Die Niederlage, die Frankreich im Mai und Juni 1940 erlitt, war mehr als ein militärisches Desaster. Obwohl Frankreich als eine der wichtigsten Militärmächte der Welt galt, brach es innerhalb weniger Wochen unter dem Druck von Hitlers Armeen zusammen. Durch die militärische Niederlage geriet auch die politische Ordnung ins Rutschen: Die Krise mündete in einen Regimewechsel, die Republik wich einer neuen Staatsform, und das in atemberaubendem Tempo. Ein so schneller militärischer und politischer Zusammenbruch verlangt Erklärung und Einordnung.
Frankreich trat in den Zweiten Weltkrieg unter völlig anderen Vorzeichen ein als in den Ersten. Innenpolitisch war das Land seit Jahren polarisiert. Die Volksfront von 1936, eine Koalition aus Léon Blums Sozialisten, Radikaldemokraten und Kommunisten, hatte im linken Lager Hoffnung geweckt, im rechten Lager jedoch Feindschaft geschürt. Blum, als erster jüdischer Regierungschef Frankreichs, wurde zur Projektionsfläche, auf der sich Antisemitismus mit der Furcht vor sozialer Unruhe und „Bolschewisierung“ verband. Der Philosoph Emmanuel Mounier brachte diese Stimmung 1938 in einem Satz auf den Punkt: „Man wird das Verhalten dieses Teils des Bürgertums nicht verstehen, wenn man ihn nicht halblaut murmeln hört: lieber Hitler als Blum.“ Für Mounier war das eine Anklage gegen Milieus, die von den Streiks und Sozialreformen der Volksfront so verunsichert waren, dass sie autoritäre Lösungen zunehmend attraktiv fanden und offen das Ende dessen verlangten, was sie als republikanische „Dekadenz“ brandmarkten.





