Für seine Schilderungen nutzt Michael Kogon vorzugsweise Briefe und Kassiber, die sein Vater aus der Haft heraus übermitteln konnte. Daneben lassen sich immer wieder Ausführungen Eugen Kogons finden, die die Erzählstruktur auflockern. Beginnend mit dessen Flucht und Verhaftung 1938 und endend mit seiner Befreiung und den beginnenden Arbeiten an „Der SS-Staat“ im Jahre 1945, schildert Michael Kogon das Schicksal seiner Familie. Einzelne Kapitel widmen sich etwa der Zeit der beiden Söhne in einem bayerischen Kloster, in das die Mutter die Kinder zum Schutz schickte, oder dem Umgang der Nationalsozialisten mit den Juden. Die grotesken Erfahrungen des jugendlichen Michael als Luftwaffenhelfer für den Staat, der den eigenen Vater inhaftiert hielt und mehrmals dessen Ermordung versuchte, werden im Abschnitt über den Bombenkrieg deutlich.
Durch Michael Kogons Ich-Erzählperspektive fühlt sich der Leser nahe am Schicksal der Familie, was durch einige Familienfotos unterstützt wird. Hoffnung und Angst, die jeder Brief gleichzeitig mit sich brachte, werden spürbar; die beschriebene Hilflosigkeit macht beklommen. Die Stimmung im nationalsozialistischen Deutschen Reich wird gut vermittelt. Das Talent zum Schreiben scheint Michael Kogon von seinem Vater geerbt zu haben; durch seinen lebhaften und plastischen Stil entstand ein aufschlussreiches Buch.
Auch wenn „Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir?“ zunächst lediglich nach der Geschichte einer einzigen Familie klingt, ist es mehr als das: Abertausende Menschen teilten das Schicksal der Inhaftierung mit Eugen Kogon; die weitreichende Unterdrückung durch den Staat ist permanent spürbar. Zudem weist Michael Kogon immer wieder auf zeitgleiche Entwicklungen im Reich oder an der Front hin und stellt somit den größeren Kontext her. Damit ist Michael Kogons Werk ein gelungenes Beispiel für „Geschichte von unten“.
Rezension: Maximilian Brückner





