Um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich gute Gastgeber genauso um die servierten Speisen wie um die Gefäße zu kümmern, in denen sie angeboten wurden. Zum Dessert kamen in dieser Zeit mit Zucker glasierte Esskastanien, Maronen auf. Die Esskastanie, ein uraltes Nahrungsmittel armer Bevölkerung, gewann plötzlich Beachtung in höheren und reicheren Schichten, denn Zucker, der aus den fernen Kolonien importierte Rohrzucker, war damals ein teurer Luxus. Für diese “Marron glacés” wurde ein spezielles Gefäß entworfen, der Kastanientopf: Runde oder ovale, gedeckelte Gefäße mit starken Durchbrechungen in Körper und Deckel und nicht zu engen oberen Öffnungen, die nun auf herrschaftlichen Tafeln – adelig oder gut-bürgerlich – zum Anbieten der heißen, kandierten Esskastanien dienten.
In Paris, dem damaligen kulturellen Zentrum Europas, wurde um 1757 das erste derartige Gefäße entwickelt und danach in dieser und ähnlichen Formen vielfach kopiert, später jedoch auch vielfältig abgewandelt wurde. Die Porzellanmanufaktur in Fürstenberg war die erste in Deutschland, die Anfang der 1760er Jahre ein eigenes Modell entwickelte. Die Modellzahl der insgesamt nachgewiesenen Kastanientöpfe ist beachtlich! Vom russischen St. Petersburg bis zum spanischen Alcora, vom italienischen Treviso bis zum englischen Leeds ließen sich – ausschließlich in der Periode 1757 bis zum Jahrhundertende – über 90 unterschiedliche Modelle finden. Nach der Jahrhundertwende jedoch ebbte die Mode wieder ab und die Kastanientöpfe verschwanden von den Tafeln.
Von der Vielfalt der unterschiedlichen Typen zeigt die Ausstellung über 30 seltene und ausgewählte Stücke, die einerseits für einzelne Manufakturen zahlreiche Detailabweichungen offenbaren, andererseits die unterschiedlichen Lösungen aus vielen Herstellorten vorführen. Der Katalog zur Ausstellung, erschienen im Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden, bringt eine umfangreiche Einführung und eine Dokumentation aller nachgewiesenen Ausformungen.





