Mehr als sechs Jahrzehnte, sieben Bundeskanzler und eine Bundeskanzlerin später, gibt es wenig Grund, die historischen Verdienste Konrad Adenauers in Zweifel zu ziehen. Geschichtsschreiber und Biographen sind sich, bei allen Differenzen im Einzelnen, einig in ihrem Urteil: Konrad Adenauer war nicht nur die politisch beherrschende Figur jener Ära, der er den Namen gegeben hat, sondern er hat auch die Bundesrepublik geprägt – weit über die Jahre seiner Kanzlerschaft hinaus.
Das darf man feststellen, auch wenn man Geschichte nicht nur als das Ergebnis des Handelns „großer Männer“ betrachtet. Mit Adenauers Regierungszeit verbindet sich die Stabilisierung der zweiten deutschen Demokratie. „Bonn“ wurde nicht „Weimar“, und das war in den ersten Jahren nach der Staatsgründung 1949 keineswegs sicher. Was später im Blick der Historiker zu einer Erfolgsgeschichte wurde, begann als eine Geschichte ausgebliebener Katastrophen, wie es Hans-Peter Schwarz, Adenauers wichtigster Biograph, einmal formuliert hat. Denn es hätte auch anders kommen können angesichts der Vergangenheitshypothek und angesichts der deutschen Teilung.
Die wirtschaftliche Entwicklung, alles andere als ein „Wunder“, trug zur demokratischen Stabilisierung bei. Sie gab der Bonner Demokratie ein Fundament, das die Weimarer Republik nie hatte. Der Aufstieg mit dem breiten Wohlstand und den Konsummöglichkeiten, die er schuf, gab den Menschen eine Sicherheit, wie sie diese seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs nicht mehr gekannt hatten.
Es war nicht zuletzt diese Sicherheit, für die Konrad Adenauer, selbst kein Wirtschaftsexperte, mit seiner Politik stand. Denn es gehörte zu seiner eigenen Lebenserfahrung, dass die Menschen ein politisches System dann akzeptieren, ja es unterstützen würden, wenn es ihnen ein Leben in Ruhe, Frieden und Sicherheit, ein Leben frei von Angst ermöglichte, wie er es in einer Weihnachtsansprache einmal ausdrückte.
Sicherheit, das Gefühl von Sicherheit, erzeugte auch Adenauers Außenpolitik. Sie ruhte auf zwei eng miteinander verbundenen Säulen: der europäischen Integration und der transatlantischen Allianz mit den USA. Damit war nicht nur die verheerende Tradition autonomer, bindungsfreier nationaler Machtstaatlichkeit überwunden, welche die deutsche Außenpolitik seit dem 19. Jahrhundert beherrscht hatte und die zur Vorgeschichte der beiden Weltkriege gehört, sondern auch die Idee einer deutschen Schaukelpolitik zwischen Ost und West. Diese flackerte in der Debatte über die Stalin-Note und über die Möglichkeit eines neutralen wiedervereinigten Deutschlands in den 1950er Jahren noch einmal auf.
Adenauer stand für eine prinzipielle Westorientierung, nicht nur bündnispolitisch, sondern auch im demokratischen Sinn. Deutschland, vorerst die Bundesrepublik, gehörte für ihn zu den großen freiheitlichen Demokratien des Westens. Das war eine Voraussetzung für den deutschen Wiederaufstieg, für Gleichberechtigung und Souveränitätsgewinn. Es sollte aber auch die Deutschen, deren politischer Weisheit der „Staatsmann der Sorge“ (Golo Mann) nicht traute, binden und einbinden und Sonderwege verhindern.





