Aus solch einprägsamen Geschichten setzt Dan Jones große Geschichte zusammen. Längst ist er in der angloamerikanischen Welt ein weithin bekannter Vermittler vergangener Jahrhunderte. Sein neues Buch zeichnet sich durch menschenfreundliche Sprache, beherzte Strukturierung und breite Quellenkenntnisse aus. Mächte dieses Buches sind nicht nur Kaiser und Könige, sondern die vielen prägenden Kräfte des Mittelalters: neue Völker, Buchreligionen, Mönche, Ritter, Kreuzfahrer, Kaufleute, Gelehrte, Baumeister, Erneuerer, Seefahrer und Protestanten.
Anders als in einer theoriegestützten analytischen Geschichtswissenschaft geht Dan Jones mit dem Epochenbegriff Mittelalter pragmatisch um. Die Leserinnen und Leser müssen sich hier nicht durch lange Passagen voller gelehrter Skrupel oder Prämissen arbeiten. Vielmehr stürzt sich Dan Jones „bei mindestens einem Dutzend verschiedener Themenfelder mitten ins Getümmel“. Er will Lust auf Vergangenheit machen und verspricht: „Es wird auch jede Menge Spaß machen.“
Der Verfasser ist ein breit gebildeter Mann. Deshalb gerät die Lektüre jenseits aller Dekonstruktionen und quellenkritischen Bedenken zum Vergnügen. Beherzte Aktualisierungen werden nicht gescheut. So liest man, dass den letzten Merowinger ein Haarschnitt teuer zu stehen kam. Das Kloster Cluny begegnet als agiles Start-up auf dem Weg zu einer internationalen Marke; seine Gründungen verbreiteten sich wie heutige McDonald’s-Filialen über das lateinische Europa. Der christliche Ritter taucht als mittelalterliche Entsprechung einer Cruise Missile auf. Marco Polo war mehr als ein Blogger, der über sein Sabbatjahr berichtet.
Fasziniert erzählt das Buch von den Zukunftspotentialen der Renaissance, von Jan van Eyck oder Leonardo da Vinci mit ihren schöpferischen Kräften, vom Mut der Seefahrer und von der Innovation des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. So verschränkt sich das mittelalterliche Jahrtausend mit unserer Gegenwart. Auch die scheinbar so fremde Vergangenheit hat uns heute etwas zu sagen.
Am Ende steht ein Luther-Zitat: „Ein andermal mehr. Und haltet mir meine lange Schrift zu gut … Amen.“ In solcher Frische zieht dieses Buch seine Leserinnen und Leser in den Bann und macht Lust auf Mittelalter.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller
Dan Jones
Mächte und Throne
Eine neue Geschichte des Mittelalters
Verlag C.H. Beck, München 2023, 793 Seiten, € 38,–





