Es ist kein Zufall, dass das Hygiene-Museum am 1927 so getauften Lingnerplatz liegt. Denn der Namensgeber, der Unternehmer Karl August Lingner (1861–1916), stand am Anfang dieser einzigartigen Einrichtung. Lingner war seit den 1890er Jahren mit dem Mundwasser „Odol“ reich geworden. Die Beschäftigung mit dem Thema Desinfektion hatte sein Interesse an der Gesundheitsfürsorge geweckt.
Wie schlecht es zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die Gesundheit breiter Bevölkerungskreise stand, zeigt ein Blick auf die Säuglingssterblichkeit. 1910 starben noch rund 150 von 1000 Kindern innerhalb des ersten Lebensjahrs (heute sind es im Durchschnitt drei Kinder) – mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung waren zentrale Gründe dafür. Das wollte Lingner ändern, und zwar durch volksnahe Aufklärung. 1911 organisierte er in Dresden die „1. Internationale Hygiene-Ausstellung“. Diese zog von Mai bis Oktober fünf Millionen Besucherinnen und Besucher an, eine gigantische Zahl, die bis dahin allenfalls von Weltausstellungen übertroffen wurde.
1912 wurde auf Lingners Initiative das Hygiene-Museum (noch ohne eigenes Gebäude) gegründet. In einer Denkschrift formulierte Lingner das Ziel so: „Das Hygiene-Museum soll Stätte der Belehrung sein für die ganze Bevölkerung, in der jedermann sich durch Anschauung Kenntnisse erwerben kann, die ihn zu einer vernünftigen und gesundheitsfördernden Lebensführung befähigen.“
Erst 14 Jahre nach Lingners Tod bezog das Museum 1930 anlässlich der „2. Internationalen Hygiene-Ausstellung“ das von Wilhelm Kreis erbaute Gebäude: eine eigenwillige Mischung aus Bauhaus-Anklängen und monumental-klassizistischen Elementen. Dort ist auch heute – nach weitgehender Zerstörung im Februar 1945 und umfassender Sanierung Anfang der 2000er Jahre – sein Standort. Als Attraktion erwies sich von Anfang an der „Gläserne Mensch“, eine transparente lebensgroße Figur, die alle anatomischen Details des Körpers sichtbar macht. Aktuell zeigt das Hygiene-Museum die „Gläserne Frau“.
Seit 1933 stellte das nationalsozialistische Regime die Vermittlungskompetenz des Museums in den Dienst seiner Ideologie. Im Sinne der „Rassenhygiene“ wurde zum Beispiel die These untermauert, dass Behinderte der „Volksgemeinschaft“ keinen Nutzen brächten und daher „nicht lebenswert“ seien. Mehrere Sonderausstellungen, so „Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen“ (2018), belegen, wie sich das Museum kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt.
Zu DDR-Zeiten vermittelte die Einrichtung das Wissen über gesundheitsfördernde Lebensführung. Allerdings diente sie dem SED-Regime auch als Devisenbringer: Denn dort wurden hochwertige biologisch-anatomische Unterrichtsmittel produziert, die sich weltweit verkauften. Gefragt waren etwa sogenannte Moulagen – lebensecht an Patienten abgeformte Körperteile zur Darstellung von Krankheitsbildern. Zahlreiche dieser kleinen Kunstwerke lassen sich mit einem gewissen Gruseln im Museum betrachten.





