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Meisterwerke der Buchkunst
Anno, Eburnant, Ruodprecht, Liuthar, Heribert und Kerald – erstaunlich viele Reichenauer Hersteller von liturgischen Prachthandschriften aus dem 10. und beginnenden 11. Jahrhundert kennen wir mit Namen. Und nicht nur das: Diese Mönche wurden auch alle in ihren Werken als nicht zu übersehende Figuren malerisch…
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Bereits aus der Karolingerzeit sind Schreiber bekannt
Für die namentlich bekannten Hauptschreiber gibt es sogar schon Vorläufer in karolingischer Zeit: etwa Reginbert (gest. 846), der als Bibliothekar des Klosters bereits zur Zeit Kaiser Karls des Großen und seines Sohns Ludwig des Frommen wirkte. Ihm und seinen Mitarbeitern konnte in den vergangenen Jahrzehnten eine beachtliche Anzahl von Handschriften zugewiesen werden.
Darunter sind auch anspruchsvoll ausgestattete Exemplare, insbesondere ein Evangelistar (enthält die Abschnitte der Evangelien, die während der Messe verlesen werden) und ein Psalter (enthält die Psalmen) aus der Zeit um 825 bis 830, die heute beide in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt werden. Reginberts lebenslang beibehaltene alamannische Minuskelschrift spiegelt noch seine Ausbildung vor dem Greifen der karolingischen Bildungsreformen wider.
Sein jüngerer Mitarbeiter, der hochbedeutende Dichter und spätere Reichenauer Abt Walahfrid Strabo, schrieb bereits die karolingische Minuskel. Großformatige figürliche Malereien finden sich, soweit wir wissen, in diesen frühen Werken nur in allerersten Ansätzen. Reginbert ließ sie wie im Fall des Evangelistars mit aufwendig ornamentierten Flechtband-Initialen im Dreiklang Gold-Silber-Rot ausstatten.
Seit dem letzten Drittel des 10. Jahrhunderts, in ottonischer Zeit, ist dann eine besonders große Zahl von Reichenauer Buchmalereien bekannt, nun mit den weltberühmten figürlichen Malereien. Weltweit haben sich laut den Forschungen von Walter Berschin und Ulrich Kuder etwa 70 Prachthandschriften von hier erhalten. Sieben Reichenauer Handschriften, die Kaiser Heinrich II. in Auftrag gegeben hatte, gelangten in das von ihm gegründete Bistum Bamberg, darunter Prophetenbücher, Evangeliare, ein großformatiges Perikopenbuch mit den Evangelientexten für die Messe und die einzigartige „Bamberger Apokalypse“.
Man kann nicht von einer durchgehenden Maler-Tradition innerhalb der Reichenauer Schreiberwerkstatt ausgehen. Vielmehr sind von der Wissenschaft mehrere Gruppen (Cluster) von stilistisch verwandten Prachthandschriften erkannt worden, die nacheinander entstanden. Sie werden nach den oftmals im Vorspann der Bücher genannten Leitern als Anno-Eburnant-, Ruodprecht- und Liuthar-Gruppe bezeichnet.
Dazwischen gab es, wie Klaus Gereon Beuckers vermutet, offensichtlich „Lücken“ in der Verfügbarkeit künstlerischen Personals, was durch die schlichte Miniatur in der Festschrift für den Reichenauer Abt Witigowo (im Amt 985–996) zum Ausdruck kommt. Er wird darin anlässlich seines zehnten Amtsjubiläums 995 gerühmt für seine zahlreichen Neubauten auf der Reichenau und die hervorragende künstlerische Ausstattung der Kirchen und des Klosterbezirks. Ausgerechnet diese Handschrift lässt nahezu nichts von der künstlerischen Spitzenproduktion der Zeit vor und nach ihm erkennen.
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Auch unterscheiden sich die Malergruppen stilistisch beträchtlich voneinander, selbst wenn sie teilweise auf dasselbe Vorlagenmaterial zurückgreifen konnten. Man muss also davon ausgehen, dass prägende Reichenauer Künstlerpersönlichkeiten jeweils für einige Jahre mit den Schreibermönchen zusammenarbeiteten.
