Ungewöhnliche Knochenfunde
Auf den ersten Blick scheint Wharram Percy in North Yorkshire ein ganz normales mittelalterliches Dorf gewesen zu sein: Im 11. bis 14. Jahrhundert bestand es aus zwei Häuserreihen, einer Kirche und einem Friedhof und wurde von vornehmlich Bauern bewohnt, wie Ausgrabungen in den Überresten des Ortes belegten. Doch am Südende der Häuserreihe haben Simon Mays von Historic England und seine Kollegen nun etwas Ungewöhnliches entdeckt: Nahe der Ruine eines Langhauses stießen sie auf drei Gruben, die mit menschlichen Gebeinen gefüllt waren.
Die 137 Knochenfragmente stammen von mindestens zehn verschiedenen Frauen und Männern, neben Erwachsenen sind auch Kinder und Jugendliche darunter, wie die Forscher berichten. Ungewöhnlich daran ist nicht nur, dass diese Toten außerhalb des Friedhofs lagen. Nähere Untersuchungen ergaben auch, dass viele Knochen Messerspuren aufwiesen, andere waren absichtlich zerbrochen worden. 17 Schädelfragmente wiesen zudem Spuren von Feuer auf.
Konflikt oder Kannibalismus als Ursache?
Nach Ansicht der Archäologen spricht dies dafür, dass die Leichen gezielt zerstückelt und ihre Köpfe und Teile ihrer Oberkörper verbrannt wurden. Aber warum? Der erste Verdacht der Forscher richtete sich auf einen Konflikt mit Eindringlingen. Doch eine Isotopenanalyse der Knochen ergab, dass die verstümmelten Toten wahrscheinlich in diesem Dorf aufgewachsen waren – sie waren Einheimische, keine Fremden. “Das hat uns überrascht, weil wir zuerst daran als Erklärung gedacht haben”, sagt Koautor Alistair Pike von der University of Southampton.
Eine zweite mögliche Erklärung für die Verstümmelungen wäre Kannibalismus, beispielsweise während einer starken Hungersnot. “Die Böden rund um Wharram Percy waren karg und daher leicht erschöpft”, erklären Mays und seine Kollegen. “Die Gemeinde litt daher wahrscheinlich häufiger unter Hungersnöten.” Doch auch zu diesem Szenario passten die gefundenen Knochen und Schädel nicht. Denn wenn Leichen zum Verzehr zerteilt werden, konzentrieren sich die Schnittmarken an den Gelenken und Muskelansatzstellen, wie die Forscher erklären. Das war bei diesen Knochen aber nicht der Fall.
Schutz vor Wiedergängern
Was aber veranlasste die Menschen von Wharram Percy dann, diese Toten so zu zerstückeln? Nach Ansicht der Archäologen ist schierer Aberglaube die wahrscheinlichste Erklärung dafür. Offenbar glaubten die Dorfbewohner, diese Toten könnten als Zombies wiederauferstehen und wollten dies durch ihre Verstümmelung verhindern. “Der Glaube an solche Wiedergänger war im mittelalterlichen Nord- und Westeuropa stark verbreitet”, erklären Mays und seine Kollegen. “Und die gängigste Gegenmaßnahme bestand darin, die Leichen wieder auszugraben, sie zu enthaupten, zu verstümmeln und zu verbrennen.”





