Dieses Paradox charakterisiert jedoch nicht nur die Begräbniskultur, sondern auch das Amt und die Stellung des Dogen selbst innerhalb der „Serenissima Repubblica“. Auf symbolischer Ebene war der Status des Dogen derjenige eines principe, eines regierenden Fürsten. Gleichzeitig schrieb das politisch-theologische Selbstverständnis Venedigs dem Dogen eine halbreligiöse Rolle zu, galt der principe doch als Vertreter von Markus auf Erden und als Vermittler zwischen himmlischer und irdischer Herrschaft. Die öffentlichen Zeremonien unterstrichen diesen Charakter des Amtes.
Dem herausgehobenen Rang entsprach die tatsächliche Macht des Dogen jedoch keineswegs. Auf politischer Ebene war der Doge nämlich in der sorgfältig ausbalancierten Machtteilung der Republik – zumindest in der Theorie – nichts weiter als der Primus inter Pares, der Erste unter Gleichen, ohne die Möglichkeit, unabhängige politische Entscheidungen zu treffen. Eine öffentliche Selbstdarstellung der Dogen war in Venedig nicht nur verpönt, sondern durch mehrere Gesetze verboten. Diese untersagten sogar das Anbringen der Wappen außerhalb des Palazzo Ducale und jegliche öffentliche Inschrift oder figürliche Darstellung des Dogen.
Ausgehend von diesem Widerspruch zwischen der offiziellen Abneigung gegen jede Form des Personenkultes und den dennoch entstandenen prunkvollen Monumenten, befasst sich das Forschungsprojekt „Memoria Serenissima: Erinnerungskultur der venezianischen Dogen“ unter anderem mit der Frage nach den Motiven für den veneziani‧schen Grabmalspomp. Es soll untersucht werden, wie die Venezianer die Kluft zwischen prächtiger individueller Repräsentation und republikani‧schem Gleichheitsideal überbrücken konnten.
In Zusammenhang mit den Ergebnissen einer internationalen Tagung zu den Dogengrabmälern 2010 wurde ein „Katalog der venezianischen Dogenmonumente“ erstellt und damit ein wichtiger Schritt zu einer Gesamtschau der „Memoria Serenissima“ getan. Im Zug der Erfassung der Dogenmonumente wurde eine Materialsammlung zusammengetragen, die eine wertvolle Grundlage für weitere quantitative und statistische Untersuchungen zur venezianischen Erinnerungskultur bieten kann.
Die im Katalog erfassten Kategorien wie etwa Begräbnis-ort, Datierung, Auftraggeber, Künstler, Materialien, Benennung der figürlichen Darstellungen und der Porträtform, aber auch Informationen über Zerstörungen oder Verlegungen, sowie die spezielle venezianische Grabmalstypologie (verschiedene Arten von Grabmälern), die Transkription der vorhandenen Inschriften und die Sichtung der Dogen-Testamente sind in Bezug auf eine Vielzahl von Fragestellungen auszuwerten. Wann wurden welche Kirchen bevorzugt und warum? Was könnte eine statistische Erhebung der Begräbnisorte über das Amtsverständnis aussagen? In welchen Zeiten (oder politischen Krisen) wurden besonders aufwendige Grabmäler gebaut? Welche Allegorien, Figuren oder szenischen Darstellungen gehörten zum Kanon der Dogengrabmäler? Tauchen Motive der venezianischen Staatsikonographie auf ? Welche typologischen Eigenheiten können beobachtet werden? Wie veränderte sich die Darstellung des Dogen?





