Christiane Kunst, die an der Universität Potsdam Alte Geschichte lehrt, ist sich der Schwierigkeiten, eine modernen Ansprüchen genügende Biographie Livias zu schreiben, durchaus bewusst. So gibt es keinerlei Selbstzeugnisse dieser ohne Frage höchst beeindruckenden Frau, die nicht nur in der Zeit des Augustus, sondern auch und vielleicht noch mehr während der Herrschaft ihres Sohnes Tiberius einen erheblichen politischen Einfluss ausübte. Zu Recht weist die Autorin in ihrer Biographie darauf hin, dass die meisten historischen Quellen, in denen von Livia die Rede ist, im Grunde auf Augustus und das von ihm etablierte Prinzipat bzw. auf den unpopulären Tiberius zielten.
Trotz dieser problematischen Ausgangslage füllt das Buch über 350 Seiten. Das gelingt deswegen, weil die Verfasserin eigentlich zwei Bücher in einem geschrieben hat. Das eine Buch sammelt durchaus kenntnisreich und geschickt und darüber hinaus erzählerisch ansprechend die Fakten oder auch nur die Mutmaßungen über das Leben der Livia. Das andere Buch liefert eine Fülle an Informationen über allgemeine Themen wie Geburt, Frauen, Hochzeit, Ehe, Familie, Matronen.
Wirklich Neues findet man weder in dem einen noch in dem anderen Buch. Vor allem aber fehlt die Verknüpfung der beiden Themenkomplexe zu einem Argumentationszusammenhang. Angesichts der Quellenproblematik wäre es zweifellos eine sinnvolle methodische Vorgehensweise gewesen, das Leben der Livia in den kulturellen und sozialen Kontext ihrer Zeit zu plazieren. Doch dies bleibt weitgehend aus. Schließlich könnte der Untertitel „Macht und Intrigen am Hof des Augustus“ falsche Erwartungen erwecken.
Sieht man von diesen Einschränkungen ab, so handelt es sich um eine seriöse und wissenschaftlich fundierte Studie, die ihren Lesern einen instruktiven Einblick in eine spannende Phase der römischen Geschichte bietet.
Rezension: Sonnabend, Holger





