Im Jahr 1921 erkrankte Lenin, der bis dahin allmächtige Führer der Russischen Revolution, so schwer, dass er nur noch eingeschränkt politisch tätig sein konnte. Die Öffentlichkeit wurde bis zu seinem Tod am 21. Januar 1924 im Unklaren darüber gelassen, wie es um ihn stand.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
von RONALD D. GERSTE
Das junge Regime nutzte ein junges Medium für seinen unstillbaren Hunger nach Propaganda. Fast umgehend mit dem Erfolg der Oktoberrevolution 1917 waren Kameraleute stets in der Nähe des Diktators, konnten überall in dem riesigen und von epochalen Umwälzungen erschütterten Land die Menschen in den Lichtspielhäusern den Verkünder, den Motor, den Genius der neuen Zeit sehen: Genosse Lenin war medial omnipräsent. Auf der Leinwand sah man ihn bei einer seiner mitreißenden Reden vor fahnentragenden proletarischen Massen (wenn auch noch ohne Ton); bei der Besprechung im Kreml im Kreis führender, in devoter Haltung seinen Anordnungen lauschender Bolschewisten; an seinem Schreibtisch, wichtige Papiere unterzeichnend; mitten unter strahlenden Arbeitern; unter den Soldaten, die gerade die neuesten Siege im Bürgerkrieg gegen die „Weißen“, die „Knechte des Kapitals“ und die „Söldlinge“ ausländischer Mächte errungen hatten. Selbst wenn Lenin seine Katze streichelte, waren die Kameras dabei.
Und dann war die Leinwand plötzlich leer. Oder, wie es der langjährige BBC-Korrespondent in Moskau, Martin Sixsmith, treffend formulierte: „Gegen Ende 1921 ist der Film plötzlich abgelaufen. Danach: nichts. Ein Blackout.“
Die laufenden Bilder versiegten, und die wenigen Fotos, die von Wladimir Iljitsch Uljanow, so der Geburtsname Lenins, in den nächsten zwei Jahren gemacht und mehrheitlich erst viele Jahre später publik wurden, zeigen etwas ganz anderes als den stets aktiven, seherisch den Weg in die Zukunft weisenden Vater aller arbeitenden Menschen in der Welt. Auf ihnen war ein krumm in einem Rollstuhl sitzender, leer in die Kamera blickender und vorzeitig gealterter Mann zu sehen, dem seine Bediensteten vor dem Klicken des Auslösers schnell den aus dem Mundwinkel triefenden Speichel abgetupft hatten.
Der einst mächtige Mann wird zum „ersten Pflegefall der Weltrevolution“
Lenin dämmerte über viele Monate – wie es Sonja Zekri in der „Süddeutschen Zeitung“ so treffend genannt hat – als „erster Pflegefall der Weltrevolution“ vor sich hin. Das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Regime und die 1922 gegründete Sowjetunion waren weder die erste noch die letzte Diktatur, in welcher der Personenkult um und die Machtanhäufung durch den Mann an der Partei- und Staatsspitze zwei Probleme generierte: die Unsicherheit, die fast zwangsläufig eintritt, wenn den Diktator seine Gesundheit im Stich lässt, und die dadurch über einen längeren Zeitraum drängende Nachfolgefrage – welche zu regeln Lenin nicht mehr die Kraft hatte.
Lenins Gesundheitszustand hatte sich 1921 stetig verschlechtert, er litt unter Kopfschmerzen, und Geräusche konnten ihn so peinigen, dass aus seinem Telefon die Klingel entfernt wurde. Man vermutete, dass es sich um die Folgen eines Attentats handeln könnte. Am 30. August 1918 hatte die 28-jährige Anarchistin Fanny Kaplan mehrere Schüsse auf Lenin abgefeuert. Eine Kugel steckte in seiner Schulter, eine zweite und weit gefährlichere hatte seine Lunge durchschlagen, die Aorta nur um einen Zentimeter verfehlt und war unter dem Schlüsselbein zu liegen gekommen.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Ungleiche Besteuerung förderte den Ausbruch der französischen Revolution
14. Juli 2026
Am 14. Juli erinnert der französische Nationalfeiertag an den Beginn der französischen Revolution. Einer ihrer Auslöser waren Ungleichheiten in der Steuerlast.
