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Massenmord im besetzten Polen
Am 8. April 1942 schrieb der Arzt Zygmunt Klukowski in der ostpolnischen Kleinstadt Szczebrzeszyn in sein Tagebuch: „Wir wissen bereits jetzt mit völliger Sicherheit, dass nach Belzec täglich ein Zug aus Lublin und einer aus Richtung Lemberg kommt, jeder mit über 20 Waggons. Hier lassen sie die Juden aussteigen,…
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Gerade einmal drei Wochen, nachdem am 17. März 1942 der erste Deportationszug aus Lublin mit Tausenden Menschen aus dem dortigen Ghetto im Vernichtungslager Belzec angekommen war, kannte Zygmunt Klukowski nur 66 Kilometer entfernt bereits fast alle Details.
Aufbau der Infrastruktur der Vernichtung
Nachdem die Planungen zur Ermordung der Juden seit Sommer 1941 liefen und die konkrete Umsetzung Gegenstand der „Wannsee-Konferenz“ im Januar 1942 war, bestand nun mit dem Vernichtungslager Belzec im Südosten des Distrikts Lublin eine erste Infrastruktur. So startete im März 1942 der organisierte Massenmord an den polnischen Jüdinnen und Juden. Als Reinhard Heydrich, der maßgeblich für die Vorbereitung der „Endlösung der Judenfrage“ verantwortlich war, am 4. Juni den Verletzungen erlag, die er sich beim Attentat tschechischer Widerstandskämpfer zugezogen hatte, erhielt das Vernichtungsprogramm ihm „zu Ehren“ den Namen „Aktion Reinhardt“. Wobei die Schreibweise des Vornamens etwas abwich.
Die Deportationen erfolgten in den folgenden Monaten im besetzten Polen systematisch Region für Region nach einem festen Schema. Die Zivilverwaltung registrierte die Juden und sorgte dort, wo es noch nicht geschehen war, für eine Konzentration der jüdischen Bevölkerung: In den Städten wurden Ghettos eingerichtet und die Juden vom Land in Ortschaften mit Bahnanbindung umgesiedelt.
Auf einer Vorbesprechung beim jeweiligen SS- und Polizeiführer des betreffenden Distrikts legten die Polizeikommandeure die Aufgabenverteilung fest und gaben entsprechende Befehle an ihre Einheiten weiter.
Wenige Tage vor einer Deportation wurden die Leiter aller wesentlichen örtlichen Dienststellen beim Kreishauptmann versammelt. Das waren Vertreter des Arbeitsamts, der Sicherheitspolizei, der Gendarmerie, gegebenenfalls auch der Wehrmacht sowie der Kreishauptmann selbst als Leiter der Zivilverwaltung. Mit einem Vertreter des SS- und Polizeiführers oder mit diesem persönlich besprachen sie nun die Einzelheiten: den genauen Ablauf, die jeweiligen Aufgaben, die Zahl der jüdischen Arbeitskräfte, die von der Deportation ausgenommen werden sollten und anderes mehr. Die „Aktion Reinhardt“ fand also insgesamt unter Führung von SS und Sicherheitspolizei statt, vor Ort war es aber ein arbeitsteiliger Prozess einer Vielzahl von Akteuren aus Verwaltung, Polizei, Wehrmacht und Unternehmen.
Auch in der konkreten Durchführung am Tag der Deportation folgten die Täter in der Regel einem Muster: Am Anfang stand die Selektion derjenigen Menschen, die als Arbeitsfähige zunächst bleiben sollten. Am Vorabend oder frühen Morgen umstellten deutsche und polnische Polizisten das Ghetto. Dann trieben die beteiligten Exekutivkräfte die Opfer zusammen und führten sie zum Sammelplatz, wo sie ihnen ihre Wertsachen abnahmen.
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Die leeren Wohnungen wurden versiegelt, der Hausrat später abtransportiert. Zum Schluss trieb man die Menschen, meist mit Gewalt, zum nächsten Bahnhof und pferchte sie in bereitstehende Waggons. Transportunfähige Alte und Kranke erschossen Polizisten während ihrer „Treibjagd“ im Ghetto oder brachten sie etwa in einen nahe gelegenen Wald, wo sie ihre Opfer an vorbereiteten Gruben erschossen.
Auch an den Morden selbst waren zahlreiche Einheiten beteiligt: SS, Sicherheitspolizei, Ordnungspolizei, Gendarmerie, Waffen-SS, Sonderdienst, polnische Polizei, ukrainische oder baltische Hilfskräfte sowie der polnische Baudienst. Selbst einzelne deutsche Beamte der Verwaltung und andere machten mitunter bei den Erschießungen mit.
