Toulouse im Jahr 1761. Der älteste Sohn des Tuchhändlers Jean Calas starb unter ungeklärten Umständen im Haus seiner Eltern. Wahrscheinlich hatte er sich das Leben genommen. Wenig später mußte sich der Vater des Toten wegen Mordes vor der Strafkammer des Toulouser Parlaments verantworten. Dieses Parlament war keine Volksvertretung im modernen Sinn, sondern ein Gerichtshof der noblesse de robe, des privilegierten Amtsadels.
Der Grund für die Anklage: Jean Calas war Protestant und gehörte damit einer Religionsgemeinschaft an, die im französischen Königreich seit 1685 verboten war. Bei der katholischen Bevölkerungsmehrheit der Stadt Toulouse war die Erinnerung an die religiösen Konflikte der Vergangenheit noch sehr lebendig. Zudem hatte der Siebenjährige Krieg zwischen Frankreich und der protestantischen Seemacht England (1756–1763) alte Ressentiments verstärkt: Viele Katholiken betrachteten ihre hugenottischen Nachbarn als potentielle Verräter, zumal es in Südwestfrankreich erst kurz vor dem mysteriösen Todesfall wieder zu protestantischen Unruhen gekommen war. Inmitten dieser Atmosphäre des konfessionellen Hasses entwickelte sich ein folgenschweres Gerücht: Der Sohn des Tuchhändlers Calas habe zum Katholizismus übertreten wollen und sei deshalb von seinem Vater und einigen fanatischen Komplizen ermordet worden. Die radikale Bruderschaft der „Weißen Büßer“ bahrte den Toten in der Kathedrale auf, wo er als Märtyrer des wahren, des katholischen Glaubens verehrt wurde.
Jean Calas hatte keine Chance. Auf der Grundlage fragwürdiger Zeugenaussagen verurteilten ihn die Richter des Toulouser Parlaments zum Tod auf dem Rad. Vor der Hinrichtung sollte ihm durch Folter ein Geständnis abgerungen werden. Aber Calas gestand nicht. Nach unbeschreiblichen Qualen starb er am 10. März 1762 auf der Place Saint Georges in Toulouse…
Peter Geiss





