„Eigentum verpflichtet“, so steht es heute im Grundgesetz. Doch schon im 16. Jahrhundert gab es vergleichbare Erwartungen an wohlhabende Bürger wie die Fugger. Und diese bemühten sich: Sie taten sich als Mäzene hervor und riefen eine soziale Einrichtung ins Leben, die bis heute mit ihrem Namen verbunden ist – die…
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Im Jahr 1520 war Deutschlands führender und meistgelesener Publizist Martin Luther der Meinung, dass es so nicht weitergehen konnte: Der christliche Adel deutscher Nation, also die Fürsten im Heiligen Römischen Reich, sollte den Fuggern und ähnlichen Sozietäten einen „Zaum ins Maul“ legen. Das war nicht nur bewusst grobianisch formuliert, sondern auch so gemeint: Wie ist es nach göttlichem und menschlichem Recht möglich, dass ein einziger Mensch – gemeint ist Jakob Fugger der Reiche – so viele „königliche Güter“ anhäuft?
Die Frage war rein rhetorisch und bedurfte keiner Antwort: Es ist nicht möglich, und daher muss gegen die Praktiken, die solche Reichtümer einbringen, eingeschritten werden, vor allem gegen Wucherzinsen. Für die Anhänger Luthers war der Ruf der Familie Fugger damit auf Dauer ruiniert.
Um dieses verheerende Image rücksichtsloser Krösusse, das Luther nicht erfunden, aber in Stein gemeißelt hat, aufzuhellen oder besser noch: durch eine positive Wahrnehmung zu ersetzen, mussten die Fugger intensivste Anstrengungen im Bereich der Public Relations unternehmen. Ohne Übertreibung ausgedrückt: Sie waren zu sozialem und kulturellem Sponsoring geradezu verdammt.
Auch wenn ein solcher Vergleich hinkt: Mit den angeblich drei Millionen Dollar, die ein später Nachfahre der Fugger in Geist und Geschäftsgebaren namens Jeff Bezos für den Erhalt der Stadt Venedig zu spenden ankündigte, in der er eine Hochzeit feierte, die aufgrund des damit verbundenen Aufwands fraglos Luthers Kritik erregt hätte, konnte es bei den Fuggern nicht sein Bewenden haben. Sie waren nach – wie bereits diskutiert nicht unproblematischen – Umrechnungen nicht nur um einiges reicher als Bezos, ihr Ruf war in einer an die Form des von ihnen vorexerzierten Frühkapitalismus noch nicht gewohnten Zeit auch um einiges beschädigter.
Wie können die Fugger ihr Ansehen dauerhaft retten?
Doch mit Imagereparatur allein konnte es für vorausschauende und strategisch planende Geschäftsleute wie Jakob Fugger, genannt der Reiche, und seine Nachfolger in der Firmenleitung bei der Geldanlage in „Kultur“ und „Soziales“, also bei der Feinabstimmung ihrer Propaganda, nicht getan sein. Stattdessen mussten längerfristige Perspektiven zur Anwendung kommen: Wohin wollte die Familie, wirtschaftlich und gesellschaftlich gesehen, gelangen? Wie weit konnte sie aufsteigen, und welche Hindernisse waren auf diesem Weg zu überwinden?
Dieselben Fragen hatte sich fast 100 Jahre zuvor in Florenz auch Cosimo, der Chef der Familie Medici, gestellt und kühn beantwortet: Wir wollen an die Macht, also Fürsten von Florenz werden! So hochfliegende Pläne konnten die Fugger aufgrund der Verfassungs- und Machtverhältnisse der Freien Reichsstadt Augsburg und des sie umgebenden Herzogtums Bayern nicht hegen.
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In Augsburg waren sie, mit ihrem ersten Vertreter dort erst 1367 nachgewiesen, Parvenüs; bezeichnenderweise dauerte es bis 1538, bis sie in das – zusammen mit einer Zunft-Oligarchie regierende – Patriziat aufgenommen wurden. Der sagenhafte Reichtum Jakob Fuggers konnte also nicht in Macht, sondern maximal in höheren sozialen Status, konkret: in adligen Rang umgemünzt werden. Möglich war dies im Wesentlichen außerhalb der Stadt Augsburg, auf dem Land, wo sich in der Folgezeit adlige Territorien mit ausgedehntem Grund und Boden und feudalen Herrschaftsrechten in großer Zahl akquirieren und für weiteren Aufstieg innerhalb der aristokratischen Rangstufen nutzen ließen.