Belzec war bereits in Betrieb, als im März 1942 der Bau des Vernichtungslagers Sobibor an der Grenze zu Belarus, im damaligen deutschen Generalkommissariat Weißruthenien, begann. Seit Mai ermordete dann hier das Lagerpersonal Juden vor allem aus dem Distrikt Lublin, aber auch aus dem Deutschen Reich und einigen besetzten Ländern.
Im Sommer 1942 schließlich war auch das Vernichtungslager Treblinka, das nordöstlich von Warschau an einer Bahnlinie lag, fertiggestellt. Dorthin deportierte man von Juli bis September 1942 zunächst 254 000 bis 300 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto, die fast ausnahmslos nach der Ankunft ermordet wurden.
Es folgten weitere Deportationen aus zentralen und nordwestlichen Regionen des besetzten Polen, unter anderem aus Tschenstochau und Białystok. Insgesamt wurden in den drei Lagern von März 1942 bis Oktober 1943 bis zu 1,75 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet – in Belzec ungefähr 500 000, in Sobibor rund 250 000 und in Treblinka bis zu einer Million Menschen.
Dass die Deutschen diese Lager gerade im Nordosten des „Generalgouvernements“ errichteten, hatte seine Gründe. Im besetzten Polen lebten die meisten Juden unter deutscher Herrschaft, und sie sollten seit März 1942 systematisch und schnell ermordet werden. Für die zynische Logik eines auf mörderische Effizienz setzenden Regimes war die gute Anbindung der Vernichtungsstätten an das Bahnnetz ausschlaggebend für die Standortwahl, doch auch die Lage weitab im Osten war bewusst gewählt. Letzteres spielte für die trügerische Hoffnung des Regimes eine Rolle, dort ließe sich der Massenmord vor der Weltöffentlichkeit verbergen. Eine besondere Verbreitung von Antisemitismus in der örtlichen Bevölkerung war dagegen für die Standortwahl nie von Bedeutung.
Erfahrungen aus dem Mord an Kranken und Behinderten
Mit der Durchführung der Morde in den drei Lagern hatte Heinrich Himmler den SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, den aus Österreich stammenden Odilo Globocnik, betraut. Sein kleiner Stab, der unter Leitung Hermann Höfles in Lublin ansässig war, beaufsichtigte die insgesamt nur 120 österreichischen und deutschen Männer, die die Kommandanten und einen Teil des Lagerpersonals stellten.
Als sie ins besetzte Polen kamen, blickten die meisten von ihnen bereits auf eine Karriere als Mörder zurück. So hatten sie in unterschiedlichen Funktionen an den Krankenmorden in den Mordanstalten im Deutschen Reich („Aktion T 4“) mitgewirkt.
Unterstützt wurden diese Vernichtungsexperten von jeweils bis zu 120 sogenannten Trawniki-Männern. Das waren ukrainische, weißrussische, russische oder baltische Hilfskräfte, die man, mitunter unter Zwang, unter den sowjetischen Kriegsgefangenen rekrutiert und anschließend im Ausbildungslager Trawniki geschult hatte.
Beim Aufbau der Lager folgten die Männer ihren Erfahrungen aus dem Krankenmord und richteten die Struktur an einem möglichst effizienten Ablauf des Massenmords aus. Belzec lieferte gewissermaßen die Vorlage für die beiden anderen Lager.
Das nur 265 auf 275 Meter große Belzec war mit einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben, in den teilweise Zweige geflochten waren, um es vor Blicken von außen abzuschirmen. Von Wachtürmen aus konnte das Lager kontrolliert und eine Flucht verhindert werden.
Belzec war in zwei Bereiche gegliedert. In Lager I kamen die Transporte mit den Menschen an. An der sogenannten Rampe, an die Züge mit 15 bis 20 Waggons herangefahren wurden, trieb man sie heraus. Es wurden gegebenenfalls wenige Menschen als sogenannte Arbeitsjuden ausgesucht. Die anderen mussten durch einen von Stacheldraht gesäumten Gang in den anderen Lagerteil gehen.
Dieser war streng abgetrennt. Dort befand sich der Mordbereich. In Baracken entkleideten sich die Menschen, Männer und Frauen getrennt; den Frauen wurden die Haare abgeschnitten. Durch einen engen Gang, die sogenannte Schleuse, trieben die SS-Männer die Menschen in den Todestrakt.