Zudem ist der genaue Ort der Herstellung oft ungeklärt, so im Fall der engen Kooperation der Reichenauer mit einem der bedeutendsten Buchmaler seiner Zeit, dem sogenannten Gregormeister in Trier („Codex Egberti“). Im Folgenden sollen beispielhaft drei Reichenauer Handschriften vorgestellt werden, die jeweils mit einem Abstand von bis zu zehn Jahren entstanden sind und heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählen.
Die Reichenauer Mönche produzieren gefragte Prachtbände
Ein besonders beeindruckendes Werk der figürlichen Malerei des Inselklosters ist der „Gero-Kodex“. Vor 969 ist er für einen Kanoniker dieses Namens geschrieben worden, der mit weitgehender Sicherheit als der spätere bedeutende Kölner Erzbischof Gero (im Amt 969–976) identifiziert werden kann.
Und so ist wohl auch der Kölner Dom das „Setting“ des ersten der beiden monumentalen, ganzseitigen Widmungsbilder: Besagter Gero übergibt hier stark verkleinert dem majestätisch in der Kirche thronenden heiligen Petrus, dem Kölner Hauptpatron, den Kodex mit Goldeinband.
Hier werden gleich die Maßstäbe für die Prachthandschriften der folgenden Jahrzehnte definiert, die oft für Kaiser oder hohe Kirchenleute angefertigt und mit prächtigen Goldschmiede-Einbänden versehen wurden. Solche Prachtbände, insbesondere Evangeliare, wurden von einem Priester oder einem Bischof in Prozessionen mitgetragen und auf den Altar gestellt, als Sinnbild für Christus, der das Wort ist.
Gero ist in der Darstellung als Geistlicher charakterisiert durch seine Tonsur und die Kleidung mit Albe (weißem Untergewand), Stola und Kasel (Obergewand). Entgegen dem tatsächlichen zeitlichen Ablauf der Herstellung, die in zeitgleichen Handschriften durchaus eingehalten wurde, erscheint die Übergabe des Buches durch den Produzenten, den leitenden Mönch oder Hauptschreiber Anno, an den Domkleriker erst auf der folgenden Doppelseite.
Nun ist Gero deutlich größer und thronend wiedergegeben. Er wendet sich in die andere Richtung als zuvor Petrus, nach rechts, von wo der kleinere Reichenauer Mönch in seinem einfachen Habit mit Kapuze (Kukulle), scheinbar losgelöst vom Boden, herangeschwebt kommt. Das Haupt mit dem rötlichem Haarkranz geneigt, bringt er seinem Auftraggeber die Prachthandschrift dar, während dieser sich ihm mit ausgestreckten Händen auf sehr lebendige Weise entgegenreckt und seinerseits vor dem Evangelium verneigt.
Die beiden Widmungsbilder werden jeweils gegenüber durch eine aufwendig gestaltete Schriftseite mit Palmettenrahmen, Purpurgrund und goldener Schrift zu einem kostbaren Gesamteindruck ergänzt. Dieses Prinzip durchzieht den ganzen zehnseitigen Vorspann. Denn die erwähnten Widmungsseiten sind nicht die ersten großen Figurenbilder des „Gero-Kodex“: Den Vorrang haben nach demselben Gestaltungsprinzip, mit jeweils eigenen Doppelseiten, die vier Evangelisten und dann als Höhepunkt der thronende Christus in der Herrlichkeit (Majestas Domini). Er erscheint segnend vor blauem Grund in einem kreisrunden goldmosaikartigen Rahmen, in den kreuzförmig kleine Medaillons mit den Evangelistensymbolen eingesetzt sind.
Vorbild ist die Hofschule Karls des Großen
Besonders interessant an diesem spektakulären Auftakt der Figurenmalerei auf der Reichenau ist hier, dass die ersten fünf Darstellungen unmittelbar auf karolingische Vorlagen zurückgehen. So schlagen sie die Brücke 150 Jahre zurück und beziehen sich auf die Hofschule Karls des Großen. Die Evangelisten und das Christusbild gehen auf Miniaturen im Lorscher Evangeliar (um 810) zurück.
Auch für die beiden Widmungsbilder mit Gero und Anno hat die Forschung Vorbilder des 9. Jahrhunderts benannt. Die Blütezeit der Reichenauer Buchmalerei beginnt also unmittelbar mit dem Rückbezug auf die Zeit, als auch das eigene Kloster mit dem großartigen Neubau der Abteikirche zur Zeit der Karolinger ihren ersten Höhepunkt erreichte.
