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„Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt …“
„… fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.“ Diese Worte legte Friedrich Schiller dem Schweizer Nationalhelden und Tyrannenmörder Wilhelm Tell in den Mund. Dass die geschilderten Ereignisse nicht historisch belegbar sind, ist seit Langem bekannt. Der Wirkmächtigkeit der Geschichte tut dies keinen Abbruch.
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Dass Schiller sich überhaupt mit der Sage von Wilhelm Tell beschäftigte, ist einem Gerücht zu verdanken. Eigentlich war es sein Weimarer Freund und Kollege Johann Wolfgang von Goethe gewesen, dessen Interesse an der Geschichte bei einer Reise in die Schweiz geweckt worden war. In seinem Brief an Schiller vom 14. Oktober 1797 schrieb er, dass die Tell-Sage eine wunderbare Grundlage für ein Theaterstück abgeben würde. Schiller antwortete zustimmend: Es sei eine gute Idee von Goethe, sich des Stoffs anzunehmen. Selbst zeigte er kein Interesse an einem solchen Projekt.
In den folgenden Jahren machte in der deutschen Literaturszene immer wieder das Gerücht die Runde, dass man in Weimar an einem Stück über Wilhelm Tell arbeite. Spätestens nach der Veröffentlichung von „Maria Stuart“ (1800) und der „Jungfrau von Orleans“ (1801) war auch allen fachkundigen Beobachtern klar, wer daran arbeitete: Hatte Schiller nicht gerade erst gezeigt, dass er mit historischem Material umzugehen verstand?
Nachdem er ein ums andere Mal darauf angesprochen worden war, wie er denn mit dem Tell vorankomme, schrieb der genervte Dichter am 16. März 1802 an seinen Verleger Johann Friedrich Cotta: „Ich habe so oft das falsche Gerücht hören müssen, als ob ich einen Wilhelm Tell bearbeitete, dass ich endlich auf diesen Gegenstand aufmerksam geworden bin und das Chronicon Helveticum von Tschudi studierte. Das hat mich so sehr angezogen, dass ich nun in allem Ernst einen Wilhelm Tell zu bearbeiten gedenke und das soll ein Schauspiel werden, womit wir Ehre einlegen wollen. Sagen Sie aber niemanden kein Wort davon, denn ich verliere die Lust an meinem Arbeiten, wenn ich zu viel davon reden höre.“
Der große Schweizer Chronist Aegidius Tschudi stößt bei der Schilderung der Tell-Sage an seine Grenzen
Die von Schiller angesprochene Darstellung der Geschichte von Wilhelm Tell im Werk des Aegidius Tschudi (1505–1572) war über Jahrhunderte die wirkmächtigste Überlieferung des Sagenstoffes. Das liegt auch daran, dass Tschudi – dessen monumentale Darstellung der Schweizer Geschichte in der modernen, kommentierten Edition 33 Bände umfasst – gemessen an den Gepflogenheiten seiner Zeit als überaus seriös arbeitender Historiker galt.
Zeit seines Lebens war Tschudi ein eifriger Besucher der Archive seiner Heimat, und sein Werk, das nach jahrzehntelanger Arbeit daran erst nach seinem Tod erschien, ist gesättigt mit Quellenverweisen und Abschriften historischer Dokumente. Ganz zweifellos handelt es sich um ein Meisterwerk frühneuzeitlicher Geschichtsschreibung, eine lückenlose Geschichte der Schweiz von 1001 bis 1470. Doch mit dem Tell tat sich der Autor schwer. Trotz bester Bemühungen passt die Geschichte vom Apfelschuss und dem Attentat auf den Reichsvogt Gessler nicht so recht in seine ansonsten sehr runde Erzählung von den Ursprüngen der Eidgenossenschaft. Doch ignorieren konnte er sie nicht.
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Die Quelle Tschudis für den Tell-Stoff war das „Weisse Buch von Sarnen“, eine Dokumentensammlung, die er nachweislich eingesehen hatte, welche zu Schillers Zeiten aber längst in Vergessenheit geraten war und die erst 1854 vom Staatsarchivar Gerold Meyer von Knonau beim Aufräumen im Kantonsarchiv in Obwalden wiederentdeckt wurde.
Das „Weisse Buch“ war Anfang der 1470er Jahre von einem Landschreiber angelegt worden. Es handelt sich dabei um ein Kanzleihandbuch mit Abschriften von Rechtsdokumenten, die für die alltägliche Arbeit wichtig waren. Es entstand in einer Phase ständiger Verhandlungen mit den Habsburgern, deren Vertreter auch bei Schiller und Tschudi die Antagonisten Tells und der Eidgenossen sind.
