nimbus eines geborenen Anführers und machtvollen Monarchen verliehen – würdig, die prestigeträchtige Krone des Reiches zu tragen. Franz konnte sich der Fürsprache des Papstes sicher sein und warb bei den Kurfürsten mit finanziellen Zuwendungen für sich. Kaiser Maximilian machte sich für die Kandidatur seines Enkels Karl stark, den die großen Augsburger Handelshäuser der Fugger und Welser unterstützten. Am Ende entschieden sich die Kurfürsten einstimmig für den Habsburger.
Der Wahlausgang war zweifellos ein Schlag für Franz’ Selbstbewusstsein und seinen Anspruch, als Erster unter Europas Monarchen zu gelten. Mit der ideellen verband sich jedoch auch eine machtpolitische Problematik. Die Konkurrenz zwischen Habsburg und den französischen Königen wurzelte tief im Mittelalter. Einmal war es dabei um die Aufteilung des Erbes aus dem alten burgundischen Großreich gegangen; nach dem Tod Herzog Karls des Kühnen (1477) war das Erbe zwischen König Ludwig von Frankreich und Maximilian als Gemahl von Karls Tochter Maria umstritten gewesen. Ein Kompromiss, die die Niederlande und die Freigrafschaft Burgund bei Habsburg beließ, Frankreich aber die genuin französischen Territorien mit dem Kernterritorium um Dijon zurückgab, wurde im Vertrag von Senlis (1493) gefunden.
Franz I. strebt nach der Aufwertung seiner Stellung, Karl V. will die kaiserliche Macht stärken
Ein zweites Konfliktfeld tat sich in Italien auf, wo die französische Krone seit dem Spätmittelalter eine expansive, auf Territorialerwerb ausgerichtete Politik betrieben hatte. Von einem habsburgischen Kaiser fürchtete Franz I. zu Recht, dass die französischen Ansprüche, die schon in der Vergangenheit als Versuch gelesen worden waren, eine kaisergleiche Stellung aufzubauen, bestritten werden würden. Der neue römische König Karl V., der seine Kaiserkrönung noch erwartete, hatte seinerseits die Macht und die Vision, eine bislang nur theoretische kaiserliche Führungsrolle mit neuem Inhalt zu füllen.
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Franz I. scheint schon unmittelbar nach der Wahl eine offene Konfrontation mit dem Habsburger für unausweichlich gehalten zu haben. Jedoch beschränkte er sich vorerst auf Störmanöver, um Karl beschäftigt zu halten und einen Romzug zur Krönung zu verhindern. Den Papst, den er auf seiner Seite wusste, bat er, Karl die Einwilligung zum Führen des Titels „Erwählter Kaiser“, der dem niemals gekrönten Maximilian zugestanden worden war, zu versagen – es sei denn, dieser garantiere den französischen Besitz in Italien und die Rechte der Krone auf Neapel-Sizilien.
1521 verschlechterten sich die französischen Perspektiven aus zwei Gründen jedoch schlagartig. Im Mai gelang es dem Habsburger nämlich, den Papst auf seine Seite zu ziehen, wodurch Franz seine wichtigste Unterstützung in Italien verlor. Zudem bewog Karl den bis dahin als Vermittler aufgetretenen Heinrich VIII. von England durch die Aussicht auf Gewinne in Nordfrankreich zu einem Bündnis.
Im selben Jahr ließ Karl Mailand angreifen. Die Lage entwickelte sich rasch zu Ungunsten Frankreichs. Zweimal, 1522 und 1524, wurden Entsatzheere für das umkämpfte Mailand von den Kaiserlichen zurückgeschlagen. Zugleich geriet das französische Kernland durch einen englischen Feldzug in Nordfrankreich im Herbst 1523 und ein knappes Jahr später durch aus Oberitalien in die Provence vordringende kaiserliche Truppen unter Druck.