Das weitgespannte Netzwerk der Reichenau wird in der großen Zahl reichsweiter Auftraggeber sichtbar. Bischofs- und Klosterkirchen von Bamberg bis Köln und Aachen, von Augsburg bis Trier und Toul in Lothringen empfingen Reichenauer Prachthandschriften. In Toul war es ein namentlich nicht bekannter hoher Geistlicher, der das „Poussay-Evangelistar“, heute in Paris, auf der gut 250 Kilometer entfernten Klosterinsel bestellte. Es war dort nun bereits eine neue Künstlergruppe um den Mönch Ruodprecht tätig, der in einer für den Trierer Erzbischof Egbert (im Amt 977–993), einen berühmten Kunstmäzen, gefertigten Psalterhandschrift in Cividale del Friuli bei der Überreichung an diesen dargestellt und im Kodex benannt ist.
Toul war ein dem Trierer Metropoliten unterstelltes Suffraganbistum, und über diesen Weg mag die Empfehlung zustande gekommen sein. Dieselben Reichenauer Maler wie in Trier wurden für den Touler Auftraggeber tätig. Als Besonderheit wird derselbe von Engeln mit Botenstäben begleitet, während er sich dem thronenden Christus auf der gegenüberliegenden Seite nähert und ihm das wiederum in Gold gebundene Buch darbietet.
Der von gleich doppelter himmlischer Unterstützung assistierte Auftritt, bei dem der linke Engel dem Stifter eine Hand bestärkend auf die Schulter gelegt hat, ist eine besonders eindrucksvolle Bildfindung, für die italienische Vorbilder angeführt werden. Die Handschrift erhielt später, im 11. Jahrhundert, wohl in Toul einen prachtvollen Einband: Der Holzkern der Vorderseite trägt mittig eine geschnitzte byzantinische Elfenbeintafel der Muttergottes (Hodegetria). Gerahmt wird sie von teilweise figürlich getriebenen Goldblechen, die Heiligenfiguren zeigen, und von Edelsteinen.
Durch die dargestellte heilige Menna aus Lothringen wird die Verbindung zum Frauenkloster Poussay in den Vogesen hergestellt, wohin im Jahr 1036 Reliquien der Heiligen kamen und wo sich das Buch bis zur Säkularisation befand. Die Rückseite des Einbands wird von einer gravierten Silberplatte geziert, die eine Darstellung Christi als Sieger über Schlange und Drache nach Psalm 91 zeigt.
Die Abtei Reichenau entwickelte sich im Frühmittelalter zu einem überregionalen Player. Sie war sowohl in der geistlichen als auch in der weltlichen Sphäre hervorragend vernetzt. Die Kontakte reichten von Skandinavien bis nach Nordafrika, von Irland bis nach Byzanz und sogar bis Jerusalem. Das Königskloster Reichenau war in der Zeit der Karolinger, Ottonen und frühen Salier eines der bedeutendsten politischen und kulturellen Zentren des Reichs.
Viele Reichenauer Äbte und Mönche stiegen durch enge Beziehungen zu Herrschern wie Karl dem Großen oder Otto III. zu einflussreichen Angehörigen des Hofs auf. Und so war die Reichenau auch prägend in der Schöpfung und Weiterentwicklung von Herrscherbildern, die heute noch allgemein bekannt sind und zu Ikonen mittelalterlichen Kaisertums wurden.
Den Auftakt bildet hier ein wiederum doppelseitiges Widmungsbild im „Liuthar-Evangeliar“ aus dem Aachener Domschatz. Die linke Seite nimmt in geradezu dramatischer Reduktion zentral die Figur des Mönchs Liuthar ein, der vor einem auf der Spitze stehenden quadratischen Zierfeld nach rechts schreitet. Er überbringt nicht irgendjemandem den Prachtkodex, sondern dem Kaiser selbst. Es wirkt schier unglaublich, mit welchem Selbstverständnis der Hersteller von der alamannischen Klosterinsel sich fast auf Augenhöhe dem Herrscher nähert, begleitet oben und unten von je zwei Purpurstreifen mit Goldschrift und den Worten: „Mit diesem Buch möge dir, Kaiser Otto, Gott das Herz bekleiden; möge es dich erinnern an Liuthar, von dem du es empfingst.“
Abstrakte Darstellungen der Herrschaftsstruktur im Reich
Die Figur des Kaisers mit dem Reichsapfel und ausgebreiteten Armen hat man mit Otto III. identifiziert. Sie verkörpert aber nach Klaus Gereon Beuckers vielleicht eher das abstrahierte Kaisertum selbst, wie auch die anderen Personen eher Stände als bestimmte Personen am Hof darstellen.