Geschichte & Archäologie
Warum eine irische Adelige auf Mussolini schoss
9. Juli 2026
Am 7. April 1926 versuchte die irische Adelige Violet Gibson, den italienischen Faschistenführer Benito Mussolini zu erschießen. Doch was waren ihre…
Die Kreml-Ärzte reinigten die Wunden, führten Lenin Sauerstoff zu und verbanden den Patienten. Eine Operation nahmen sie damals nicht vor – möglicherweise war die Aussicht, dass ihnen der Führer der Revolution auf dem OP-Tisch sterben könnte, nicht sehr motivierend. Erst vier Jahre später wurde die Kugel aus der Schulter entfernt – die Operation nahm der deutsche Chirurg Moritz Borchardt vor –, das andere Projektil blieb bis zu seinem Tod in Lenins Körper. Lenins Umfeld vermutete, dass die zunehmenden Kopfschmerzen des Revolutionärs möglicherweise auf eine Bleivergiftung zurückzuführen sein könnten.
Im Mai 1922 erlitt Lenin einen schweren Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte und seine Artikulationsfähigkeit einschränkte. Im Dezember 1922 kamen in schneller Abfolge zwei, möglicherweise drei, nach einer anderen Zählung gar bis zu sieben weitere Schlaganfälle hinzu.
Lenin bat Josef Stalin, der in die Führungsriege der Bolschewisten aufgestiegen war und sich – wie sich zeigen sollte: berechtigte – Hoffnungen machte, sein Nachfolger zu werden, um Gift „aus humanitären Gründen“. Stalin lehnte es ab, dem Genossen Lenin diesen Wunsch auf Sterbehilfe zu erfüllen.
Warum ein erst 52 Jahre alter Mensch eine solche Krankengeschichte erleidet, führte schnell zu Spekulationen. Es gibt Indizien, die für eine Syphilis und deren Manifestation im Gehirn – eine Neurolues – sprechen.
Als in Lenins letztem Lebensabschnitt ausländische Ärzte an sein Krankenlager gerufen wurden, gehörte dazu auch der deutsche Neurologe und Syphilisexperte Professor Max Nonne vom Krankenhaus Hamburg-Eppendorf, der auf die Frage nach den Ursachen für Lenins angeschlagene Gesundheit die sibyllinische Antwort gab: „Jeder weiß doch, für welche Gehirnkrankheiten man mich holt.“
Wenig Zweifel am Grundleiden Lenins scheint auch der Physiologe Iwan Pawlow (nach dem der berühmte Reflex benannt ist) gehabt zu haben, der Lenin mit den Worten charakterisierte: „Er war der typische Patient, der an einer progressiven Paralyse leidet.“ Die progressive Paralyse, eine fortschreitende Lähmung, ist eine charakteristische Erscheinung der Neurolues.
Der Syphilis-Verdacht soll unter der Decke gehalten werden
Die Verdachtsdiagnose war selbstverständlich auch ein Politikum. Ein mit seiner Reputation als allen Sinnesfreuden abholder Erneuer kaum vereinbares, von Laien oft – auch heute noch – mit Ekel betrachtetes Leiden, hat man tunlichst von allen Biografien im bis 1991 existierenden Reich der Sowjetunion und ihrer Verbündeten fern zu halten gesucht.
Zwei Pathologen, die Lenins Obduktion beiwohnten, vertraten die Ansicht, dass sein Gehirn eindeutig Zeichen der Neurolues aufgewiesen habe. Ihre Unterschriften wurden aus dem offiziellen Protokoll der Obduktion – von dem es mindestens drei, möglicherweise aber auch acht Varianten geben soll – getilgt.
Nach Öffnung sowjetischer Archive sind ferner explizite Anweisungen des Gesundheitskommissars Nikolai Semaschko an den Chefpathologen Alexei Abrikosow gefunden worden, wonach dieser Hinweise auf eine Syphilis explizit zu verneinen habe. Bei dieser Obduktion fand man vor allem – was der Syphilisthese nicht widerspricht, aber die verschiedenen Schlaganfälle auch eigenständig erklären würde – eine hochgradige Arteriosklerose, eine Verkalkung der Blutgefäße, an welcher auch schon Lenins Vater gelitten hatte. Als die Pathologen dabei mit einer Pinzette die große Arterie im Hirn des Verstorbenen berührten, klang es wie das Kratzen an einem Stein. Ähnliche Verkalkungen fanden sie an der großen Bauchschlagader und den Herzkranzgefäßen.
