Eloquent verfolgte das Bildnis in Deutschland seine künstlerische Bahn besonders um 1900, desgleichen mit den ausgestellten Vertretern Corinth, von König, Slevogt, ferner mit weniger erforschten Einzelgängern wie Zumbusch und Exter. Die Konzentration auf die reine Bildnismalerei blieb selten. Franz von Lenbach gehörte zu den Stilikonen der Portraitkunst. Mit seiner Potentatengalerie schöpfte er gesellschaftlichen Ruhm ab, die Einseitigkeit der Bildniskunst im Alter schmerzlich konstatierend. In Nachbarländern wurde ein hoher Status der Portraitkunst über wesentlich längere Zeitachsen als in Deutschland gepflegt. So prosperierte in England schon seit William Hogarth die Bildnismalerei bis hin zur „Portraitmanufaktur“. In Italien zielte sie lange auf das favorisierte Familienbildnis. In Frankreich strahlte ihr Stern über Jahrzehnte nach der Phase der Eleganz und Repräsentation mit dem künstlerischen Impetus von figurativen Ganzfiguren eines Renoir und Monet.
Die Ausstellung zeigt Verarbeitungen und Rezeptionen, zum Beispiel bei Johann Heinrich Ramberg die Einflüsse des Engländers Joshua Reynolds oder bei Karl Joseph Stieler die Vorbildfunktion seines Lehrers François Gérard. Das Hauptwerk von Otto Scholderer Mädchen mit einer Schüssel Kirschen lebt von den Erfahrungen des Künstlers mit belgischer, britischer und französischer Malerei.
Dass sich das 19. Jahrhundert mehrfach spaltete, kommt in der Auswahl selbstredend zum Tragen. Dies reflektiert auch die Akademieausbildung der Künstler. Deutsche Zöglinge ergriffen am Beginn des Jahrhunderts die Chance, authentisch die Meister französischer Malerei in ihren Pariser Ateliers arbeiten zu sehen und dort zu studieren. Der Berliner Wilhelm Wach lernte so in den Werkstätten von Jacques-Louis David und Antoine-Jean Gros. Von ihm brilliert in der Präsentation das Typenbildnis einer Italienerin.
Die Portraitkunst spiegelt Eitelkeiten, Schönheitsideale, Profilneurosen genauso wider wie formalen Erfindungsreichtum, ausgedrückt unter anderem im Charakterbildnis, Künstlerselbstbildnis, Atelierstück, ferner im repräsentativen Ausstattungsstück, Typenbildnis, in der genremäßigen Situationsstudie sowie der Gruppen- und Familiendarstellung. Im Bildnis werden Lebenswerte sichtbar – gelebte, gewünschte und erdachte. Wie stelle ich mich dar? Wie sieht mich das Gegenüber? Was bestimmen Zeit und Welt? Solche aktuell klingenden Fragen zum ins rechte Licht gesetzten Menschen beschäftigten das bildersüchtige 19. Jahrhundert in mannigfachen Darstellungsweisen. Dabei verlangt die Sprache des Antlitzes und des Körpers eine besondere Begabung des Künstlers, physische und psychische Kondition des Modells zu erfassen. Schon die Griechen wussten um Macht und Manipulation eines Bildnismalers, wenn es hieß: Die Portraitisten seien Menschenbildner. In der Sammlung des Museums Georg Schäfer gehört das repräsentative Ausstattungsstück zum Ausgesparten. Die „Fälle“ – Ferdinand von Rayskis Gemälde Die drei Kinder des Freiherrn von Bechtolsheim und Anselm Feuerbachs Modell-Paradestück Bildnis einer jungen Römerin – liegen anders, explizit gerichtet auf die Adelung der künstlerischen Idee.





