In den Bibliotheksbeständen der Zisterzienserklöster Nordfrankreichs – der Abtei Clairvaux in der Champagne und ihren Tochterklöstern – befinden sich hunderte Manuskripte aus dem Mittelalter. Bei Dutzenden von ihnen werden die Pergamentseiten von inzwischen abgenutzten Umschlägen aus bräunlichem Fell zusammengehalten. Diese handschriftlichen Manuskripte stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert und wurden von den Mönchen damals mit sogenannten Romanischen Einbänden aus Tierhäuten versehen. Doch von welcher Tierart stammt das pelzige Leder?
Einbände aus weißem Robbenfell
Das hat nun ein Team um Élodie Lévêque von der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris anhand von 22 dieser Bücher aus Clairvaux und Clairmarais untersucht. Unter dem Mikroskop zeigte sich, dass die erste Umschlagsschicht jeweils aus Schafsleder bestand. Doch der zweite, äußere Umschlag, dessen Leder noch mit Fellresten bestückt war, stammte nicht wie bisher angenommen von Hirschen oder Wildschweinen, wie Lévêque anhand der Haarstruktur feststellte. Um herauszufinden, um welche Tierart es sich stattdessen handelt, verglichen die Forschenden mit Spektrometern die Proteine aus Fellproben von neun Büchern mit bekannten Haut- und Haarproteinen verschiedener Tiere.

Die Analyse ergab überraschend, dass es sich bei den Buchumschlägen nicht um die Haut von Landtieren, sondern um Robbenfell handelt. Bei einem Umschlag konnte sogar die Art identifiziert werden: eine Bartrobbe (Erignathus barbatus). Allerdings gab es damals an der Nordküste Frankreichs gar keine Robben, die Bartrobbe kommt sogar ausschließlich in der Arktis vor. Zudem lagen die Klöster nicht an der Küste. Nachfolgende DNA-Vergleiche bei sieben der Bücher bestätigten jedoch den ersten Befund: Es handelt sich um Robbenhaut. Die DNA enthüllte zugleich, wo die Tiere einst lebten. Vier der getesteten Felle stammten von Tieren, die mit heute lebenden Seehunden (Phoca vitulina) aus den Meeren um Skandinavien und Schottland verwandt sind. Ein weiteres Fell stammt von einem Tier, das mit Sattelrobben (Pagophilus groenlandicus) aus Grönland oder Island verwandt ist.
Die Forschenden durchforsteten daraufhin erneut die Bestände der Klosterbibliotheken der Zisterzienser und identifizierten insgesamt 43 Bücher mit ähnlich gefertigten Umschlägen aus Robbenfell – in Frankreich sowie in Belgien und England. Sie schließen daraus, dass dieses Material im Mittelalter ein durchaus gängiges Mittel zum Einbinden von wertvollen Manuskripten war. Demnach nutzten die Mönche nicht nur die Haut von heimischen Tieren. Die Einbände aus Robbenfell waren damals wahrscheinlich nicht so braun, wie sie heute aussehen, sondern hellgrau bis weiß – passend zur bevorzugten Farbe dieser Mönche. „Zisterzienser sind für ihre Vorliebe für weiße Kleidung und Gegenstände bekannt“, schreiben die Forschenden. Mit ihren „weiß“ eingebundenen Büchern könnten sie sich demnach von den Benediktinern abgehoben haben, die eher dunkle Textilien bevorzugten, spekuliert das Team.