Angesichts der zunehmend schwierigen Lage überschritt Franz im Oktober 1524 mit einer starken Armee die Alpen. Er wollte zunächst die Festung von Pavia einnehmen. Die Stadt erwies sich jedoch als weitaus widerstandsfähiger als gedacht. Je länger der Erfolg ausblieb, desto mehr setzten die widrigen Bedingungen des winterlichen Belagerungskrieges dem französischen Heer zu.
Wegen der zahlenmäßigen Unterlegenheit ihrer Kräfte wichen die kaiserlichen Befehlshaber einer direkten Konfrontation lange aus, aber Ende Februar 1525 sahen sie den Augenblick gekommen, anzugreifen – und siegten. Die militärisch einschneidende Niederlage wurde durch den Umstand noch potenziert, dass der König persönlich in Gefangenschaft geriet.
Der jetzt den Titel „Erwählter Kaiser“ führende Karl V. gedachte, aus dieser Situation höchstmöglichen Profit zu schlagen. Seine Friedensbedingungen waren hart: Franz sollte nicht nur auf alle Ansprüche in Italien verzichten, sondern auch auf bestimmte Rechte in den Niederlanden und vor allem auf das französische Stammherzogtum der burgundischen Dynastie mit der Hauptstadt Dijon.
Die Gefangenschaft von Pavia stellt Franz vor fast unlösbare Probleme
Vor allem dieser letzte Punkt war für Franz unannehmbar. Er führte den kaiserlichen Unterhändlern vor Augen, dass er nach französischem Staatsverständnis nur der Treuhänder des Besitzes seiner Krone sei und daher nicht in gültiger Form auf Kernterritorien des Königreichs verzichten könne. Der Kaiser beharrte jedoch auf seinen Forderungen. So scheiterten alle Gespräche, und Franz blieb in Gefangenschaft, zunächst im italienischen Pizzighettone, seit Juli 1525 in Madrid.
In Madrid vermied Karl den persönlichen Kontakt mit Franz. Monate, in denen die Rückkehr des Königs in sein Reich immer dringlicher wurde, verstrichen. Zwar führte Franz’ Mutter Luise von Savoyen unterdessen geschickt die Regentschaft und handelte im Sommer 1525 mit Frankreichs zweitem Feind, dem König von England, den Frieden von Moore aus, was den Druck von Frankreichs Nordflanke nahm. Aber das Fehlen eines starken königlichen Arms beeinträchtigte landesweit die innere Sicherheit und ermutigte partikulare Gewalten, die Autorität der Krone in Frage zu stellen. So entschloss Franz sich letztlich doch, den kaiserlichen Forderungen nachzugeben – aber nicht ohne zuvor eine geheime Erklärung über die Nichtigkeit seiner Zustimmung zu Protokoll zu geben.
Der Kaiser hatte die mutmaßliche Unaufrichtigkeit seines Kontrahenten jedoch einkalkuliert und verlangte, dass im Gegenzug zu Franz’ Freilassung dessen beide ältesten Söhne bis zur Erfüllung des im Januar 1526 geschlossenen Friedensvertrags als Geiseln nach Spanien gebracht würden. Mitte März konnte der König nach Frankreich zurückkehren, während die beiden Prinzen nach Spanien reisen mussten.
Dass der Frieden von Madrid nicht das Papier wert war, auf dem er aufgeschrieben worden war, zeigte sich schnell. Im Juni 1526 berief Franz die Provinzialstände des Herzogtums Burgund ein, die im Sinn des Königs die staatsrechtliche Unmöglichkeit einer Trennung von Frankreich feststellten.
Dem König kam nun zugute, dass der Machtzuwachs des Kaisers, der inzwischen auch seine Herrschaft in Neapel-Sizilien fest verankert hatte, europaweit Befürchtungen hervorrief. Insbesondere die italienischen Mächte näherten sich Frankreich, das allein ein wirksames Gegengewicht bilden konnte, wieder an. Venedig, Florenz, der Papst und sogar Mailand unter dem vom Kaiser wieder eingesetzten letzten Sforza schlossen sich am 22. Mai 1526 mit England und Frankreich zur Liga von Cognac zusammen.