Die Herrscherfigur ist etwa gleich groß wie der Mönch, aber in übermenschlicher Weise erhöht durch sein christusähnliches Erscheinungsbild. Der Herrscher thront in der oberen Mitte wie der Weltenrichter vor einer Mandorla, umgeben von den vier Evangelistensymbolen Stier, Engel, Adler und Löwe, die ein unbeschriftetes langes Schriftband vor ihm halten, während eine große göttliche Hand aus dem Himmel kommend ihm das gekrönte Haupt segnet.
Eine kauernde Frauenfigur, die Erde (terra), stemmt den Thron des Kaisers empor. Seitlich von ihr stehen zwei gekrönte Gefolgsleute des Kaisers mit Lehnswimpeln. Auf einer unteren Ebene folgen dann noch zwei geistliche und zwei weltliche Autoritäten, wahrscheinlich symbolisch stehend für Erzbischöfe und Fürsten, die an der Königserhebung beteiligt sind. Das Evangeliar übergab der Kaiser offensichtlich der Aachener Stiftskirche. Es blieb dadurch eng mit dem Krönungsort der deutschen Könige verbunden, auch wenn in der Handschrift nicht näher darauf Bezug genommen wurde.
Charakteristisch für die Reichenauer Buchmalerei ist die große Vielfalt an Ornamenten, Tier- und Menschendarstellungen, insbesondere im Zusammenhang mit biblischen Szenen und Widmungsbildern, die teilweise nie zuvor auf diese Weise dargestellt worden waren. Damit prägten die Reichenauer Maler, ebenso wie mit den berühmten Wandmalereien in St. Georg in Oberzell aus dem 10. Jahrhundert, die künftige Kunst des mittelalterlichen Europa mit.
Leider ist nur sehr wenig über die Werkstattpraxis in frühmittelalterlichen Skriptorien bekannt, abgesehen von Beobachtungen an den Handschriften selbst. Die ältesten schriftlichen Beschreibungen und Bildquellen stammen aus dem 12. Jahrhundert.
Auf dem „St. Galler Klosterplan“ verorteten die Reichenauer Mönche die Schreibwerkstatt in direkter Nachbarschaft zum liturgisch bedeutendsten Bereich der Klosterkirche, dem Sanktuarium im östlichen Chor, und zwar auf der Nordseite. Darüber haben sie laut Beischrift die Bibliothek angeordnet.
Das Kloster auf der Insel Reichenau mit damals etwa 100 Mönchen, das schon zu Reginberts Zeit laut dessen Bücherliste über einen Bibliotheksbestand von über 400 Bänden verfügte, besaß sicherlich auch genügend Platz und geeignete Räume für die Handschriftenproduktion oder hat diesen nach und nach geschaffen.
Die Schreiber verarbeiteten für eine Prachthandschrift Pergament aus Häuten von rund 50 Tieren, bevorzugt Lämmern und Kälbern. Das macht die wirtschaftliche Potenz deutlich, welche die Grundlage für ein florierendes Skriptorium bildete. Die vorbereiteten Häute hat man zu Doppelblättern zugeschnitten und gefaltet zu Lagen ineinandergelegt. Später wurden diese als Buchblock geheftet, also vernäht. Das Layout einer Seite und die Linien wurden mit Messer und Lineal leicht angerissen. Für die nach dem Schreiben hinzugefügten Buchmalereien musste entsprechend Platz vorgesehen und freigelassen werden.
Die Reichenauer Buchmaler haben selbst Schreiber bei der Arbeit dargestellt, allerdings überhöht in Gestalt der vier Evangelisten oder der Kirchenväter, die oft am Beginn der Evangelienhandschriften beziehungsweise ihrer jeweiligen Texte ins Bild gerückt wurden. Man sieht sie in der Regel an Schreibpulten sitzen, wie sie an Kodizes oder Schriftrollen arbeiten. Schreibinstrumente sind dabei Federkiele und Federmesser zum Spitzen derselben sowie Tintenhörner oder -fässchen.