Die damit festgelegten Strategien waren nicht unproblematisch: Die Fugger wollten mehr werden, als sie um 1500 waren, und diesen Willen zu künftiger Größe auch zeigen. Dabei konnten sie fest damit rechnen, dass ihre Mitbürger, vor allem die aus den alteingesessenen und vornehmeren Familien, diese im Kern aristokratische Selbstdarstellung nicht billigen würden.
Investition in die Förderung von Frömmigkeit und Gelehrsamkeit
Am sichersten fuhren die Fugger daher, wenn sie dabei so vielen einflussreichen Seiten wie möglich entgegenkamen. Für den Klerus war Reichtum gerechtfertigt, wenn er zur Förderung der Frömmigkeit und des Glaubens, das hieß konkret: für kirchliche Zwecke investiert wurde. Für die Humanisten, die kulturelle Avantgarde, die von einer glanzvollen Wiederbelebung antiker Kulturfülle und -vielfalt träumte, war das Geld der Reichen optimal angelegt, wenn damit Talent, Forschung und Gelehrsamkeit, also ihre eigenen Tätigkeiten, finanziert wurden.
Jakob Fugger, der Erste der Familie, der Imagepflege durch Selbstdarstellung im großen Stil praktizierte, war sich bewusst, dass er dabei doppelgleisig und zudem mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen und schwierige, wenn nicht unmögliche Synthesen bewältigen musste. Zum einen galt es, überragenden wirtschaftlichen Erfolg eindrucksvoll vor Augen zu führen, ohne die auf Horizontalität, Homogenität, Kollektivität und Solidarität ausgerichteten Werte der Stadtrepublik Augsburg zu verletzen. Die Fugger mussten sich trotz aller Vorweisung von Prominenz ostentativ einfügen und sich der Kommune und ihren Werten unterordnen.
Zugleich sollte damit demonstriert werden, dass der Reichtum dieser einen Familie nicht nur keine Gefahr für die republikanische Ordnung war, sondern im Gegenteil deren Werte, Moral und soziale Ordnung stützte und stärkte, nach dem Muster: Was die Fugger gewinnen, gewinnt die Stadt Augsburg, die damit im Inneren gerechter und gottgefälliger wird.
Auf der anderen Seite musste behutsam, aber unübersehbar gezeigt werden, dass sich das Schicksal einer so herausragenden Familie nicht innerhalb der Mauern einer einzigen Stadt, und sei sie noch so renommiert, erschöpfen konnte, sondern viel weiter nach oben und damit aus ihrem beengenden Umfeld herausführen musste.
Für die beiden Seiten dieser Propaganda, für ihre Polarität, aber auch für ihre Verschmelzung stehen unter der Geschäftsführung Jakob Fuggers exemplarisch die Fuggerhäuser, die Fuggerkapelle in der Kirche St. Anna und die wichtigsten der insgesamt neun Fuggerstiftungen, die 1521 in einem gemeinsamen Stiftungsbrief zusammengefasst wurden.
Ein Stadtpalais, inspiriert von den Medici in Florenz
Mit seinem von 1512 bis 1515 errichteten Stadtpalais sprengte der Magnat das bauliche Gefüge Augsburgs regelrecht auf – ähnlich wie die Medici 70 Jahre zuvor durch ihren Palazzo an der Via Larga. Der von Jakob selbst konzipierte, nach 1517 um weitere Einheiten ergänzte und erweiterte Wohnkomplex, an den sich ein gleichfalls monumentales Lagerhaus anschloss, war stilistisch an toskanischen Vorbildern orientiert, wies nicht weniger als vier Innenhöfe mit Mosaiken und Brunnen und an der Fassade ein Fresko des Künstlers Hans Burgkmair d. Ä. (1473–1531) auf.
Mit diesen Merkmalen stellte der neue Wohnsitz die Weltläufigkeit, die persönliche Kultur und die internationalen Beziehungen seines Besitzers eindrucksvoll unter Beweis und untermauerte damit dessen weiterreichende Ambitionen. Allerdings musste eine solche Entfaltung von Prunk in einem politischen System wie Augsburg auch Gegenreaktionen provozieren und bedurfte daher dringend der Abfederung, ja Entschärfung.