In mehreren Gaskammern, anfangs waren es drei, wurden sie dicht gedrängt mit den Abgasen eines alten Panzermotors qualvoll ermordet. Getarnt waren die Gaskammern mit Brausen als Duschräume. Auf Loren brachten Häftlinge die Leichen über eine Schmalspurbahn anschließend zu den Massengräbern innerhalb des Lagers.
Neue Gaskammern perfektionieren die Vernichtung
Im Sommer 1942 wurde Belzec umgebaut; neue Gaskammern erhöhten die Mordkapazität. Fortan waren die Häftlinge des sogenannten Sonderkommandos, die bei den Gaskammern arbeiten mussten, in diesem Lagerteil untergebracht und von den Übrigen streng isoliert.
Während in Lager II der Mordprozess lief, sortierten Arbeitshäftlinge im ersten Lagerteil die zurückgelassene Habe der Ermordeten in Magazinbaracken. Noch brauchbare Kleidung bekamen volksdeutsche Siedler; das Zahngold wurde bei der Reichsbank eingeschmolzen und verwertet.
In diesem Bereich lebten auch die wenigen hundert Gefangenen, die in Belzec arbeiteten. Dort waren zudem Werkstätten, eine Lagerküche und, in einem gesonderten Bereich, die Unterkünfte der Trawniki-Männer untergebracht. Die SS-Männer wohnten außerhalb des Lagers, ebenso Lagerkommandant Christian Wirth und die Kommandantur.
Zygmunt Klukowski war nicht der Einzige, der früh schon über den Massenmord in Belzec Bescheid wusste. Trotz aller Bemühungen, das Morden halbwegs geheim zu halten, kannte die polnische Bevölkerung zwar nicht alle Details, war aber über die wesentlichen Dinge im Bild. Überdies waren bereits die Deportationen in die Vernichtungslager mit zahllosen Massakern an der jüdischen Bevölkerung in ihren Heimatorten verbunden, die häufig vor aller Augen geschahen. Der Mord an den Juden im besetzten Polen war also weder geheim, noch hatte er einen fabrikmäßigen anonymen Charakter.
Ein Blick in Klukowskis Heimatstadt Szczebrzeszyn zeigt das exemplarisch. Im April 1942 lebten dort mindestens 2900 Juden. Im Oktober 1942 sollten alle noch dort lebenden Juden deportiert werden. Am 21. Oktober zogen SS-Männer, Gendarmen und polnische Polizisten durch die Stadt auf der Suche nach Juden, die sie zum Marktplatz trieben. Den ganzen Tag waren Schüsse zu hören, Juden wurden geprügelt, die Häscher warfen Handgranaten in Keller und andere vermutete Verstecke. Hunderte wurden deportiert oder – die genauen Zahlen sind unbekannt – vor Ort erschossen.
Tagelang waren deutsche und polnische Polizisten auf der Jagd nach geflohenen und versteckten Juden, teilweise mit Hilfe der Bevölkerung. Angesichts des Eifers, mit dem die Deutschen auch den letzten Juden noch ergreifen und töten wollten, waren die Überlebenschancen für die versteckten Juden minimal.
Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden
Verringert wurden diese auch durch Einstellung und Verhalten der christlichen Bevölkerung. Ein religiös verwurzelter Judenhass war weit verbreitet im besetzten Polen und trug zu einer Gleichgültigkeit dem Schicksal der Juden gegenüber bei. Einige nicht-jüdische Polen teilten auch den rassischen Antisemitismus der Deutschen und beteiligten sich an der Jagd auf Juden, plünderten ihre Häuser und Geschäfte oder verrieten sie an die Polizei. Nicht wenige Antisemiten schauten mit stiller Genugtuung zu, ohne sich aktiv zu beteiligen.
Einigen ging das brutale Morden der deutschen Besatzer – obwohl sie den Juden nicht freundlich gesinnt waren – jedoch viel zu weit. Manche entschlossen sich sogar, trotz drohender Todesstrafe, geflohenen Juden zu helfen. Sie nahmen das Risiko in Kauf, verbargen Juden bei sich, steckten ihnen etwas zu essen zu, versorgten sie mit Kleidung und anderem mehr. Der allgemeine Verfolgungsdruck, der auf der christlichen Bevölkerung lastete, Terror und Gewalt sowie eine dauernde Unterversorgung der Menschen engten die Bereitschaft und Möglichkeiten zu helfen aber enorm ein.
