von MICHAEL KUHLMANN
In der Region zwischen Köln und Kleve genießt Krefeld heute keinen sonderlich guten Ruf: Die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs, aber auch stadtplanerische Eingriffe nach 1945 haben der einstigen Pracht geschadet. Beim Gang durch die Straßen lässt sich kaum noch erahnen, welche Großzügigkeit und Weltläufigkeit hier einst herrschte. Selbst aus dem nahen Düsseldorf kamen in früheren Zeiten Menschen hierher, um edle Kleidung zu erstehen.
Das verdankte Krefeld seiner Textilindustrie und auch seinen „Seidenbaronen“: Das waren die Unternehmen und ihre Fachleute, die im 18. und 19. Jahrhundert die Stadt zu einer Drehscheibe im internationalen Geschäft mit Samt und Seide gemacht hatten. Ihr Erbe lebt: In Krefelds historischem Vorort Linn residiert seit 1980 das Deutsche Textilmuseum.
Durch die Natur seiner Exponate bedingt, zeigt dieses Haus seine historischen Schätze nur in Sonderausstellungen. Denn würde man eine edle Robe oder einen kostbaren Gehrock in einer Dauerausstellung präsentieren, dann müsste man dort auch für Licht sorgen – und könnte dem empfindlichen Material beim Zerfall zuschauen.
Daher setzt das Museum auf Projekte wie die aktuelle Ausstellung „Prestigesache. Bürgerlicher Kleiderluxus im 18. Jahrhundert“, die noch bis zum 16. Juni 2024 zu sehen ist. Sie zeigt, wie sich das wohlhabende Bürgertum im 18. Jahrhundert kleidete. Seidene Damenroben wie diejenige von 1750: eng tailliert, mit einem aufgebauschten Rock darunter und mit einem schattierten Blumenmuster in Blau und Grau – das freilich noch teurer wirkte, als es tatsächlich war. Oder Herrenwesten wie die beigefarbene von 1780 aus Seide und Leinwandbindung: Ihr sieht man erst aus der Nähe an, wie kostbar sie bestickt ist – ein Schuss Understatement.
Prunkvoll schließlich steht ein etwas jüngerer „Habit à la française“ da, ein Herrenanzug aus Rock, Weste und Kniebundhose, dessen Träger damit vermutlich den Hof Napoleons I. aufsuchte: Auf edlem Samtstoff kombinierte der Schneider effektvoll goldene und farbige Seidenstickereien.
All diese Stücke wurden in Handarbeit nach Maß angefertigt, denn es gab damals weder Nähmaschinen noch Normgrößen wie heute. Aber edelste seidene Kleidung leistete man sich sogar für Neugeborene: Die Schau zeigt auch ein Jäckchen und zwei Häubchen aus Krefelder Produktion – blaue Seide mit einem rosa-grünfarbenen Blumenmuster und wohldosierter metallener Spitze.
Leisten konnten sich das eher die oberen Tausend als die oberen Zehntausend. Etwas preiswerter geriet es, wenn man dem Schneider vorkonfektioniertes Material auf den Tisch legte: Gut einen Meter lang ist die dunkelgraue Samtbahn, in welche die Krefelder Firma Friedrich & Heinrich von der Leyen bereits das Muster für die Vorderpartie einer Herrenweste eingewoben hatte.