Vornehme Statusrepräsentation im angesagtesten italienischen Stil verlangte auch nach einem repräsentativen Domizil für die Toten. So vereinbarten Jakob Fugger und sein Bruder Ulrich 1509 mit den Mönchen des Augsburger Karmeliterklosters St. Anna die Errichtung einer Familiengrabkapelle in der gleichnamigen Kirche. Ein solcher aus eigener Tasche finanzierter Sakralbau galt im religiösen Wertesystem der Zeit als verdienstvolle und damit für eine Verkürzung des Aufenthalts im Fegefeuer anrechenbare Tat.
Doch mit diesen unzweifelhaft in Rechnung zu stellenden persönlichen Motiven erschöpfte sich der Antrieb zu diesem Projekt nicht. Mit ihrer kostbaren Ausstattung, deren Kosten sich auf 15 000 Gulden beliefen, umgerechnet etwa 250 bis 300 Handwerker-Jahresgehältern, sollte diese Stiftung den sozialen und wirtschaftlichen Rang der Bauherren und ihrer Familie, aber auch deren Frömmigkeit und Ergebenheit gegenüber Kirche und Religion vorweisen.
So ist auf einem der beiden von Jörg Breu d.Ä. (1475–1537) bemalten Orgelflügel, der die Himmelfahrt Christi darstellt, unter den Zuschauern neben den Aposteln auch der Stifter Jakob Fugger zu sehen, der damit seinen Glauben an den Erlöser, durch den Anschluss an dessen Jünger aber auch seine Exklusivität und seine Heilserwartung dokumentierte. Auf der gegenüberliegenden Tafel der Himmelfahrt Mariens, ist als Hommage des Stifters an seinen erlauchten Förderer, Kaiser Maximilian zu sehen, der Fugger 1514 in einen etwas unklar definierten Grafenstand erhoben hatte.
Dass die beiden Epitaphien Georg und Ulrich Fuggers auf Entwürfe Dürers zurückgehen, ist heute als eine der zahlreichen Dürer-Legenden erwiesen. Auf dem Rückweg von seinem einzigen Venedigaufenthalt hatte Dürer 1507 Vorzeichnungen für dieses Projekt zu Papier gebracht, doch spricht die eher geringe Qualität der Ausführung gegen eine solche Zuschreibung.
Die Fuggerei gilt als erste „Sozialsiedlung“ der Welt
Die bei Weitem wichtigste Investition Jakob Fuggers in Ruf und Sozialprestige aber war die Stiftung der „Fuggerei“, einer „Sozialsiedlung“ von ursprünglich 52 Häusern in sechs Gassen für insgesamt 102 ohne Schuld in Not geratene fromme Tagelöhner und Handwerker, die hier gegen eine niedrige symbolische Mietzahlung de facto kostenfrei leben und ihrem Gewerbe nachgehen durften. Die Hoffnung war dabei, wirtschaftlich wieder auf eigenen Füßen stehen zu können, um dann dieses beschützende Ambiente wieder zu verlassen und sich dem Wettbewerb der Außenwelt zu stellen.
Wie keine andere Geldanlage sollte und konnte sie die zentrale Rechtfertigung des von Luther so heftig befehdeten Reichtums belegen: Sie lindere Not, leite die Menschen zu einem gottgefälligen Leben an und hebe auf diese Weise die Moral der Gesellschaft. Um diesen – modern ausgedrückt – sozialdisziplinarischen Zweck und Effekt der Stiftung hervorzuheben, wurden die Kandidaten für eine Aufnahme nach ihrem vorherigen Lebenswandel überprüft und Bettler nach dem Willen des Stifters ausdrücklich ausgeschlossen. Schließlich sollten die Gebete der Fuggereibewohner für ihren Wohltäter diesem im Himmel angerechnet werden, und das vermochte nur die Fürsprache der ehrbaren Armen.
Alles spricht dafür, dass diese in ganz Europa viel bewunderte Anlage ihren Zweck, das Renommee der Fugger dauerhaft zu heben, erfüllte und – nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau – bis heute erfüllt.
Alle Versuche, die „gesamtkulturelle“ Ausstrahlung des fuggerschen Kultursponsorings auszumessen, sind im Rahmen einer mehr als 100-jährigen historiographischen Tradition zu bewerten, die bis heute darum bemüht ist, eine der italienischen Renaissance ähnliche und möglichst ebenbürtige deutsche Renaissance zu finden bzw. zu erfinden.