Franz sah in dieser Liga in erster Linie ein Instrument, um ohne größeres eigenes Engagement und ohne seine Söhne in Gefahr zu bringen, agieren zu können. Die militärischen Lasten des Bündnisses überließ er daher weitgehend seinen Verbündeten. Doch spätestens nach dem unerhörten Ereignis des „Sacco di Roma“, der Einnahme und Plünderung Roms durch kaiserliche Landsknechte im Mai 1527, konnte Franz sich nicht mehr im Hintergrund halten. Im August 1527 überschritt eine Armee von 20 000 Mann die Alpen und bezog Stellungen in Oberitalien. Eine parallel dazu nach Paris einberufene Versammlung von Notabeln bestätigte noch einmal die Nichtigkeit des Vertrags von Madrid und beschloss außerordentliche Steuern, um den Freikauf der französischen Prinzen zu ermöglichen.
Die strategische Konkurrenz wandelt sich zur Feindschaft
Mit diesem Rückhalt versehen, übersandte Franz im Januar 1528 eine neuerliche Kriegserklärung an den kaiserlichen Hof. Die Weigerung des Königs von Frankreich, den Vertrag von Madrid zu erfüllen, verärgerte Karl V. außerordentlich. Aus seiner Antwort ließ sich der Vorwurf der Ehrvergessenheit und eine verklausulierte Forderung zum persönlichen Duell herauslesen – die Franz I. seinerseits zustimmend aufnahm. Mittlerweile war die französische Armee aus Oberitalien an die Grenzen des Königreichs Neapel-Sizilien gezogen, die Basis habsburgischer Macht in Italien.
Die Belagerung der Stadt Neapel begann aussichtsreich, blieb jedoch stecken, als im Sommer 1528 eine Pestepidemie die französischen Truppen dezimierte. Noch ungünstiger wirkte sich ein Seitenwechsel des genuesischen Dogen Andrea Doria aus, der anfangs mit seinen Galeeren die Franzosen von See her wirkungsvoll unterstützt hatte.
Da Frankreich kaum mehr finanzielle Ressourcen mobilisieren konnte, war an eine Fortsetzung des Kriegs nicht mehr zu denken und ein Einlenken Franz’ kaum noch vermeidbar. Aber auch Karl V. hatte Anlass, sein Verhältnis zu Frankreich zu bereinigen, denn im Reich schritt die Reformation voran, und an den Grenzen Ungarns dehnten die Osmanen ihren Einfluss aus.
Allerdings hatten beide Monarchen mit den wechselseitigen Ehrvorwürfen und Duellforderungen das Terrain einer Verständigung eingeschränkt. Einen geschickten diplomatischen Ausweg bot das Verfahren, die Verhandlungen von zwei Stellvertreterinnen führen zu lassen, und zwar von Luise von Savoyen und der Regentin der Niederlande, Margarete von Habsburg, die einige Jahre am französischen Hof erzogen worden war und Luise aus dieser Zeit kannte.
Seit Juni 1529 verhandelten die beiden Frauen in Cambrai den berühmten „Damenfrieden“ von 1529, der den Vertrag von Madrid ersetzte. Franz konnte in zwei wichtigen Punkten Verbesserungen erzielen. In Erkenntnis der Aussichtslosigkeit, Burgund erwerben zu können, verzichtete der Kaiser auf diese Forderung. Zugleich stimmte er der Freilassung der französischen Prinzen gegen ein stattliches Lösegeld zu. Franz musste jedoch erneut seinen Ansprüchen in Italien abschwören.
