Briefe stellten in der Frühen Neuzeit nicht nur die wichtigste Kommunikationsform dar, sondern waren auch zentraler Bestandteil der galanten Kultur, also des gesellschaftlichen Umgangs an den europäischen Höfen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts, der auf Adel und gebildete Kreise ausstrahlte. Seit dem 16. Jahrhundert wurden in Italien und Frankreich Briefsammlungen ausgewählter Autorinnen und Autoren publiziert und in den mondänen Zirkeln gelesen. Auch unveröffentlichte Briefe las man in den Salons häufig gemeinsam und diskutierte darüber.
Die stilistischen und rhetorischen Anforderungen an einen gelungenen Brief sowie die Wahl angemessener Sujets unterlagen dabei einer strengen Etikette. Zahlreiche Handbücher, sogenannte manuels épistolaires, führten daher, aufbauend auf antiken und zeitgenössischen Modellen, in die Kunst des Briefeschreibens ein. Das Erlernen dieser Kommunikationsregeln stellte eine der wichtigsten Säulen der Sozialisierung eines jungen Menschen dar und fungierte als Schlüssel zur höfischen Welt.
Welchen Stellenwert Briefe für das gesellschaftliche Funktionieren hatten, zeigte sich nicht zuletzt anhand ihrer zentralen Rolle innerhalb der Literatur – sei es in Form handlungsbestimmender Objekte, wie das Versenden von Liebesbriefen in den Komödien Molières, oder als strukturgebendes Element wie in Choderlos de Laclos’ ausschließlich aus Briefen bestehendem Romanklassiker „Les Liaisons dangereuses“ („Gefährliche Liebschaften“) von 1782.
Die Pfälzerin kommt mit ihrem eigenwilligen Stil gut an
Für das Verständnis der französischen Briefkultur ist es entscheidend, das ständige, äußerst subtile Oszillieren zwischen stilistischem Regelkorsett und innerem Gefühlsausdruck zu verstehen. Von diesen Spielarten der galanten Konversation, für die insbesondere Madame de Sévigné bekannt ist, grenzte sich die in ihrer Erziehung nicht an die Etikette der französischen Hofgesellschaft herangeführte Liselotte zeitlebens bewusst ab. Dennoch, oder vielleicht zum Teil gerade deswegen wurde ihr Stil von vielen ihrer Zeitgenossen geschätzt.
Elisabeth Charlotte – so unterzeichnete sie ihre Briefe – selbst verfasste in ihrem Leben bis zu 60 000 Briefe, von denen rund 6000 erhalten sind. Das Korpus reicht von kurzen Billets über offizielle Schreiben an unterschiedliche europäische Adelige in ihrer Rolle als Madame bis zu ihrer ausufernden privaten Korrespondenz, insbesondere mit ihrer Tante Sophie von Hannover, die sich häufig über viele Seiten erstreckt. Dieser intensive, teils fast tägliche Kontakt kompensierte über Jahrzehnte hinweg die Schwierigkeit eines persönlichen Wiedersehens, derer sich die beiden Frauen nur allzu bewusst waren.
In ihren Briefen entpuppt sich Liselotte als große Leserin und Theaterliebhaberin. Ihre Kommentare geben Einblick in das kulturelle Geschehen und den Erfolg bestimmter Werke und Autoren, die heute kaum noch gelesen werden. Sie stellen somit ein wichtiges Werkzeug für die Reevaluierung des literarischen Kanons dar.