Die Bevölkerung wurde – wie immer in Autokratien und sehr häufig auch in Demokratien – über den wahren Zustand Lenins im Unklaren gelassen. Wegen seiner stark reduzierten Arbeitsfähigkeit wurde ihm nur noch ein Teil der Regierungsgeschäfte zugeleitet.
Viele Entscheidungen wurden von einem „Triumvirat“ getroffen, dem neben Josef Stalin (Geburtsname: Jossif Wissarionowitsch Dschughaschwili) auch Grigori Jewsejewitsch Sinowjew (Owsej-Gerschen Aronowitsch Radomyslski-Apfelbaum) und Lew Borissowitsch Kamenew (Leo Rosenfeld) angehörten.
Den Politiker und siegreichen Kommandierenden der roten Streitkräfte im Bürgerkrieg, Leo Trotzki (Lew Dawidowitsch Bronstein), versuchten die drei möglichst zu umgehen – es waren Präludien der Rivalität Trotzkis mit Stalin, die mit des Ersteren Ermordung im mexikanischen Exil 1940 einen tragischen Schlusspunkt fand.
Lenins großen Fehler beschreibt sein Biograf Victor Sebestyen treffend: „Wie so viele dominante, starke Führungspersönlichkeiten hielt er niemanden für fähig, ihm nachzufolgen. Niemand weiß, was er bezüglich der Führung der Sowjetunion nach seinem Tod im Sinn hatte. Klar ist, dass er nicht ernsthaft darüber nachdachte bevor es zu spät war. Es ist denkbar, dass ihm eine Art kollektiver Führung vorschwebte, doch er gab kein Verfahren für den Aufstieg eines Nachfolgers vor.“
In seinem Testament warnt der Todkranke vehement vor Stalin
So scheint ihn in lichten Momenten Sorge, vielleicht gar Panik überkommen zu haben, wenn er vorübergehend in der Lage war, klare Gedanken zu fassen. Spät – wie sich zeigen sollte, zu spät – versuchte er, die Ereignisse nach seinem Tod zu beeinflussen. Als Dokument dieser Bemühungen gilt ein Schriftstück, das er in mehreren Sitzungen zwischen dem 22. Dezember 1922 und dem 4. Januar 1923 seiner Sekretärin Maria Volodicheva diktierte oder diktiert haben soll.
Die Authentizität des Dokuments ist nicht unumstritten, was Sebestyen bewusst ist: „Kaum etwas ist in der sowjetischen Geschichte so obskur wie die Wahrheit hinter Lenins sogenanntem Letzten Testament.“ Durch die Kenntnisse der künftigen Geschehnisse kann man ihm indes einen klaren Blick nicht abstreiten: „Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen. Andererseits zeichnet sich Genosse Trotzki, wie schon sein Kampf gegen das ZK [Zentralkomitee] in der Frage des Volkskommissariats für Verkehrswesen bewiesen hat, nicht nur durch hervorragende Fähigkeiten aus. Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK, aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewusstsein und eine übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen hat.“
In seinem letzten Diktat, an jenem 4. Januar 1923, ließ er Volodicheva ein Postscriptum anlegen: „Stalin ist zu rücksichtslos, und wenn dieser Fehler auch in den Beziehungen unter uns Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs. Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu finden, Stalin von dieser Stellung zu entfernen und jemand anders an seine Stelle zu berufen, der sich in jeder Hinsicht von Genosse Stalin unterscheidet … und vor allem toleranter, loyaler, höflicher und rücksichtsvoller gegenüber anderen Genossen ist.“
Diese Worte – wenn sie wirklich im inneren Zirkel der bolschewistischen Führung die Runde gemacht haben sollten – verhallten, ohne ihr Ziel zu erreichen. Was er unter „Rücksichtnahme“ gegenüber anderen Genossen verstand, zeigte Stalin bereits vor der Ermordung Trotzkis: Sinowjew und Kamenew wurden beide im Rahmen der „Säuberungen“ 1936 hingerichtet.