Notizen auf Wachstäfelchen
Es kommt auch vor, dass Assistenten des Hauptschreibers mit dem Griffel (Stilus) Diktate oder Notizen auf einer wachsbestrichenen hölzernen Schreibtafel festhielten, wie sie seit der Antike üblich waren. Die Einritzungen konnten später mit dem spatelförmigem Kopf des Griffels wieder „gelöscht“ werden. Zwei Stili aus Silber und Bronze sind am Ufer der Reichenau gefunden worden.
Robert Fuchs und Doris Oltrogge haben sechs Handschriften der seit um 1000 entstandenen Liuthar-Gruppe hinsichtlich der verwendeten Farbpigmente untersucht. Die Manuskripte in Bamberg und Wolfenbüttel weisen demnach „eine weitgehend übereinstimmende Farbpalette auf, zu der Mennige, Flechtenfarbstoff, Schildlausfarblack, roter und gelber Ocker, Lapislazuli, Indigo, ein Kupferchlorid enthaltendes Kupfergrünpigment, Bleiweiß, Kreide oder Gips sowie Kohlenstoffschwarz gehören. Daneben scheint in olivfarbenen Mischungen bisweilen Grünerde vorzuliegen, vereinzelt zudem Saftgrün“. Ebenfalls vereinzelt wurden Auripigment und vielleicht Azurit nachgewiesen.
Des Weiteren stellte man fest: „In allen untersuchten Reichenauer Handschriften wurde sehr reines Gold als Metalltusche für Initialen und Auszeichnungsschriften sowie in den Bildern verwendet.“ Damit standen den Malern des Inselklosters alle damals gängigen heimischen und importierten Farbstoffe zur Verfügung, auch teure von weit her wie Lapislazuli aus Afghanistan. Die Maler haben sie mit großer Lust am technischen Experimentieren eingesetzt.
Noch einmal zurück in die Zeit Reginberts. Damals wirkte der wohl erste permanente Klosterlehrer auf der Reichenau, Wetti (gest. 824). Die lateinische Bibel (Vulgata) bildete im Mittelalter die Grundlage des christlichen Lebens. Daher war es die Hauptaufgabe der Klosterschulen, Latein zu lehren. Persönlichkeiten wie der Lehrmeister Wetti oder viel später Hermann der Lahme (siehe Artikel Seite 36), verschafften der Reichenauer Klosterschule bis ins 11. Jahrhundert hinein einen ausgezeichneten Ruf. Im Inselkloster wurden aber nicht nur die eigenen Mönchsanwärter, die Novizen, sondern auch weitere Schüler unterrichtet, die zumeist ebenfalls Adlige waren.
Die Bibliothek bildete die Grundlage für die Ausbildung der Mönche. Zentral waren daher Bibelkommentare und andere religiöse Schriften. Ein reger Austausch mit anderen Klosterbibliotheken – am Bodensee, in Frankreich, Oberitalien und Irland – ermöglichte der Reichenau den Zugriff auf gefragte Texte und neueste Erkenntnisse. Die Folge war ein schnelles Wachstum des Bücherbestands.
Neben dem Spracherwerb in den Fächern Grammatik, Rhetorik und Dialektik lehrten die Mönche auch Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik – diese bildeten seit der Antike den Kanon der „Sieben Freien Künste“. In der Reichenauer Klosterbibliothek befinden sich seit der Mitte des 9. Jahrhunderts bedeutende antike und nachantike Werke, die das Aufgreifen klassischen Wissens im Kloster belegen.
Für den karolingischen Bildungsauftrag, der in den Benediktinerklöstern Fuß fasste, waren etwa Cassiodors „Institutiones“ („Einführung in die geistlichen und weltlichen Wissenschaften“, Mitte 6. Jahrhundert) von grundlegender Bedeutung, worauf Felix Heinzer hingewiesen hat. Abt Ruadhelm (im Amt 838 – 842) ließ den Text neben anderen als gezielte „Neuanschaffungen“ im Reichenauer Skriptorium kopieren. In Bücherverzeichnissen seiner Amtszeit finden sich im selben Kontext auch Abschriften von Vitruvs „De Architectura“ („Über die Architektur“, 1. Jahrhundert) und Hyginus’ „De Astronomia“ („Über die Astronomie“, vor dem Jahr 4).
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