Tatsächlich dominierte der Konflikt mit der aufsteigenden Herrscherdynastie die frühe Geschichte der Eidgenossenschaft. Dabei waren es in der Regel die Habsburger, die den Kürzeren zogen. Mehr als einmal büßten sie auf Kosten der Eidgenossenschaft Teile ihrer alten Stammlande ein. Auch in fast allen größeren Schlachten unterlagen sie, ob am Morgarten 1315 oder bei Sempach 1386.
Doch längst nicht immer sprachen die Waffen, häufig genug versuchten beide Parteien, ihre Differenzen auf dem Verhandlungsweg zu klären. In einen solchen Zusammenhang fällt auch die Entstehung des „Weissen Buchs“. Die trockenen Rechtstexte werden dabei ergänzt durch eine 25-seitige Darstellung der Geschichte der drei Kantone „Uri, Switz und vnderwalden“ von der Antike bis ins Jahr 1426. Zwei Seiten davon wiederum erzählen die Geschichte von Tell, und es erscheint durchaus plausibel, dass die eidgenössischen Unterhändler es sich nicht nehmen ließen, in ihren Unterredungen mit den Vertretern der Habsburger auf den seit Jahrhunderten andauernden Machtmissbrauch von deren Amtsträgern hinzuweisen – bildhaft auf den Punkt gebracht in der Geschichte vom bösen Vogt, der den redlichen Mann Tell zum Apfelschuss zwingt.
Ein dänisches Vorbild für Wilhelm Tell? Der Apfelschuss in den „Gesta Danorum“
Wo und wie ebendiese Geschichte ihren Ursprung nahm, ist indes unklar. Sicher sagen lässt sich, dass die Figur des Meisterschützen ein Archetyp ist, eine einfache, kraftvolle Figur, die einfache, kraftvolle Dinge tut. Auch jener Kunstschütze, der einen Apfel vom Kopf seines Kindes schießt, ist ein legendenhaftes Motiv. Erstmals belegt ist eine solche Figur lange vor der Entstehung des „Weissen Buchs von Sarnen“, im Buch 10 der „Gesta Danorum“, welche um 1200 von Saxo Grammaticus verfasst wurden.
In der dort überlieferten Geschichte wird geschildert, wie ein Gefolgsmann des dänischen Königs Harald Blauzahn, mit Namen Toko, im Zustand der Trunkenheit damit geprahlt habe, dass er einen Apfel von einem Stab schießen könne. Der König habe ihm daraufhin befohlen, seinen Worten Taten folgen zu lassen und auf einen solchen Apfel zu schießen, nur dass dieser nicht auf einem Stab stecken, sondern auf dem Kopf seines Sohnes liegen solle.
Toko zog drei Pfeile aus dem Köcher, nahm den ersten, traf den Apfel und wurde daraufhin vom König gefragt, warum er drei Pfeile in die Hand genommen habe, wo es doch nur eines bedurft hätte. Toko antwortete: „Um an dir das Abirren des ersten mit der Spitze des zweiten zu rächen, damit nicht meine Unschuld Strafe, deine Unbill aber Straflosigkeit fände.“
Im „Weissen Buch“ spricht Tell an dieser Stelle sehr ähnliche Worte: „hetti mir der schütz gevelt, das ich mins kind hetti erschössen, so wölt ich den pfül in ùch oder der uwern ein han geschössen.“ Auch das Attentat in der Hohlen Gasse hat ein Vorbild bei Saxo Grammaticus: In einem dichten Wald kommt es zum Duell und zur tödlichen Verwundung des Königs durch Toko.
Auf welchem Wege die Geschichte vom Apfelschuss aus der nordischen Literatur in die Schweiz gelangte, lässt sich nicht präzise nachvollziehen. Jedoch tauchen ähnlich lautende Geschichten im späten 15. Jahrhundert häufiger in der europäischen Literatur auf. Im 1486 erschienenen „Hexenhammer“ schießt der Freischütze Punker seinem Sohn eine Münze vom Kopf und erklärt dem Fürsten, der ihn dazu veranlasste, dass er, hätte er sein Kind getroffen, anschließend ihn erschossen hätte.