Lenin verstummte seit dem Frühjahr 1923 fast vollständig. Man brachte ihn auf das idyllisch gelegene Landgut eines enteigneten Industriellen nach Gorki, rund 30 Kilometer südlich von Moskau gelegen. Darüber, wer ihn besuchen durfte und wer nicht, entschied zunehmend Stalin. Nachdem Lenin am Morgen noch eine Gemüsebouillon geschlürft hatte, kam es am 21. Januar 1924 gegen 16 Uhr zu einem weiteren Schlaganfall. Es war der letzte. Kurz vor 19 Uhr abends starb der Mann, der sich mit roten Lettern in die Annalen der Geschichte eingetragen hatte.
Nach der Überführung seines Leichnams nach Moskau säumten Hunderttausende die Straßen und standen Stunden in der Schlange, um an seinem Sarg vorbeizudefilieren – und dies in einem selbst für russische Verhältnisse harten Winter mit Temperaturen bis zu minus 30 Grad. Die Betroffenheit dieser Menschen über den Verlust einer von der Propaganda als Vaterfigur dargestellten Persönlichkeit war echt.
Zigtausende, die anderer Meinung über den Mann und sein Werk gewesen waren, vegetierten im Gulag vor sich hin oder lagen längst in Massengräbern. Der schon lange spürbare Leninkult wurde nun vom Staat weiter instrumentalisiert, indem man seinen Leichnam einbalsamieren und im bald darauf errichteten Lenin-Mausoleum ausstellen ließ.
Dort kann man noch heute einen der Großen der Weltgeschichte aus wenigen Metern Entfernung sehen – unter den wachsamen Augen des uniformierten Personals, das sofort eingreift, falls nicht die anberaumte Stille eingehalten oder gar versucht wird, eine Kamera zu zücken.
Am Sarg steht der Nachfolger im Fokus der Kameras: Stalin
Mit Beginn der Trauerfeierlichkeiten waren auch wieder Filmkameras zugegen. Überall im Land, von Petrograd (das man bald nach dem Verstorben umbenennen sollte) bis Wladiwostok liefen die flimmernden Streifen mit den Trauernden. Die Kraft der Bilder wirkte auf die Menschen, die wie in jeder Diktatur gelernt hatten, zwischen den Zeilen zu lesen und scheinbare Zufälligkeiten zu beachten. Hier wollte es der Zufall (und die Akribie der Bilddramaturgie), dass bei jedem Akt wie dem Tragen des Sarges eine Person auffallend im Zentrum stand: ein nicht sehr großer, aber kräftiger Mann mit einem buschigen Schnurrbart: Das Zeitalter des Josef Stalin hatte begonnen.
Winston Churchill fasste seine Sicht des Schicksals der Menschen Russlands in jenen Jahren und noch lange danach in den Worten zusammen: „Lenins Geburt war ihr größtes Unglück, sein Tod ihr zweitgrößtes.“
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, hat über sein Land, dessen Nachbarn – darunter in besonderem Maße die Ukraine – und die Welt unermessliches Elend gebracht; er war ein emotional kalter Massenmörder. Wer in Stalin die Aberration, die frevlerische Abweichung von etwas potentiell Gutem sehen will, verschließt seine Augen vor der Realität der Jahre 1917 bis 1924. Die Zahl der Toten ging bereits in der relativ kurzen Ära Lenins in die Millionen; Folter, Gulag und Massenmord waren längst etabliert und wurden von Lenin gutgeheißen. Mit seiner absoluten Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern seiner Ideologie und seiner Befürwortung des Terrors als Mittel zum politischen Zweck hatte er einen Weg gebahnt, den Stalin entschlossen weiter ging. Nicht als Irrweg, sondern als Kontinuum.
Geschichte & Archäologie
Elefanten verraten wahrscheinliche Route Hannibals über die Alpen
7. Juli 2026
Welche Route nahm Hannibal, als er 218 vor Christus mit seinen Kriegselefanten die Alpen überquerte? Eine Studie hat den energetisch günstigsten Weg berechnet.
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Verhängnis auf Hawaii
6. Juli 2026
Auf seiner dritten Reise in den Pazifik verließ James Cook das Glück: Im Zuge einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit Indigenen auf Hawaii wurde er getötet.