Mythos oder echtes Geschehen?
Der Überlieferung nach begann die Geschichte Chinas irgendwann um 2200 bis 2000 v. Chr. mit einer “Großen Flut”, einer ausgedehnten Überschwemmung entlang des Gelben Flusses. Ein heldenhafter Herrscher namens Yu soll dann diese Flut durch verschiedene Schutzmaßnahmen gezähmt haben, was ihm so viel Ruhm eintrug, dass er zum Kaiser gemacht wurde und die Xia Dynastie begründete. Sie markiert den Überlieferungen nach den Anfang der chinesischen Hochkultur.
Allerdings: Die Berichte über die Flut und die Heldentaten des Kaisers Yu wurden erst mehr als tausend Jahre mündlich überliefert, bevor sie aufgezeichnet wurden. Ob es diese Große Flut wirklich gegeben hat und ob und wann genau Kaiser Yu lebte, blieb daher bisher unklar. Einige Historiker vertraten sogar die Ansicht, dass dieser Mythos möglicherweise einfach erfunden wurde, um die kaiserliche Herrschaft zu rechtfertigen.
Erdbeben und Erdrutsch
Jetzt jedoch könnten Quinglong Wu von der Universität Peking und seine Kollegen Indizien dafür gefunden haben, dass es die “Große Flut” tatsächlich gab. Denn bei Ausgrabungen am Gelben Fluss in der Qinghai-Provinz Chinas stießen sie auf geologische Spuren, die auf ein Erdbeben, einen Erdrutsch und eine wenige Monate später folgende Sturzflut entlang des Flusses hindeuten. All diese Ereignisse geschahen ihren Datierungen zufolge ungefähr um 1900 v. Chr.
Das erste Indiz entdeckten die Forscher bei Ausgrabungen in der prähistorischen Siedlung Lajia, die rund 25 stromabwärts der Jishi-Schlucht am Gelben Fluss lag: Kollabierte Häuser belegen, dass sich in dieser Gegend etwa um 1900 v.Chr. ein starkes Erdbeben ereignet haben muss. Der zweite Hinweis sind die Überreste eines Erdrutsches in der nahegelegenen Jishi-Schlucht, wahrscheinlich verursacht vom selben Erdbeben, wie Wu und seine Kollegen erklären.
…gefolgt von einer Sturzflut
Der Erdrutsch bildete einen über 1300 Meter breiten und 240 Meter hohen Damm mitten im damaligen Flussbett des Gelben Flusses. “Dieser Damm hätte den Gelben Fluss komplett blockiert”, berichten Wu und seine Kollegen. Als Folge davon staute sich das Wasser. Weil sich dieser Stausee nicht zur Seite hin ausbreiten konnte, stieg der Wasserspiegel hinter dem Damm im Laufe der nächsten Monate immer weiter an – bis der Damm brach.
Die Spuren der nun folgenden Sturzflut konnten die Wissenschaftler auch stromabwärts in Lajia nachweisen. Dort hatte das Wasser Häuser überspült, einige Menschen getötet und ausgedehnte Sedimentflächen hinterlassen. Datierungen von Knochen der prähistorischen Flutopfer ergaben, dass sich dieses Hochwasser um 1920 v.Chr. ereignet haben muss. Wie die Forscher errechneten, könnten bei dieser Sturzflut fast eine halbe Million Kubikmeter Wasser pro Sekunde das Flussbett hinabgerast sein. “Das wäre eine der größten Süßwasserfluten des gesamten Holozäns gewesen”, sagt Wu.