Seinen italienischen Verbündeten hatte er bis zuletzt vorgespiegelt, für ihren Einschluss in den Frieden zu sorgen, ließ dieses Versprechen jedoch am Ende fallen. Um einen hohen Preis freilich: Seine von ihm schon mehrfach düpierten Alliierten verloren den letzten Rest von Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihrer bisherigen Schutzmacht, und der Kaiser hatte fortan in Italien freie Hand. Dass er sich im Februar 1530 im Dom zu Bologna vom Papst feierlich krönen lassen konnte, war der sichtbarste Ausdruck der neuen Verhältnisse.
Politik der Nadelstiche statt neuer Konfrontation
Für Franz bedeutete Cambrai, trotz aller Verbesserungen im Vergleich zu Madrid, die Aufgabe seiner italienischen Ansprüche – eine offene Wunde: Zu stark waren die jetzt anscheinend für immer gekappten italienpolitischen Traditionen seiner Vorgänger in seine eigene Konzeption des Königtums eingeflossen. An einen erneuten Konflikt mit dem erstarkten Kaiser war jedoch auf längere Sicht nicht zu denken.
Die einzig verbleibende politische Strategie war die, mit feinen, aber unablässigen Nadelstichen der kaiserlichen Machtentfaltung entgegenzuwirken. In diesem Gedanken wurde Franz durch seine Umgebung bestärkt, in der seit dem Tod Luises von Savoyen im September 1531 ein Jugendgefährte des Königs, Anne de Montmorency, unangefochten den Ton angab. Mehrere Aktionsfelder boten sich an: In Deutschland knüpfte Franz Kontakte zu den angesichts der Machtfülle Karls misstrauischen Reichsständen.
Er suchte den Schulterschluss insbesondere mit den protestantischen unter ihnen, die sich seit 1531 im Schmalkaldischen Bund zu organisieren begannen. In Italien zeigte sich Papst Clemens VII. aus dem Haus Medici trotz der vorausgehenden Verstimmungen bald wieder gesprächsbereit, vermittelte eine Heirat seiner Nichte Katharina – der späteren Königin Katharina von Medici – mit Franz’ zweitältestem Sohn Heinrich (1533) und stimmte einer Geheimabsprache über einen künftigen französischen Feldzug zur Eroberung Mailands zu.
Die dritte, freilich gefährliche Karte, die Franz ausspielen konnte, war die Einbindung der muslimischen Osmanen in eine Allianz. Seit 1530 verfolgte Franz auch diesen Kontakt zielbewusst. Letztlich führte aber keine dieser Initiativen weiter: Der Papst starb 1534; sein Nachfolger Paul III. verfolgte eine andere Agenda. Mit den Osmanen ergab sich über Handelsabsprachen hinaus kein Bündnis. Wohl aber beschädigten die nicht verborgen gebliebenen Kontakte Franz’ zu diesen sein Ansehen im Reich.
Eine neue Dynamik entstand unmittelbar darauf allerdings durch den Tod des letzten Herzogs von Mailand aus dem Haus Sforza. Nun bot sich die Gelegenheit, dieses Herzstück französischer Italienpolitik in wenigstens mittelbarer Form zu erwerben, und Franz schlug dem Kaiser augenblicklich die Belehnung eines seiner Söhne mit Mailand vor. Zugleich nutzte er einen Zwist, den er mit Herzog Karl III. von Savoyen über Ansprüche aus Luises Erbe hatte, zur Besetzung dieses sich westlich und östlich der Alpen erstreckenden Landes und sicherte sich so eine günstige Ausgangsposition für einen möglichen Feldzug gegen Mailand.
Karl V. antwortete mit einer Kriegserklärung, doch konnten die kaiserlichen Truppen weder in der Provence noch in den Niederlanden Entscheidendes ausrichten.
Die so entstandene Pattsituation löste der Papst auf. Paul III. schlug vor, dass die Kontrahenten unter seiner Vermittlung im savoyischen Nizza verhandeln sollten. Diese Gespräche führten 1538 zu einem Waffenstillstand, der Franz den Besitz erheblicher Teile Savoyen garantierte.