Schillers Tell: nahe an Tschudi, fern vom historischen Zusammenhang
In der englischen Ballade über den Gesetzlosen Adam Bell, die erstmals 1505 gedruckt wurde und viele Ähnlichkeiten mit den Geschichten von Robin Hood aufweist, ist es der Meisterschütze William of Cloudesly, der auf Befehl des Königs seinem Sohn hier wieder einen Apfel vom Kopf schießt. Stets sind es einfache Männer, die auf Geheiß mächtiger Herren ihre Schießkünste unter Beweis stellen. Ihre Bogen und Armbrüste sind die Waffen von Künstlern, von Experten, und ihr Geschick im Umgang damit erlaubt ihnen, über Stärkere zu triumphieren.
Was die berühmte Apfelschussszene angeht, so hielt sich Schiller eng an Tschudi. Stellenweise folgte er ihm fast wörtlich. Doch ebenso wie diesem fiel es auch ihm nicht leicht, den Zusammenhang der Geschichte von Tell mit der von den Eidgenossen vom Rütli herzustellen, die sich zur Rebellion gegen die Habsburger verbünden.
Wie bei Tschudi, so ist auch bei Schiller die Handlungsebene der politischen Verschwörer, die den eigentlichen Aufstand organisieren, nur lose mit der des Mordes an dem tyrannischen Vogt Gessler verknüpft. Zum Sturm auf die Burgen hatten die Eidgenossen sich schon lange vor Apfelschuss und Attentat verabredet, und Tell verspricht ihnen zwar seine Unterstützung, nimmt aber nicht aktiv an der Aufstandsplanung teil.
Tschudi stieß die Geschichte auch deshalb sauer auf, weil das Attentat in der Hohlen Gasse seiner aristokratischen Gesinnung widersprach. Aber auch Schiller hatte alle Mühe, den Mord aus dem Hinterhalt zu rechtfertigen. Die abschließende Szene seines Stückes, in der Tell Johann Parricida begegnet, der am 1. Mai 1308 den römisch-deutschen König Albrecht I. ermordet hatte, und ihm gegenüber seine Tat rechtfertigt, gilt allgemein als die schwächste Passage des Bühnenwerks.
Die Datierung der Tell-Sage ins Jahr des Königsmordes übernahm Schiller von Tschudi, wenngleich bereits seit einer Weile klar war, dass dieser ein wichtiges historisches Dokument übersehen hatte. Den 1724 wiederentdeckten Bundesbrief von 1291, in welchem sich die Bewohner von Uri, Schwyz und Unterwalden zu einem Landfrieden zusammenschlossen und der heute als Geburtsstunde der Eidgenossenschaft gilt, kannte Tschudi nämlich nicht. Und doch war seine Darstellung der Anfänge der Eidgenossenschaft über lange Zeit die populärste.
Tell erobert Europa: vom Schweizer Mythos zum Revolutionssymbol
Gleichwohl war Tschudi nicht der einzige Autor seines Jahrhunderts, der die Tell-Sage weiterverbreitete. Das „Urner Tellspiel“ brachte die Geschichte bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf die Bühne, und auch das „Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft“ und Petermann Etterlins „Kronika von der loblichen Eydtgnoschaft“ liefern Varianten der Geschichte. Sie war so breit bekannt, dass der Reformator Huldrych Zwingli sich verstanden wissen konnte, als er Tell als „gottskrefftig held und erster anheber eidgenossischer fryheit“ pries.
Die Attraktivität des Stoffes ist dabei offensichtlich: Der Apfelschuss, die dramatische Flucht vom Boot per „Tellsprung“ auf die „Tellsplatte“ und das Attentat in der Hohlen Gasse sind dramatische, bildgewaltige Szenen, welche die Geschichte vom Widerstand gegen die Tyrannei für jeden Leser, Zuhörer oder Zuschauer leicht verständlich machen. Der Held Tell ist zugleich keine übermäßig komplexe oder gar widersprüchliche Figur. Nicht politische Überlegungen treiben ihn an, sondern das Rechtsverständnis des einfachen Mannes, der seine Familie schützt.
So verwundert es dann auch nicht, dass Tell bei Revolutionären aller Art Anklang fand. In Frankreich landete Antoine-Marin Lemierre schon 1766 mit seinem Theaterstück „Guillaume Tell“ einen großen Erfolg. 1793 ordnete die Revolutionsregierung dann sogar an, dass das Stück mehrmals pro Woche und auf Staatskosten in gleich mehreren Theatern aufgeführt werden sollte. Die Figur des Tell trat in diesen Inszenierungen als revolutionärer Sansculotte auf, der, von den Klängen der Marseillaise begleitet, die Zuschauer auffordert, zur Waffe zu greifen.