Ob es diese gegeben hat, hängt davon ab, was man unter „Renaissance“ versteht. In der darüber geführten internationalen Debatte hat sich als Konsens durchgesetzt, „Renaissance“ nicht als Epoche zu definieren, sondern als eine historische Entwicklungsphase in Italien zwischen etwa 1440 und 1560, die sich in stärkerer Abgrenzung der Eliten vom Mittelstand, nicht zuletzt durch Bildung, Sprache und Lebensstil, in fortschreitenden Oligarchisierungsprozessen und in
intensivierter Propaganda der Führungsschichten fassen lässt. Auf Basis dessen ist zu fragen, ob es vergleichbare Erscheinungen in Städten wie Augsburg gab.
Das – selbstverständlich vorläufige – Fazit läuft allenfalls auf eine „Renaissance light“ hinaus. Das zeigt sich am Beispiel der Fugger, die sich wie ihre Vorbilder in Italien durch ihre prunkvollen Wohnstätten für die Lebenden und die Toten sehr weit von allen anderen Familien, auch gegenüber dem Patriziat, abheben und damit abgrenzen, aber mit diesen Merkmalen letztlich eine vereinzelte Erscheinung in einer Entwicklung bilden, die sich nur an einigen deutschen Höfen markanter abzeichnet.
Viele Humanisten sind Teil der Elite in den Reichsstädten
Ein ähnliches Fazit gilt für das Verhältnis der Fugger zum deutschen „Humanismus“, ebenfalls einem dringend nach präziser semantischer Bestimmung verlangenden Begriff. Auch hier ist im Vergleich mit den italienischen Vorbildern von einem stark eingegrenzten Radius der Tätigkeiten und der Ausstrahlung auszugehen.
Abgesehen von einigen „Vollzeithumanisten“ wie Conrad Celtis (1459–1508), der als Dichter und Erfinder einer deutschen Nation nebst Nationalcharakter und Konstrukteur historischer Mythen bewusst an die italienischen Vorbilder anknüpfte und als solcher Anschluss an den Kaiserhof fand, sind Humanisten vor allem in den geistlichen und weltlichen Führungsschichten der Reichsstädte zu finden.
Dort betätigten sie sich wie der Nürnberger Patrizier Willibald Pirckheimer (1470–1530) und der Augsburger Patrizier, Jurist und Stadtschreiber Konrad Peutinger gewissermaßen „nebenberuflich“, aber mit großer Intensität und Hingabe als Historiographen ihrer Heimat und Herausgeber von Zeugnissen, die Adel und Würde ihrer Geburtsstädte gebührend hervorhoben.
So erwarb sich Peutinger herausragende Verdienste durch die Sammlung römischer Inschriften. Die humanistischen Studien und Forschungen in Augsburg förderten die Fugger indirekt, durch ihre reich bestückte, den Gelehrten zugängliche Bibliothek, aber nicht durch eigene Aufträge oder aufwendiges Sponsoring.
Jakob Fuggers Großneffe Hans Fugger (1531–1598), der die Firma nach partiellen Krisenerscheinungen erfolgreich fortführte, setzte als Letzter seines Geschlechts nochmals intensiv auf Imagepflege durch Strategien der Kulturförderung, die ihm den Ruf eines herausragenden Kunstkenners und Vermittlers erlesener italienischer Lebensart einbringen sollten. So versuchte er, eine repräsentative Galerie von Kunstwerken anzulegen, auch das ein Muss für alle, die Anspruch auf Zugehörigkeit zur sozialen und kulturellen Elite der Zeit erhoben.
Diese Sammlung wurde durch Ankäufe von Werken in Italien tätiger Maler, aber auch durch eigene Aufträge gespeist, doch finden sich darunter keine erstrangigen Namen. Das hatte viel mit den dabei zugrunde gelegten Auswahlkategorien wie Frömmigkeit, Schnelligkeit und Sauberkeit der Ausführung zu tun, die weit vor den moralisch anstößigen Kriterien Eleganz und Originalität rangierten. Davon unbenommen sorgten die im italienischen Stil vorgenommenen Ausmalungen und Ausstattungen der fuggerschen Schlösser auf dem Lande dafür, der neuadeligen Familie Prestige und Ansehen unter ihren neuen Standesgenossen zu verschaffen.
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