Mit zwei praktischen Zugängen gelingt es Bührer, ihr umfangreiches Thema in Ausschnitten konkret und anschaulich zu präsentieren. So stellt sie das Kriegsgeschehen in der einstigen deutschen Kolonie anhand entscheidender Schlachten sowie militärischer Entwicklungen in das Zentrum ihrer Publikation und bettet diese ein in geostrategische Rahmenbedingungen und Atmosphären der damaligen Zeit. Untersetzt wird dies durch die Erörterung der Strukturen und Aktionskreise der deutschen Schutztruppe sowie deren kolonialpolitische Ambitionen.
Im Kontrast dazu legt sie offen, mit welchen Strategien sich die so angegriffenen Regionalreiche – durchaus erfolgreich – gegen ihre deutschen Widersacher zur Wehr setzten. Integriert werden dabei die sozialen Umstände lokaler (teils untereinander konkurrierender) Völker und Autoritäten, wodurch ihr Vorgehen erst schlüssig erkennbar wird. Sinnvoll ergänzt wird dies dankenswerterweise durch übersichtliche Landkarten und eine ereignisgeschichtliche Kurzchronik. Das so aufgeblätterte Wechselspiel zwischen Angreifern und Unterdrückten liest sich anregend und macht Lust auf mehr.
Hier stößt die Schrift aber an ihre Grenzen, da sie auf die Angabe von Quellen komplett verzichtet (warum eigentlich?). Nicht immer als bekannt voraussetzbare Kontexte fehlen daher. So wird das Agieren der Schutztruppe teils redundant und nur vage mit „rassistischer Arroganz“ und „eurozentrischen Vorstellungen“ erklärt. Auch drastische, konjunktiv formulierte Schilderungen wie die taktische „Verschleppung zehntausender“ Frauen im Maji-Maji-Krieg bleiben ohne Beleg. Ärgerlich ist, dass in einer Rückschau suggeriert wird, deutsche Kontakte zum ab 1961 souveränen Tanganjika (ab 1964 Tansania) wären rein westdeutsch gewesen – befasste sich die DDR etwa nicht mit dem dortigen antikolonialen Unabhängigkeitskampf?
Mehr Genauigkeit hätte es auch bei dem zu starren Versuch bedurft, in diesem begrenzten Rahmen auch noch die deutsche Kolonialzeit Namibias zu streifen. So fasste der Deutsche Bundestag seinen Beschluss zur „besonderen Verantwortung für Namibia“ und (auch dieses wichtige Detail fehlt) „alle seine Bürger“ nicht erst 1990 nach, sondern im März 1989 bereits vor dessen Unabhängigkeit (als Namibias nahezu friedlicher Weg zur Freiheit längst nicht sicher war). Ein zweiter Beschluss zu den „besonderen“ deutsch-namibischen Beziehungen von 2004 bleibt ganz unbeachtet. All das mögen marginale Leerstellen sein, die aber dem Publikum die eigene Urteilsbildung erschweren und die inhaltliche Tiefe des facettenreichen Bandes schmälern.
Rezension: Dr. Daniel Lange
Tanja Bührer
Kolonialkriege in Ostafrika 1885–1914
Widerstand, Unterdrückung und die Schatten der Geschichte
Reclam Verlag, Ditzingen 2025, 160 Seiten, € 18,–