Als französische Truppen dann 1798 in die Schweiz einmarschierten, taten sie dies mit dem erklärten Ziel, die Heimat des Wilhelm Tell zur Freiheit zu führen. Selbstredend schrieben sich aber bald auch jene, die sich ihnen widersetzten, Wilhelm Tell auf ihre Fahnen.
Als Schillers Stück am 17. März 1804 in Weimar Premiere feierte, war es sofort ein großer Erfolg. Bald wurde es überall in Deutschland gespielt, und selbst diejenigen Kritiker, die der Dichter sonst eher nicht zu begeistern vermochte, mussten eingestehen, dass er ein großes Werk geschaffen hatte.
So schrieb der Rezensent des Journals „Der Freimüthige“: „Nach meiner Ansicht ist das Schauspiel das vollendetste, das Schiller geschaffen hat: ich brauche also nicht hinzuzusetzen, daß ich es für etwas sehr Großes halte. Der Plan ist mit einer Reife der Kunsteinsicht, deren nur das Genie in solchem Grade fähig ist, angelegt und ausgeführt: alles wird darin gut vorbereitet, alles tritt an seinem Orte auf, alles schreitet edel fort und vollendet sich: nirgend eine Lücke, aber auch nirgend etwas Überflüssiges, und gleichwohl überall blühende, üppige Fülle und eine Reihe von Situationen und Momenten, die so schön, so kraftvoll vor die Seele treten, daß man jedes Einzelne fast für das Schönste des Stückes hält, bis das Folgende heraufglänzt und jenes wieder in den Schatten stellt.“
Der Erfolg war indes nicht von Dauer. Es war die Zeit der großen militärischen Glanztaten und Eroberungsfeldzüge Napoleons, und als Widerstandsfigur passte die Figur des Tell der neuen Obrigkeit so gar nicht ins Konzept. Vielerorts wurde das Stück zensiert oder seine Aufführung sogar ganz verboten. Erst während der Befreiungskriege feierte es neue Erfolge: 1814 beging die Bamberger Nationalbühne den Jahrestag der Völkerschlacht mit einer Tell-Aufführung – doch in der folgenden Restaurationszeit war allzu große Tell-Begeisterung schon wieder weniger erwünscht.
Auch in der Folgezeit ist es leicht, die Popularität der Sage mit den politischen Entwicklungen der Zeit in Verbindung zu bringen: Großen Anklang fand sie bei der philhellenischen Bewegung der 1830er Jahre ebenso wie bei den exilierten französischen Autoren der 1850er Jahre. Dabei waren die Zweifel an der Historizität des Stoffes zu diesem Zeitpunkt bereits kaum zu überhören.
Ein Historiker entzaubert den Mythos – doch Tell lebt weiter
1832 hatte die Stadt Luzern den Historiker Joseph Eutych Kopp damit beauftragt, anlässlich der 500-Jahr-Feier des Beitritts Luzerns zur Eidgenossenschaft eine Festschrift zu verfassen. Doch bei seiner Arbeit in den Archiven fand Kopp, der großen Wert auf die Arbeit mit Originalquellen legte, nirgendwo auch nur den geringsten Hinweis auf Tell, Gessler oder den Rütlischwur. Noch bis ins 20. Jahrhundert wurde die von ihm angestoßene Debatte teilweise sehr polemisch geführt, doch heute zweifelt niemand mehr daran, dass die Geschichte von Tell ins Reich der Sagen und Legenden zu verweisen ist.
Die wohl erfrischendste Bearbeitung des Stoffes im 20. Jahrhundert stammt aus der Feder von Max Frisch. In seinem Büchlein „Wilhelm Tell für die Schule“ vertauscht er die Rollen. Der angesichts des Föhnwinds von Migräne geplagte Vogt scheitert wiederholt bei dem Versuch der Kontaktaufnahme mit den ebenso bornierten wie xenophoben Schweizern. Und der reichlich einfältig daherkommende Tell lässt sich in einem Akt falsch verstandener Rebellion von einem wütenden Mob erst zum Schuss auf seinen Sohn und schließlich zur Mordtat hinreißen.
Als Anregung diente dem Autor laut eigener Aussage ein anderer Akt falsch verstandener Rebellion: Als palästinensische Terroristen am 18. Februar 1969 am Flughafen Zürich-Kloten einen Anschlag auf ein Flugzeug der El Al unternahmen (der vom Flugsicherheitsbegleiter vereitelt wurde), beriefen sie sich nach ihrer Verhaftung auf den „Freiheitskämpfer Wilhelm Tell“. Die Episode zeigt einmal mehr die Anziehungskraft der Figur – in all ihrer biederen Rechtschaffenheit.
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