Ungelöst war noch die Frage, wie es mit Mailand weitergehen sollte. Franz und sein engster Berater Montmorency hielten den Augenblick für gekommen, eine Kompromisslösung vorzuschlagen: Franz lud den Kaiser ein, ihn in Aigues-Mortes persönlich zu treffen. Bei dieser persönlichen Begegnung erreichte Franz tatsächlich eine Zusage des Kaisers, die Belehnung seines jüngsten Sohnes mit Mailand unter bestimmten heiratspolitischen Voraussetzungen in Erwägung zu ziehen. Die Sicherung Mailands für Frankreich schien damit in greifbarer Nähe.
Karl V. als Gast des Königs – und dann die große Enttäuschung
Die Begegnung zwischen Franz und Karl war für die zeitgenössischen Beobachter unerwartet freundlich verlaufen und ließ manchen, unter ihnen Montmorency, schon an den Beginn einer neuen Ära glauben, in der beide Monarchen die Geschicke der Christenheit gemeinsam und harmonisch leiten würden. Diese Aussicht bewog Franz Mitte 1539 zu einer großen Geste: Am französischen Hof wurde bekannt, dass der wieder in Spanien weilende Kaiser wegen eines Aufstands in Gent in die Niederlande reisen wollte. Auf Montmorencys Rat hin lud Franz den Kaiser ein, dafür den kürzesten Weg – den Landweg durch Frankreich – zu wählen. Und so durchquerte Karl V. Frankreich von November 1539 bis Ende Januar 1540 als überall auf seinem Weg mit höchsten Ehren bedachter Gast des Königs.
Nach der Ankunft Karls in Brüssel erwartete Franz ungeduldig die definitiven Vorschläge für die Ausgestaltung des mailändischen Kompromisses. Als diese eintrafen, sorgten sie jedoch für Enttäuschung. Der Kaiser machte zwar Vorschläge für eine Heirat zwischen Franz’ jüngstem Sohn und seiner Tochter Maria, wollte dem Paar Mailand – oder wahlweise die Niederlande – aber nur unter sehr einschränkenden Vorbehalten geben, die für Franz nicht akzeptabel waren.
Einige Monate lang wurde zwischen den Höfen noch verhandelt, aber am Ende zeigte der Kaiser, dass er die von Franz erhoffte Lösung des territorialen Problems auf Augenhöhe nur aus taktischem Kalkül in Aussicht gestellt hatte: Im Oktober 1540 übertrug er Mailand seinem Sohn Philipp. Montmorency, den am Hof lange dominierenden Anwalt einer Verständigungspolitik, kostete diese Wendung die Gnade des Königs.
Franz hingegen wandte sich wieder den alten Gegnern des Kaisers zu. Die deutschen Protestanten ließen seine Annäherungsversuche allerdings ins Leere laufen, da er unterdessen in seinem eigenen Reich als unerbittlicher Verfolger ihrer Glaubensbrüder aufgetreten war. Vielversprechender begannen neue Verhandlungen mit den Osmanen, und so kam im März 1542 ein Gesandter des Königs für den Fall eines neuen französischen Krieges mit dem Kaiser mit einer Hilfszusage des Sultans aus Konstantinopel zurück.
Im Sommer desselben Jahres, als Karl V. die Folgen einer desaströs gescheiterten militärischen Expedition gegen Algier zu verarbeiten hatte, schien Franz die Gelegenheit günstig, den brüchigen Waffenstillstand mit dem Kaiser aufzukündigen. Zwei französische Armeen wurden in Marsch gesetzt, die erste unter dem Dauphin Heinrich gegen Luxemburg, die zweite unter seinem Bruder Karl von Orleans in Richtung auf die Pyrenäengrenze, doch keine von beiden konnte trotz Anfangserfolgen ihren Auftrag erfüllen. Während des Winters 1542/43 änderte sich auch die politische Großwetterlage wieder zu Frankreichs Ungunsten, denn aufgrund ausbleibender Pensionszahlungen und anderer Querelen kündigte Heinrich VIII. von England den Frieden von Moore auf und ging eine Allianz mit dem Kaiser ein.
