Der kunstvoll geschliffene, gräuliche Kalzitkiesel misst gerade einmal 10,2 Zentimeter, lässt aber an sexueller Freizügigkeit wenig zu wünschen übrig. Zu sehen ist ein nacktes, eng umschlungenes Paar beim Geschlechtsakt. Auf den ersten Blick sind Männlein und Weiblein nicht zu unterscheiden, Gesichter sucht man vergebens, die Köpfe ähneln konturlosen Knollen.
Erst wenn der Betrachter die Skulptur nach allen Seiten wendet, erfährt er mehr und wird dabei zwangsläufig zum Voyeur: Dann kommen weibliche Brüste, eine Vulva und ein erigierter Penis zum Vorschein. Das Drehen der Statuette wirkt wie ein Pornofilm aus der Steinzeit.
Entdeckt haben das Kunstwerk, dessen Oberfläche vermutlich mit einer Steinspitze oder einem Meißel bearbeitet wurde, 1933 der Archäologe Abbé Henry Breuil und der Diplomat René Neuville in einem kleinen Museum, das französische Mönche in der Levante betrieben. Es befand sich unter einer Vielzahl von Zufallsfunden, die Beduinen in einer der Höhlen von Ain Sakhri in der Wüste Judäa unweit von Bethlehem ausgegraben hatten.
Die Figur entstammt dem Volk der Natufier aus dem Epipaläolithikum, als altsteinzeitliche Jäger und Sammler zu sesshafter bäuerlicher Lebensweise übergingen. Der Fundort dürfte eine Wohnhöhle gewesen sein, worauf auch andere Gegenstände hinweisen. Experten schließen daraus, dass es sich nicht um eine Grabbeigabe, sondern eine Art Kultgegenstand handelt, der Sexualität ungeniert als menschlich-natürliches Begehren versinnbildlicht.
Lust war vor 10 000 Jahren gewissermaßen noch unschuldig: Individuelles Schamgefühl sowie gesellschaftliche und religiöse Moralvorschriften waren noch unbekannt. Allerdings veränderte die Sesshaftigkeit das Sozialverhalten nachhaltig: Mit der Entstehung von Dörfern und Siedlungen rückten die Menschen zusammen, gingen Beziehungen ein und gründeten Familien; Kinder wurden zum Lebensmittelpunkt.
Dennoch ist unter Experten die Deutung der Statuette als Fruchtbarkeitssymbol umstritten. Sie symbolisiere eher das Verlangen nach Lust und Liebe, das sich bis heute nicht wesentlich geändert hat. Nur die Sucht nach Pornographie hat zugenommen, von ersten schamlosen Darstellungen auf altägyptischen Papyri bis hin zur Sexbilderschwemme im Internet.
Auch die kleine, jahrtausendealte Figur zeigt unmissverständlich pornographische Attribute, doch signalisiert die innige Umarmung des Paares zugleich, dass Sexualität nicht als seelenlose Triebbefriedigung missverstanden werden soll, sondern vor allem wesentlicher Teil des Lebensglücks für beide Geschlechter ist.