Die allgegenwärtige Gewalt, das Töten vor aller Augen stumpfte die Menschen zudem ab. Die Reaktionen darauf, dass ein deutscher Gestapo-Beamter eine alte Jüdin auf offener Straße erschoss, beschrieb Klukowski am Abend in seinem Tagebuch: „Die Menschen sahen zu, als ob es eine gewöhnliche, alltägliche Angelegenheit wäre. Ich weiß nicht warum, aber auch auf mich machte es nicht mehr einen so starken Eindruck wie früher.“
Die nicht-jüdische polnische Bevölkerung wusste bald schon über die nähere Umgebung der Vernichtungslager hinaus Bescheid. Die Untergrundpresse berichtete vom Massenmord und erkannte seinen systematischen Charakter. Bereits im Sommer 1942 schilderte man den Tötungsprozess in Belzec in vielen Details. Verbunden war dies mit der Befürchtung, dass nach den Juden die Polen an der Reihe seien, zumal sie unfreiwillig Zeugen des Verbrechens waren.
Im Juli 1942 wurde auch die Londoner Exilregierung von ihrem Vertreter im Land über die Morde in Belzec informiert. Sein Bericht beruhte auf Informationen eines Deutschen, der vor Ort arbeitete.
Im besetzten Polen war der Mord an den Juden Tagesgespräch, auch unter den Deutschen dort. Ein Besatzungsbeamter, gerade einmal fünf Wochen im Dienst, schrieb Anfang Juni 1942 seiner Mutter in Bayern vom Morden. In den Büros und Betrieben war es offenes Gesprächsthema. Deutsche Soldaten, die auf der Durchreise an die Front oder von dort in den Heimaturlaub waren, konnten häufig mit eigenen Augen beobachten, was geschah. Viele erzählten davon zu Hause, berichteten in Briefen davon, zeigten Fotos herum, so dass auch in Deutschland mehr und mehr Menschen Bescheid wussten, ihre Ahnungen womöglich bestätigt sahen.
Die „Aktion Reinhardt“ sollte laut Befehl Himmlers ursprünglich bis Ende 1942 abgeschlossen sein. Tatsächlich wurde Belzec bereits im Dezember 1942 geschlossen, die Leichen bis März 1943 verbrannt und das Lager anschließend niedergerissen und zur Tarnung bepflanzt. In Treblinka und Sobibor jedoch ging das Morden bis in den Oktober 1943 weiter. Hier setzten Aufstände der Arbeitshäftlinge den Schlusspunkt.
Der Massenmord geht in Auschwitz weiter
Am 2. August erhoben sich Gefangene in Treblinka, am 14. Oktober in Sobibor. Sie hatten sich von leicht korrumpierbaren Trawniki-Männern Waffen beschafft bzw. konnten sich Zugang zu den Magazinen verschaffen. Bei den Kämpfen mit den überraschten SS-Männern und ihren Helfern kamen viele Aufständische ums Leben, dennoch gelang eine Massenflucht – insgesamt konnten rund 600 der insgesamt 1000 Häftlinge aus den Lagern fliehen. Die wenigsten jedoch erlebten das Ende der deutschen Besatzungsherrschaft.
Nach den Aufständen endete der Mordbetrieb, und die Lager wurden abgebaut, die Gelände zur Tarnung bepflanzt. Der Massenmord an den Juden fand seine Fortsetzung weiter westlich in den seit Winter 1941/42 erweiterten Lagern von Auschwitz im zum Reichsgebiet zählenden Teil Polens.
Letztlich der Schlusspunkt der „Aktion Reinhardt“, auch in Reaktion auf die beiden Aufstände, war eine der größten Massenerschießungen des Holocaust, die von den Tätern zynisch als „Aktion Erntefest“ bezeichnet wurde.
Am 3. und 4. November 1943 erschossen deutsche SS-Männer und Polizisten mehr als 42 000 jüdische Männer und Frauen in den Lagern Majdanek, Poniatowa und Trawniki. In das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und in die beiden anderen Zwangsarbeitslager waren im April und Mai 1943 die letzten Warschauer Jüdinnen und Juden deportiert worden.
Nur sehr wenige Mörder aus den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“ wurden nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen. Im Gegensatz zu Auschwitz waren sie 1945 bereits aufgelöst: Die meisten Akten waren vernichtet, die Täter schwiegen oder logen. Vor allem aber gab es kaum überlebende Zeugen der Verbrechen. Das Ende des Kriegs erlebten rund 70 Menschen, die aus Treblinka, und 62, die aus Sobibor während der Aufstände geflohen waren. Belzec jedoch überlebten von insgesamt rund 500 000 Opfern nur drei Menschen – Chaim Hirszman, Izrael Szapiro und Rudolf Reder.
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