Zumindest wartete Franz nicht vergeblich auf die in Aussicht gestellte osmanische Unterstützung. Im August 1543 trafen 100 Galeeren des Sultans für die Unterstützung einer Belagerung von Nizza ein. Die Stadt fiel, doch die Zitadelle konnten die vereinten osmanisch-französischen Kräfte nicht einnehmen. Als der Herzog von Savoyen mit einer starken Entsatzarmee heraneilte, musste die Belagerung abgebrochen werden.
Für Franz wurden seine Verbündeten aus dem Orient in der Folge eher zur Last, denn nun mussten sie aus den Ressourcen des Königreichs versorgt werden. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Einwohner Toulons zum Verlassen der Stadt aufzufordern und diese den osmanischen Verbündeten zu überlassen, die erst nach acht Monaten, im Mai 1544, wieder abzogen.
Zum Schluss kommt Franz seinem Ziel noch einmal nahe
Wie schon 1535 war der Prestigeschaden für Franz durch das Paktieren mit den muslimischen Osmanen immens. Im Frühjahr 1544 begann dann auch der von Anfang an zwischen England und dem Kaiser verabredete Doppelangriff auf Frankreich. Eine starke englische Armee überquerte den Kanal, und zwei kaiserliche Armeen stießen von der Kurpfalz und von Luxemburg aus ins französische Kernland vor. Aus dieser Bedrängnis rettete Franz die Uneinigkeit seiner Feinde hinsichtlich ihrer Ziele. Die kaiserlichen Armeen kämpften sich bis nach Soissons vor. Die englischen Kräfte unternahmen jedoch nicht den von den Kaiserlichen erhofften Vorstoß nach Süden, sondern hielten sich mit der Belagerung von Montreuil und Boulogne auf.
Der Kaiser, in finanziellen Nöten, erkannte, dass er vom englischen Verbündeten nicht mehr viel zu erwarten hatte. So schloss er 1544 zu Crépy einen Sonderfrieden: Dieser verpflichtete Franz, dem Kaiser militärisch gegen die Osmanen beizustehen. Von größter Bedeutung war, dass der Kaiser nun wieder eine dynastische Verbindung mit dem Haus Valois zur Lösung der territorialen Probleme ins Auge fasste. Franz’ jüngerer Sohn sollte entweder mit seiner Tochter Maria oder seiner Nichte Anna verheiratet werden. Im ersten Fall sollte das Paar die Niederlande und die Freigrafschaft Burgund zu freiem Eigentum, im zweiten Fall das Herzogtum Mailand als direktes Reichslehen erhalten.
Das war wesentlich mehr, als der Kaiser 1541 zu geben bereit gewesen war. Allerdings kam eine Geheimabsprache hinzu, die auch Franz einiges abverlangte, denn sie widersprach dem Selbstverständnis der französischen Könige als obersten Schützern der Christenheit: Er musste zusagen, mit dem Kaiser auf ein Konzil zur Beilegung der konfessionellen Streitigkeiten hinzuwirken und mit ihm gegen die deutschen Protestanten vorzugehen, falls sie Widerstand leisten sollten.
Als der Kaiser im März 1545 seine Entscheidung verkündete – die Verheiratung von Franz’ Sohn mit seiner Nichte und die Belehnung des Paares mit Mailand – schien sich ein sehnlicher Wunsch Franz’ zu erfüllen. Doch machte der unerwartete Tod seines jüngeren Sohnes Karl von Orléans im September 1545 seine Hoffnungen einmal mehr zunichte. Dem König selbst blieben nach diesem tragischen Ereignis nur noch anderthalb Jahre Lebenszeit. Am 31. März 1547 starb Franz I. im Schloss zu Rambouillet, ohne noch einmal die Initiative in dieser Richtung ergriffen zu haben.
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