Wer tief in der Nacht im viktorianischen London unterwegs war, konnte dabei durchaus einem der damals bekanntesten Schriftsteller begegnen. Charles Dickens litt zeitlebens unter Schlaflosigkeit. Anstatt sich im Bett hin- und herzuwälzen, stand er oft auf und machte kilometerlange nächtliche Streifzüge durch die Stadt an der Themse – und entwickelte in seinen Gedanken dabei die unvergesslichen Figuren seiner Bücher.
Im Dezember 1843 schlief der 31-jährige Dickens wieder einmal besonders schlecht, denn er stand unter Zeitdruck. Der Autor, der seit seinem ersten großen Erfolg „Oliver Twist“ (1838) eine Berühmtheit war, sehnte den nächsten Bestseller herbei. Schließlich wollte er der wachsenden Familie – das fünfte Kind war unterwegs – weiterhin ein Leben in Wohlstand bieten. Er arbeitete an einer Erzählung mit einem weihnachtlichen Thema, die rechtzeitig fertig sein musste.
Weihnachten war zu dieser Zeit in Großbritannien gerade wieder im Kommen. Um 1800 hatte es im Festkalender kaum mehr eine Rolle gespielt. Die Zeiten, in denen die Geburt Christi mit tagelangen Festen bis zum 6. Januar wie eine Art zweiter Karneval begangen wurde, lagen lange zurück. Ähnlich wie auf der „Zwölf Nächte“-Feier, die auf dem Cover dieser Ausgabe zu sehen ist, ging es einst auch auf den Britischen Inseln zu. Die strenggläubigen Puritaner und ihr Anführer Oliver Cromwell lehnten all dies ab. Sie erließen noch während des Englischen Bürgerkriegs (1642–1649) im Juni 1647 ein Verbot für das Feiern von Weihnachten. Das Gesetz blieb bis zur Restauration der Monarchie 1660 in Kraft. Dieser drastische Eingriff wirkte auf den Britischen Inseln lange nach.
Großen Einfluss auf die Wiederbelebung von Weihnachten hatte der Gatte der 1837 gekrönten Königin Viktoria. Albert von Sachsen-Coburg-Gotha machte unter anderem den Christbaum als kulturellen Import aus dem deutschsprachigen Raum bei den Briten populär. Auch die Betonung auf Weihnachten als Fest der Kinder lebte die königliche Familie vor. Damit traf sie einen Nerv beim viktorianischen Bürgertum, in dem das traute Heim und familiäre Feierlichkeiten an Bedeutung gewannen.
Ein Bericht über Kinderarbeit löst Proteste aus
Dickens griff also für seine Novelle einen Trend auf und verband ihn mit einer spannenden Geistergeschichte, ergänzt durch die für ihn typischen sozialkritischen Elemente. Als aktueller Anlass für Letztere diente Dickens der 1842 veröffentlichte Parlamentsbericht zur Kinderarbeit und zur Armut in England. Die schockierenden Ergebnisse lösten eine Welle des Protests aus. Dickens wollte die Öffentlichkeit mit seinem nächsten Werk auf das Thema aufmerksam machen.
„A Christmas carol in prose“ – wörtlich übersetzt „Ein Weihnachtslied in Prosa“, der bekannteste deutsche Titel ist wohl „Eine Weihnachtsgeschichte“ – erschien am 19. Dezember 1843. Innerhalb von sechs Wochen hatte Dickens den Text wie im Rausch niedergeschrieben. In dem Buch wird der Geizhals und Weihnachtsmuffel Ebenezer Scrooge von seinem verstorbenen Geschäftspartner sowie drei Geistern – aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft – heimgesucht. Diese für ihn sehr traumatischen Erscheinungen bringen ihn letztlich zur Besinnung: Aus einem Misanthropen wird ein Philanthrop.





