Für diese Zeit wird der Begriff „Renaissance“ gebraucht, die wie eine Naturerscheinung herannaht, sich entfaltet, welkt und untergeht, aber – wie nicht erst seit heute in populärer und wissenschaftlicher Literatur üblich – nicht definiert wird. „Die Renaissance ist des Buches“ (S. 27) – dieser kryptisch klingende Satz weist immerhin in die richtige Richtung: „Renaissance“ ist in Neapel ein Phänomen der Kunst, speziell der Literatur, spürbar also nur für eine sehr kleine Elite und damit beileibe keine „Epoche“ der Geschichte insgesamt.
Dieser Einsicht folgt die Anlage dieses Buches konsequent, das in chronologischer Anordnung jeweils zur Hälfte dem literarischen Ertrag und den geschichtlichen Rahmenbedingungen, die ihn hervorgebracht haben, gewidmet ist. Dabei sind auch diese historischen Kurzzusammenfassungen in einem literarisch-subjektiven Ton zwischen Ironie, Plauderei und Emphase gehalten, der jede Kritik an gelegentlichen Unschärfen – so war Enea Silvio Piccolomini nie für König Alfonso diplomatisch tätig, sondern als Sachwalter seiner in Alfonsos Auftrag belagerten Bischofsstadt Siena in Neapel vorstellig – kleinlich erscheinen lässt.
Kern- und Glanzstück des Buches aber sind die Übersetzungen von Texten neapolitanischer Autoren, welche die bemerkenswerte Vielfalt der Themen, Gattungen, Stilmittel und Tonlagen eindrucksvoll widerspiegeln und wiedergeben: Auf Ausschnitte aus Geschichtswerken von Humanisten im Umkreis des Hofes und zum Lob des Herrschers (Antonio Beccadelli) folgen derbe Satiren über gehörnte Ehemänner im Allgemeinen und das Tier im Menschen im Besonderen (derselbe), Elegien über die Unbeständigkeit alles Irdischen (Tristano Caracciolo und Giovanni Antonio Petrucci), Satiren über einen Kloakenreiniger, der im Unrat versinkt (Girolamo Morlini), Schäferidyllen in einem erträumten Arkadien (Jacopo Sannazaro) und die Kampfansage einer Literatin an die Dumpfbacken der Frauenfeinde (Laura Terracina) – um nur einige der Highlights aufzuführen.
Alle diese Übersetzungen sind dem Original verpflichtet und trotzdem farbig, anschaulich, facettenreich und bilden in der Summe eine kulturelle Vermittlungsleistung ersten Ranges. Fazit: ein Buch, das jede Reise nach Neapel und Umgebung unbedingt begleiten sollte, auch wenn es den Kontrast zwischen einst und heute, zwischen dem Kulturglanz der „Renaissance“ und den Müllbergen der 2020er Jahre schmerzvoll hervortreten lässt.
Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt
Tobias Roth
Neapel
Welt der Renaissance
Verlag Galiani, Berlin 2023, 207 Seiten, € 22,–





