Der Reformator Martin Luther löste in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch seine Kritik an der Heiligenverehrung eine Neupositionierung der katholischen Kirche in dieser Frage aus, die zu einer bis dahin nicht gekannten Instrumentalisierung des Heiligenkultes im Streit der Konfessionen führte. Die Auseinandersetzung schlug sich in einer deutlichen Emotionalisierung der Heiligendarstellungen in der bildenden Kunst nieder, die in den kunsttheoretischen Schriften der Zeit u. a. in der so genannten Affektenlehre entwickelt wurde.
Nach katholischem Verständnis ist es die kompromisslose Nachfolge Christi, die einen Menschen zum verehrungswürdigen Heiligen macht. Dies gilt insbesondere für den Nachvollzug der Passion bis hin zum Martyrium. Der Heilige wird als Märtyrer eins mit dem mystischen Leib Christi, mit dem Brot des Lebens. In diesem Sinne ist hier der hl. Frumentius zu nennen, der seinen Namen erst posthum erhielt, nachdem er wie Getreide (lat. frumentium) durch einen Mühlstein gemartert wurde.
Aufgrund seines tiefen Glaubens wird dem Visionär die Gnade zuteil, für Augenblicke Christus, Maria oder beide als Gruppe zu schauen. Die Kunst sieht sich hier vor die Aufgabe gestellt, diese inneren Erlebnisse des Heiligen zu visualisieren. So lässt sich am Gestus der weit geöffneten Arme des Antonius von Padua die für den Bildbetrachter ursprünglich unsichtbare Vision erkennen.
Anders als bei Martyrien oder Visionen wurde der Vorbild gebenden Wirkung Barmherziger Werke (Caritas) auch von Seiten der Reformatoren nie widersprochen (sie lehnten allerdings die römische Werkgerechtigkeit ab) und entsprechend bildlich dargestellt. Zum Ausdruck kommt jedoch auch hier die zunehmende Armenfürsorge durch städtische oder staatliche Einrichtungen statt durch Klöster und Kirchen und die dadurch veränderte Stellung der karitativen Heiligen.
Die Ausstellung will nicht zuletzt zeigen wie sich die Wahrnehmung der Heiligen im Laufe der Jahrhunderte wandelte. Zunächst als zentraler Streitpunkt im Zeitalter der Konfessionalisierung, später durch die scheinbar plötzlich aufflammende Herz-Jesu-Verehrung des späteren 18. Jahrhunderts und heute durch Vorbild- und Ausnahmemenschen, die durchaus wie Heilige verehrt werden können, ohne dass sie sich auf Christus oder den christlichen Glauben verpflichten ließen. Dabei wächst diesen weltlichen Heiligen oftmals auch die Rolle des Nothelfers zu. Dabei wächst diesen weltlichen Heiligen oftmals auch die Rolle des Nothelfers zu. So etwa wenn sich Stars wie George Harrison (1943–2001) oder Bob Geldof (geb. 1951) mit groß angelegten Benefizveranstaltungen (Life Aid Concert) für die Hungerhilfe einsetzen.





